Bikeabout Teil 1: von der Donau bis nach Nepal

Orientexpress I
1. Bericht Johannes

Ulm - Donaustrecke - Istanbul
Launsbach am 13. Mai 1998 beiginnt meine Reise
Wir zwei, ich und Matthias aus Berlin kommend, stoßen in Ulm am 16. Mai 1998 zueinander, um erst einmal den Donauradweg zu testen, nachdem vorher jeder seine ersten Erfahrungen alleine auf seinem Vehikel gemacht hatte. Bevor wir uns auf den Weg machen, schmeißen wir unsere gesamte Ausrüstung zusammen und lassen in Ulm ein Zelt und zwei Pullover zurück.
Montag 18. Mai 1998; unsere ersten gemeinsamem Stunden nebeneinander auf den Rädern. Wir treffen gleich auf den ersten Donauradwanderweg-Bautrupp. Von hier an beginnt die Schnitzeljagd auf der Suche nach den grüngelben Schildern „Radwanderweg". Nach 123 km schöner Donaustrecke schlagen wir uns zum ersten Campieren in die Büsche.
Zweiter Tag: Nach einigen Orientierungsschwierigkeiten halten wir aus Verzweiflung einen Montorradfahrer an, der sich unser erbarmt und uns seine Eruopakarte schenkt, die uns zur groben Orientierung immerhin bis in die Türkei dient. Von da an kommen wir deutlich schneller voran und erreichen nach 3.1/2 Tagen unsere erste Grenze bei Passau: Österreich. Abends durchnäßt erreicht uns ein erstes Unwetter und wir versuchen eine Herberge zu finde. Ein Tiefgarage, von wo es nach oben in eine Jugendherberge ausgezeichnet ist. Dort will man uns aber nicht und erklärt uns, 5 Min. weiter sei die nächste Herberge. Etwa l Stunde später durchnäßt und genervt finden wir sie. Tags drauf bei bestem Radlerwetter gehts weiter die Donau runter, entlang dem schönsten österreichischen Stück des Donauwanderwegs, vorbei an verträumten Weindörfern, die von Reichtum und natürlich auch vom Tourismus nur so strotzen. Wir zerren unsere Räder die Weinberge hoch und haben einen tollen Blick über die Donau. Morgens steht dann schon früh der erste Bauer neben unserem Zelt, kaut seinen Tabak, nickt uns freundlich zu, etwas später der zweite Bauer - bei weitem nicht so freundlich, obwohl es offensichtlich nicht sein Weinberg ist, auf dem wir übernachteten. Mit Rückenwind rasen wir in Richtung Wien. Trödeln etwas zu lange in der Stadt herum, so daß es schon dunkel wird beim Verlassen der Stadt und landen erstmal auf dem Flughafen, bevor wir ein Nachtlager-Platz finden.
7. Tag: Mittags an der Grenze zur Slowakei, dem Land wo das Leben für uns endlich billiger wird. Für 10 Mark futtern wir einmal das Büfett im Pizza Hut hoch und runter. Am gleichen Tag kommen wir nach Ungarn, wo Nahrungsmittel nochmal billiger sind.
Die Donau gehts weiter runter als Orientierung in Richtung Süden zur jugoslawischen Grenze. Erster Versuch der Grenzüberschreitung: nur ein Übergang mit wenig nationalem Verkehr, aber erst beim zweiten Übergang läßt man uns ausreisen. Aber für Jugoslawien bekommen wir kein Visum. Also wieder nach Ungarn rein. Zu allem Überfluß reißt mein hinterer Gepäckträger ab und wir beschließen, unsere Fahrt über Rumänien fortzusetzen, auch wenn bis dahin uns jeder vor diesem Land gewarnt hat.
Am nächsten Tag gleiches Spiel in Nadlac, (an der Grenze Ungarn-Rumänien), man weist uns ab, diesmal nur für LKW-Verkehr geöffnet. Aller guten Dinge sind vier: für DM 80,— Transitvisa läßt man uns in Turnu über die Grenze. Auf einer Transitstraße gehts weiter nach Arad, wo Autos und LKW trotz Schlaglöchern recht schnell entlang brettern. Arad unser erster Eindruck einer rumänischen Stadt. Matthias fühlt sich an seine guten alten DDR-Ostzeiten erinnert: eine absolut runtergekommene Stadt, keine 100 m Straße ohne meterlange Schlaglöcher. Wie die Straßenbahnen vorankommen weiß ich nicht. Über uns fliegen Doppeldecker und sprühen Gift gegen Moskitos, mitten in der Stadt. Abends in Weinbergen suchen wir mal wieder einen Schlafplatz und hören Stimmen, die uns neugierig machen: Vier russiche Jugendliche, die uns gleich die Hände entgegenhalten. Sie sind etwas jünger als wir und mit Händen und Füßen versucht der Anfuhrer mit uns zu kommunizieren. Es sind Kids, die über die russische Grenze huschen um für DM 10 Tageslohn in diesem uns bitterarm erscheinenden Land zu arbeiten. Sie riskieren dabei für ein paar Tage ins Gefängnis zu
kommen.
Wir radeln weiter in Richtung Süden, hier nimmt der Verkehr immer mehr ab.
Am 12. Tag in Deva werden wir von zwei Jugendlichen angesprochen,.in bestem Deutsch erzählen sie uns, daß es oft die Zigeuner wären, die den Ruf Rumäniens so in Mißkredit brächten. Es sind zwei Jurastudenten, deren Urgroßeltern Aussiedlerdeutsche waren. Sie laden uns ein und wir erzählen uns gegenseitig viel von den Ländern aus denen wir kommen, wobei die beiden Rumänen dank Kabel - Satelliten -Fernsehen sehr viel über Deutschland, Kultur und Unkultur wissen. Das ist auch die Erklärung warum beide so gut deutsch können. Selbst die 9-jährige kleine Schwester kann mindestens genau so gut deutsch wie ihre Brüder.
Von Graf Drakula - Dracul und Transilvanien bis hin zum einzigen wahren rumänischen Fortbewegungsmittel, dem DACIA haben wir uns bestens verstanden und waren auch sehr dankbar, nach zwei Wochen ein richtiges Bad nehmen zu können. Deva ist Grenze zwischen dem reicheren Nordosten und dem Rest Rumäniens. Ab hier nahm die Zahl der Pferdekutschen, die den Orientexpress überholten, im Vergleich zu den DACIAS, die uns überholten, stetig zu. Jedes uns überholende Auto hupt beim vorbeifahren . Die Leute auf dem Feld winken uns zu, und sogar die Leute in den Pferdekutschen nicken uns zu, wenn sie nicht gerade schlafen und der Gaul seinen Trott hält. Je südöstlicher wir kommen, werden Pferde durch Ochsen, Esel oder Mulis ersetzt. die schon bald Fortbewegungsmittel No. l werden. Selbst Jugendliche treiben, wenn wir sie überholen, ihren Gaul an.
Am 14. Tag stoßen wir zum ersten Mal wieder auf die Donau, die hier auch Grenzfluß zu Jugoslawien ist. Dies ist wohl der Teil der Donau, der den größten Eindruck auf uns gemacht • hat. Bei knallender Sonne radeln wir durch den Donau-Canyon, dem abgelegensten und schönsten Stück der ganzen Donau. Wenn man die Donau an so vielen Plätzen, Stellen und Städten gesehen hat, kann man sich nicht vorstellen, daß dieser Fluß jemals einen solchen Wandel machen könnte. In einem absolut steilen Tal wird die Donau mal winzig klein, mal riesig, wie Gletschersseen groß. Nahezu kein Verkehr, abgesehen von einigen Soldaten, die unsere Passeports sehen wollen.
1. Juni: internationaler Kindertag in Orsova und lauter Kinder, die uns umringen. Keine 10 km dahinter sehen wir ein Bahnunglück, dabei hatte es auf einer veralteten Brücke parallel zur Donau etwa 6 Eisenbahnwaggons in die Donau gerissen. Wir schauen zu, wie mit einfachsten Mitteln versucht wird, der Lage Herr zu werden.
Weiter in Richtung Osten: am 17. Tag überqueren wir in Turnu Magurele mit einer Schalupe, einem kleinen Fährboot, das ganze 4 x pro Tag fährt, die Donau. Für $ 10 dürfen wir ganz vorne neben der bulgarischen Bugflagge stehen und setzen in unser fünftes Land über. Unser letzter Kontakt zur Donau. Von hier an fahren wir direkt übers bulgarische Hinterland Richtung Schwarzes Meer. Bulgarien macht einen etwas reicheren Eindruck als Rumänien, obwohl das meist gesehene Fortbewegungsmittel Pferd, Muli, Esel bleibt. Der Umgang mit Kindern läßt hier auf etwas mehr Schulbildung schließen. Nach zwei Tagen erreichen wir nachts das Schwarze Meer, testen das Wasser und schlafen draußen im Sand ein. Wir haben unser erstes Etappenziel erreicht.

Am nächsten Morgen schlafen wir aus und lassen uns die Sonne so lange auf den Schlafsack knallen bis wir es nicht mehr aushallen und zur Abkühlung in das kalte Naß des Schwarzen Meers. Nochmal zwei Tage durch das bulgarische Hinterland mit wunderschönen Landschaften, die Straßen gleichen einer Berg und Tal fahrt, wo, Straßenstücke komplett weggeschwemmt sind. Wir erreichen die Grenze zur Türkei hinter Turnacik auf einer Höhe von 720 m. Wir warten 2 Stunden an der türkischen Grenzabfertigung. Ab und zu mal ein Tumultauflauf, wenn Grenzbeamte ein paar Worte in den Wartesaal rufen. Vor uns wartet eine italienische Gruppe von Straßentänzern, die sichtlich nervös werden um noch rechtzeitig zu ihrem Auftritt nach Istanbul zu kommen. Irgendwann immerhin noch vor der Dunkelheit bekommen wir unseren Einreisestempel. Ab in die Türkei.
 Beim Einkauf meine ersten Worte türkisch getestet und die neue Währung a ausprobiert
22ter. Tag: mit den bepackten Rädern fahren in unsere erste türkische Stadt. der Verkehr nimmt zu es sind wieder richtig viele LKW's und Autos auf der Straße. Fast alle hupen uns zu, was irgendwann auch nerven kann. In Kirklareli angekommen versuchen wir erst einmal türkisches Kartenmaterial und neue Sonnencreme zu bekommen. Überall wo wir anhalten fallen wir auf, aber anders als zuvor, umringt man t uns und will alles wissen, auch wenn wir ihre und sie unsere Sprache fast nicht sprechen
Manchmal gibt es jemanden der etwas deutsch oder englisch spricht. Dort wo wir durch die Dörfer radeln, springen Kids hinter uns her und rufen „What's your name", leider hört da ihr Englisch aber schon auf. Wenn wir in einem Dorf an einer Kreuzung halten, bildet sich eine Traube: Männer und Kinder die uns den Weg erklären wollen. Noch immer der erste Tage in der Türkei:. Wir werden von einem Türken von einer dieser Straßen runter gewunken und er gibt uns zu verstehen, daß wir anzuhalten haben. Runter von den Rädern zu der Baumlichtung, wo ein alter Bauwagen steht und eine Quelle fließt. Wir stellen uns vor und werden gleich zu 2 - 3 Raki eingeladen von etwas runtergekommenen Typen, die an dieser Stelle einen Fischimbiß betreiben. Für 2.000.000 türk. Lira bekommen wir zwei Fische aufgeschätzt, die an der Quelle neben uns gekä^hert werden. Ein etwas angetrunkener Mann versucht etwas aus seiner Vergangenheit und dunklen Geschäfte zu erzählen, bis dann der Polizeichf des hiesigen Territoriums hinzukommt und ebenfalls Raki mittrinkt und zur aufgelegten türkisch-orientalischen Musik mitschunkelt. Als man uns zum Übernachten überreden will, beschließen wir, uns doch besser auf die Socken zu machen. 110 km vor Istanbul schlagen wir uns in die Büsche.
23. Tag (9. Juni) Istanbul. Um 8 Uhr sind wir auf dem Rad, 40 km vor der Stadt beginnt der Verkehr schlagartig zuzunehmen und wir düsen auf einer Art Stadthighway in Richtung Innenstadt. Dummerweise kommen wir in einem rein touristischen Teil der Stadt an, wo wir gefundenes Fressen für deutsche Touristen-Omis, aber auch für Kellner mit ihren besten Deutschkenntnissen sind. Ein deutsch-türkischer Restaurantbesitzer lädt uns zum Kaffee und Wasser ein und erklärt uns, daß wir etwas raus aus der Stadt müssen, um ein billiges Quartier auf einem Campingplatz zu finden. So strampeln wir wieder zurück auf dem 6-spurigen Stadthighway 15 km außerhalb   und finden einen netten Campingplatz.
Istanbul
Seit 8 Tagen hängen wir in dieser 14 Millionenstadt fest und kein Tag ohne das etwas passiert. Eine Stadt, die im Zentrum ganz auf Tourismus und Konsum ausgelegt ist und fast jeder versucht die Touristen zu melken.
Unser erster Tag in Istanbul: wir brauchen Visa für Iran, Indien und Pakistan, doch bis wir die iranische Botschaft finden, hat sie geschlossen. Während wir über den Fischmarkt schlendernd werden wir von, Ali auf deutsch angesprochen
 Er lädt uns zu Tee ein, erzählt von seinem angeblichen Geschäft, nimmt sich Zeit und fuhrt uns zu einer Reparaturwerkstatt, wo wir meinen Fahradgepäckträger ein erstes Mal schweissen lassen. Zum Abend lädt er uns zum Essen ein, wir verstehen uns gut, trinken mal wieder Raki. Als es ums Zahlen geht, ist Matthias derjenige der schneller kapiert. Ali fängt an, ob wir nicht die 10.000.000 Lira fürs Essen vorschiessen könnten. Wir übernehmen die Rechnung, aber als Ali dann draußen auch noch nch $ 140 fragt weil sein Auto aus der werkstatt holen will, lassen wir ihn abblitzen, auch nicht für eine so tolle "Rolex" als Ehrenpfand. Die DM 60,- Schaden sehen fürs Essen wir als Lehrgeld an.
Zweiter Tag in Istanbul: nach Informationsaustausch mit anderen Rad-Artgenossen begeben wir uns zuerst auf die pakistanische Botschaft zwecks Visa-Beschaffung. Zufällig treffen wir die Italiener von der Grenze wieder und wir werden zu ihrem Tanzhappening am Abend eingeladen.
Wieder am Fischmarkt, etwas abseits, greifen uns diese Mal 5 Seeleute auf, die eher wie alte Piraten aussehen und laden uns zu einer Runde Wodka ein. Sie erzählen von ihren Fahrten, die in letzter Zeit wohl mehr im Suff als in fernen Ländern endeten. Nichtsdestotrotz echt nette, lustige, unterhaltsam Kameraden. Abends schauen wir uns die Tanzveranstaltung der Italiener an, helfen abbauen und werden dieses Mal wirklich zu einem multikulturellen Abendessen eingeladen. Leider vergehen solche Momente zu schnell.
So warten wir in Istantul auf unser zweites Visum gehen immer wieder zu der iranischen Botschaft und versuchen in der Stadt Ersatzteile für die Räder zu bekommen. Zusammen mit einem Mitstreiter aus England, der auch Richtun Indien will, erkunden wir die Stadt. Trotzdem wird es Zeit weiter zu kommen. In einer Stadt, die so auf Tourismus ausgelegt ist, ist das Leben, zumindest für uns, zu teuer, auch wenn wir trampen oder mit dem Bus fahren, überall zahlt man „Touristen-Unwissenheitszuschlag".
Bis jetzt waren alle Anstrengungen gegenüber dem Erlebten alles wert. Jetzt hoffen wir das Visum für den Iran zu bekommen um endlich in den wahren Orient, auf der anderen Seite des Bosporus, in den Norden der Türkei, am Schwarzen Meer entlang, in Richtung Iran weiter zu radeln.



ORIENTEXPRESS - II. Teil
Mit Visum, neuen Informationen bestückt ziehen wir endlich am 23. Juni nach 20 Tagen warten in Istanbul los. Über den Bosporus mit den Rädern ans andere Ufer Istanbuls wo nun wirklich der Orient beginnt. Mit Hilfe des Kompaß kämpfen wir uns aus der Stadt heraus und nehmen irgenwann die Stadtautobahn in Richtung Ankara. Austos, LKW, Dreck, Gestank und Verkehr, der bei der Hitze kein Ende nehmen will. Istanbul hört und hört nicht auf, immer noch ein Hügel mit Wohnsilos vor uns. Mittags ist der Streß mit einem Schlag vorbei: keine Hauser mehr, kein Verkehr, kein Gestank.
Nachts landen wir geschafft endlich wieder am Schwarzen Meer in einem kleinen Touristennest. Ab hier beginnt die absolute Berg- und Talfahrt - nicht wie vermutet verläuft die Küstenstraße brav am Meer englang, immer wieder gehts weg vom Meer, mit Serpentinen ins Hinderland hoch oder direkte steile Straßen an den Klippen, langgezogene steile Rampen nach oben. Unsere 24 Gänge werden voll ausgenutz. Oben angekommen vergißt man allzuschnell die Qual, fühlt sich frei, sieht den nächsten Hügel und rast an den kleinen Dörfern vorbei, wieder runter. Die Straße ist in desolatem Zustand. Durch die ganze Türkei hindurch Schlaglöcher, Gulideckel-große Patchworkstraßen, Sandschotterpisten. Alle Straßen sind ziemlich mieß. Auf unserer kleinen, fast unbefahrenen Küstenstraße ist es kein Problem den Schlaglöchern auszuweichen. Spater auf den Hauptverbindungsstrecken wird das für uns zur Herausforderung im Kampf gegen die LKWs, die uns geradezu in den Straßengraben drücken. Diesen Belastungen scheint Matthias' Hinterrad nicht gewachsen zu sein und fangt an zu reißen. Wies der Zufall will, fangt uns tags drauf eine Gruppe Jugendlicher mit Mountainbikes ab, die zu fünft aus einem 25 Jahre alten VW-Bus springen um unsere Räder zu begutachten. Als man von Matthias" Felge erfahrt, erklärt der Fahrer, er sei Radmechaniker. Nach kurzer Überzeugunspause werden unsere zwei Räder noch zu den fünf anderen Bikes samt Gepäck in den Bus gestopft. Wie Ölsardinen in ner Konservendose sitzen wir zu siebt in dieser Blechkiste. Wir können nicht hinschauen, wie die zu viert hinten über unseren Rädern Hegen. Es kommt ne richtige Unternehmensstimmung im Bus auf. Erste rote Ampel: der Motor versagt, nebenan schaut die Polizei etwas schräg. Erst nach 10 Minuten, nachdem der Motor etwas abgekühlt ist, schaffen wirs wieder die Kiste anzuschieben. Die nächsten roten Ampeln werden nur als Vorschlag angesehen und überfahren. Im Radladen in Eregli: echt Klasse wir bekommen ein Top Hinterrad für Matthias und werden zum Mittagessen eingeladen. Man zeigt uns eine Postkarte von einer Deutschen, die ebenfalls mit defektem Rad hier ein Jahr zuvor gestrandet war und ebenfalls mit dem Rad alleine durch den Iran nach Pakistan gefahren ist Wahnsinnig verträumt ist sie, diese kaputte vom Regen ausgeschäumte Küstenstraße, genau das richtige für uns: Hügel hoch und wie ein Geier im Sturzflug runter. Unten in einem Tal werden ich von einer Gruppe Soldaten von der Straße gewunken und zum Tee eingeladen. Matthias läßt auf sich warten. 15 Minuten später, ich werde schon unruhig, kommt er mit blutendem Fuß angetrudelt. Die Soldaten entwickeln sich zur Hilfsarmee - endlich mal was zu tun. Matthias wird auf nen Stuhl gesetzt und mit nem Gartenschlauch die Wunde abgespritzt. Dann kommt Jod, Watte und Verbandszeug. Drei Soldaten, die an Matthias* Fuß damit so rumplanschen wie mit dem Gartenschlauch, die zwei anderen können kein Blut sehen. Aber nette Hilfsarmee und der Tee wird vergessen. So führt uns die Straße immer Mal ins Hinterland oder steil auf die Klippen hoch, übers Meer. Kein Kilometer der flach verläuft. Dafür die schönsten Übernachtungsmöglichkeiten an oder über dem Schwarzen Meer.
Immer wieder werden wir zum Tee eingeladen und oft spricht man deutsch, immer wieder einer der in Deutschland arbeitete oder gerade hier seinen Urlaub verbringt. Kaum einer kann es glauben, daß wir mit den Rädern aus Deutschland kommen, und wenn wir erzählen, wo wir hin wollen, oft nur Kopfschüteln.
Nur der letzte Teil an der Schwarzmeer-Küste wird etwas flacher und trotz Straßenschäden zur Rennstrecke für die Trucker mit uns als schwächstem Glied auf der Straße bis Tenne. Dann verlassen wir das Schwarze Meer und folgen einem Flußtal nach Süd-Osten in Richtung Erzurum. Ab ins Hinterland. Wir brauchen zwei Tage bis wir die Höhe haben. Die Besiedlungsdichte nimmt immer mehr ab und der Baustil wir einfacher. Nach dem zweiten Tag Auffahrt erreichen wir dann unseren ersten 2000er Paß. Hinter uns das Abendrot der untergehenden Sonne, vor uns ein umgekippter LKW im Straßengraben, wo drei Leute mit Schaufeln bewaffnet die Kohleladung rausschippen. 200 m dahinter das Paßschild. Wir rasen in die Nacht und werden von Steinbrucharbeitern abgefangen, erst zum Tee, dann zum Abendessen und später zum Nachtlager eingeladen. Wir kommen immer mehr in den östlichen Teil der Türkei, die Landschaft wird rauher, es beginnt der kurdische Teil der Türkei. Ganze Lehmdörfer neben der Straße in den Bergen auf der türkischen Hochebene. Nette Menschen - zwei Mal werden wir abends von einer kurdischen Familie eingeladen bevor wir den Iran erreichen.
Wie durch ein Nadelöhr geht es durch eine Schlucht zwischen Felswänden in den Iran. An der Grenze stundenlanges Warten wo man in großen Hallen abgefertigt wird. Kleinkinder liegen geschafft von der Hitze auf verpackten Kühlschränken und Waschmaschinen, die die Familien über die Grenze ziehen. Jeder schnappt nach Luft. Endlich geschafft haben wir auch das letzte bißchen Europa hinter uns gelassen. Draußen sieht es jetzt ganz anders aus. Nur noch arabische Schriftzeichen an Häusern und Wänden. Die Autos die hier rumeiern stammen aus den 60er, 70er und 80er Jahren. Wir fühlen uns zeitlich zurückversetzt und obwohl die Straßen in bestem Zustand sind, wird nicht schneller als 50, 60, 70 gefahren, die einzigen, dies eilig haben sind die Trucker, und die sind dauernd am Überholen. Es ist heiß und trocken. Dort wo Wasser hochgepumpt werden kann gibt es riesige Grünflächen und dort wird neben der Straße Obst angeboten. Dahinter rauhe, karge ockerbraune Steppe. Wir sind auf dem Weg nach Teheran. Das Leben ist für uns hier verdammt billig: 'ne Flasche Cola 15 Pfennig oder eine Mahlzeit im Restaurant für zwei 5 DM. Da lohnt sichs nicht mehr groß zu kochen. Auf der Straße immer wieder Autos, die uns anhalten, begrüßen, unsern Wasservorrat auffüllen, uns Früchte und Nüsse schenken. Man scheint Touristen zu lieben, überall herzliches Hallo, allerdings ist man auch schnell beleidigt, wenn wir eine Einladung ablehnen.
Wir können nichf mehr lange in Dörfern bleiben, denn überall wo wir anhalten bildet sich gleich ne Menschentraube um uns, wo manch einer alles was wir bei uns haben anfassen und rumspielen muß. So was wie Privateigentum scheint es nicht zu geben. An das lange Kleidungsgebot haben wir uns längst gewöhnt, denn man bedeckt sich freiwillig bei der Hitze. So hatten wir an meinem Geburtstag (18. Juli) über 45 Grad im Schatten, bei echt starkem Gegenwind, der aber überhaupt keine Abkühlung gebracht hat. So haben wir halt alle paar Kilometer eine Melonenpause eingeigt, von denen es hier die verschiedensten Sorten gibt.
Ab Zanjan emfiehlt man uns auf die Autobahn zu gehen. Tatsächlich ist die Autobahn der ruhigste Ort zum Radfahren. Wir können es kaum fassen, daß eine so große dreispurige Autobahn mit Standstreifen so ruhig sein kann, nur weil sie etwas Gebühr für Autofahrer kostet. Man hat nichts dagegen, daß wir hier rumfahren, es gibt sogar Fußgänger, Pferde und Schafe auf dem Standstreifen. Wie auf der Bundesstraße halten uns hier Autofahrer an, um uns mit Wasser und Fruchten auszustatten, oder fahren gemütlich neben ,ims her, nur um zu schauen, was wir machen. Wer hätte gedacht, daß ich mal ne Autobahn zum besten Radweg eines Landes auserkoren werde, manchmal mit bis zu 5 Minuten Ruhe von jeglicher Art Verkehr.
Erst 70 km vor Teheran nimmt die Verkehrsdichte zu. Vormittags nach Teheran rein und nachmittags raus. Diese Städte sind nichts für Radtouristen wie uns. Ausgewellte Straßen, Motorräder und Autos, die auf kleinsten Straßen neben uns herfahren, schauen und auf iranisch einreden. Schwierig dabei auf Verkehr und Bodenwellen zu achten, und wenn wir für nen Drink oder sonst was anhalten haben wir gleiche ne Menschentrraube um uns. Aus Teheran raus wird Rast gemacht und am Abend weitergefahren. Es ist zu heiß um mittags weiterzufahren.
Wir wissen, ab jetzt wirds erst richtig heiß, obwohl wir ja schon einiges an Sonne abbekommen haben. Aber die ersten 1000 km nach der türkischen Grenze verliefen über Berge. Die nächsten 2000 km bis zur pakistanischen Grenze verlaufen erst am Fuße einer Wüste und später direkt, einige hundert Kilometer, durch eine Salzwüste und das Wetter spielt verrückt. So soll da unten der heißeste Sommer seit über 30 Jahren sein. Manche schieben es auf die Atomtests. Mal gespannt, wa da dran ist. Inzwischen bin ich 7000 km mit dem Rad von Gießen entfernt.

 Johannes.


3. Bericht von Johannes aus Islamabad, 30.8.1998

Von Qoum nach Lahore an die Grenze Indiens

Hallo Familie und Leute zu Hause,

Ja ab und melde ich mich, auch wenns nicht oft ist.

Ich hatte schon die ganze .Zeit vor, mich mal aus diesem Land zu melden, aber die vielen Geschehnisse und Erlebnisse, der Dreck und die Hygiene in Pakistan haben mich etwas gebeutelt, so dass ich mich nicht gerade groß danach gefühlt habe lange Berichte zu

schreiben.

die letzten Wochen: 2 Tage Durchfall, wieder etwas besser und dann steht der Magen wieder Kopf. Obwohl, wenn man den Dreck und Gestank hier sieht, wundert mich das überhaupt nicht und vielleicht ist Matthias Magen doch etwas resistenter. Jetzt hoffen wir aber möglichst bald dieses Land verlassen zu können nachdem man uns an der Grenze nach Indien nicht hat einreisen lassen, ohne Visa, so sind wir in einer Nacht und Nebelaktion von der Grenze weg unsere Räder dort lassend nach Islamabad zurück auf die Indische Botschaft um nicht noch mehr Zeit zu verlieren. Hier warten wir übers Wochenende und hoffen, Montagnachmittag das Visum zu bekommen um gleich wieder an die Grenze zu düsen.

Mein letzter Bericht hat vor über nem Monat in Quom im Iran geendet. Also erzähl ich mal, was einem so alles unterkommen kann.

Qom, 23.8.1998

Von Qom nach Kashan haben wir gleich die richtige Straße gefunden. Ein 32 m breiter und fast 100 km langer Teerstreifen. Nagelneue Autobahn, zu 95% fertig, ab und zu mal ein Sandhügel quer über die Breite um den Verkehr zu stoppen. Etwas entfernt dazu die Bundesstraße. Allerdings haben dies schon an zwei Stellen geschafft, wo Leitplanken in der Mitte waren, sie zu durchbrechen und das bei 5 Fahrzeugen auf der ganzen Strecke an diesem Tag. Über Kashan raus schlafen wir abends in einer Sandburgruine. Etwas hungrig geht’s am Morgen ungefrühstückt weiter, ohne Laden, nur Wasser getankt - so ausgehungert werden wir vor dem nächsten Dorf mittags von einem englischsprechenden PKW-Fahrer zum Mittagessen eingeladen und zur richtigen Zeit wird ein riesiges Mittagsbuffet für uns aufgefahren, Martin, unser Gastgeber, ist wiederum nur gast bei seinen Freunden. Mittags gestärkt über die Ebene weiter überqueren wir immer wieder Schienen, die eher wie eine Modelleisenbahn aussehen. Abends kommt ein Sturm auf. Wir kämpfen uns durch den Wind nach Ardestan, die einzige Unterkunft dort unverschämt teuer, so dass wir an 'ner Imbisstube uns stärken um so noch ein Stück weiter zu kommen. Erst ist der Schuppen leer und nach dem zweiten Sandwich haben wir nicht mehr Platz unsere Arme zu bewegen. Durch den Sturm scheinen die wie Hühner aufgedreht zu sein. Schwierig loszukommen, es ist spät und wir fahren draußen noch ein ganzes Stück gegen den Wind an und als wir beschließen, dass eh nichts mehr kommt, muss uns eine Polizeistreife aufgabeln. Mit Polizeieskorte sind wir morgens um l Uhr total geschafft. 15 km bei dem Wind vor dem Blaulicht sind wir zur nächsten Station geradelt. Dort lässt man erst unsere Räder hinter der Mauer bewacht stehen und wir sollen direkt bei dem Wind vor der Mauer neben der Straße schlafen. Nach langer Überredung dürfen wir neben den Rädern pennen, die ganze Nacht bewacht von Wachen, die uns bestaunen müssen - sehr anstrengend. Zum Morgenappell um

7 Uhr raus. Den Tag über an entlang einer kargen Gestrüpplandschaft, mittags in Nain, der wohl berühmtesten Stadt für Knüpfteppiche. Überall will man uns Teppiche andrehen, klar jeder von uns hat Platz für x Teppiche in den Satteltaschen. Abends landen wir hungrig in Aqda und nachdem es dort nichts mehr gibt werden wir von zwei Geschwistern auf einem Fahrrad aufgegabelt - der ältere spricht gutes Englisch und erklärt, dass es seine sich Familie freut, wenn er uns einladen darf. Tatsächlich gleich im Karimi-Haus angekommen, werden wir mit Melonensaft begrüßt und man macht uns extra noch Abendessen. Die ganze Familie kommt, Onkel, Knaben, Brüder, Opa, alle, nur die Mädchen bleiben fern. Im Vergleich zu den Städten geht es hier noch sehr strikt zu, die beiden Schwestern, 13 und 15 Jahre, bekommen wir so gut wie nicht zu sehen; sie sind schon verlobt/verheiratet. Am nächsten Tag will man, dass wir bleiben, zeigt uns das Dorf, das nur aus uralten Lehmhütten besteht. Hinten ein Friedhof mit einigen kitschigen Veteranengräbern. Durch einige Hütten geführt und alle im Dorf begrüßt. Mittags wollen wir uns das Fußballspiel zweier benachbarter Dörfer anschauen. Meine langen Haare passen einem Leutnant nicht und wir werden vom Platz verwiesen. Abends erfahren wir, dass der Soldat, der mich rausgezogen hat, von einem anderen, der es mit dem Gastrecht hatte, sich geschlagen haben muss. Am nächsten Morgen früh gefrühstückt, weiter. Immer mehr in den wärmer werdenden Süden, an die Tagestemperaturen von 40 Grad haben wir uns schon längst gewöhnt. Als zusätzlichen Schutz renne ich wie ein Tuareg verkleidet mit einem nassen Tuch zur Abkühlung um den Kopf gewickelt rum.

Dienstag 28.7.

Ein neuer, erlebnisreicher Tag beginnt. Nicht mehr viel zu frühstücken. Aus den Bergen raus über eine Schotterpiste auf die Straße. Nach einigen Kilometern kommt dann der erste Melonenstop. Ein LKW, dem ein Reifen platzte, verliert die Kontrolle, reist ein Verkehrsschild mit und kippt um. Dabei verteilt einen ganzen Teil seiner Melonenladung auf der Straße, mitten im Nirgendwo. Man hält uns gleich 'ne riesige, nicht zu kaputte Melone entgegen. Wir legen unsere Räder in den Straßengraben, machen uns über ein paar der Melonen her und schauen zu, wie einige Autos anhalten und die Leute wie Ameisen alles Verwertbare aufsammeln. Zum Schluss liegen wirklich nur noch wenige Melonenreste auf und neben der Straße. Wir sehen unsere ersten Kamele, drei, allerdings alle Tod neben dem Straßengraben. Wir haben kaum noch iranische Truman. Als wir mittags im nächstgrößeren Dorf Anar ankommen hat die Bank geschlossen. Wir essen ne Kleinigkeit und warten vor der Bank, Pistazien knabbernd. Eine immer größer werdende Schar Iraner, Kinder, Männer und Opas ringt sich um uns. Endlich 17 Uhr, die Bank macht auf. Erste Pleite: Travellerschecks und Mastercard kennen die gar nicht. Also müssen unsere Reserve-Dollars her. Ein Englischlehrer hat sich als Übersetzer eingeschaltet. Das Unglaubliche: noch nicht mal US-Dollar kann man uns tauschen, die kennen hier nur ihre eigene Währung, die nicht allzu viel wert ist. Draußen in der Runde fragen wir, ob jemand Dollars tauscht? Ein fünf Dollarschein den wir in die Luft halten geht durch alle Hände. Jeder will ihn sehen aber keiner traut sich ihn zu tauschen- nichts. Echt Scheiße, zur nächsten Stadt ist es über 300 km weit und unsere Kohle reicht wohl gerade noch für 1.1/2 Tage. Man schaut uns nur mit großen Augen an. Es passiert was! Der Englischlehrer startet eine Sammelaktion - in kürzester Zeit kommen von den Männern 1500 Truman (ca. DM 7.--) zusammen. Mit den Worten, dass das das einzige ist, womit das Dorf helfen kann, und dass wir damit doch noch ein ganzes Stück kommen, überreicht uns der Lehrer das Geldpaket von lauter Scheinen. Etwas peinlich berührt, aber extrem dankbar und glücklich, etwas Geld zu haben, bedanken wir uns etliche Male und verlassen, überwältigt von der spontanen Hilfsbereitschaft, das Dorf.

Wir sind im Anbaugebiet von Pistazien, links und rechts neben der Straße nur Felder mit Pistazienbäumen, im Hintergrund Berge. Das Wasser wird, wie überall wo es grün ist im Iran mit Pumpen von unten her hochgepumpt. Früher waren es wohl Tiere, heute alte, große stinkende Dieselmotoren mit Wasserkühlung, die das Land bewässern. So schlafen wir auch mal unter Pistazienbäumen im Sandboden.

Wir kommen in die nächste Stadt. Die Banken haben zwar geschlossen, dafür werden wir von zwei Jugendlichen aufgegabelt und mit nach hause genommen. Kerman am 30.7.98: dort dürfen wir uns duschen und der Vater tauscht uns zum nicht ganz guten Kurs $ 50,--. Als wir nachmittags weiterkommen ist es ziemlich windig draußen und wir kämpfen gegen die Böen an. So machen wir bei anfangender Dunkelheit an einem Truckstop halt und beschließen dort zu essen. Obs der Wind oder der Wetterumschwung ist, jedenfalls verhalten sich die Menschen dann hier immer sehr merkwürdig. Erst machen die drei einen total normalen Eindruck. Wir warten bis der Schuppen aufmacht. Aber schon draußen philosophische, unglaubliche Fragen: Was für Menschen die glücklichen Menschen sind. Welche Art Menschen reich sind, und was sie arbeiten, was ist der beste Beruf... Wir gehen rein zum Essen. Ich bekomme Hackbällchen mit Reis serviert und werde gleichzeitig gefragt, ob ich schon mal im Gefängnis war. Wieder: was arbeiten reiche Menschen. Das was ich mitteilen kann und könnte verstehen die nicht, da hört ihr Englisch auf, aber wie kommen die hier auf solche Fragen und ich wohl als erster Westtourist muss es wissen, scheine die Weißheit zu sein, aber was soll ich wissen. Trotzdem gut gestärkt beschließen wir, diesen Ort einige Kilometer hinter uns zu lassen und finden ein tolles Nachplätzchen unter Bäumen und ‘nem Bach, der morgens zu plätschern anfangt.

31.7.1998: letzter Julitag, ein letztes Mal vor der Hochebene über eine Hügelkette, erst hoch und dann ganz runter, wo laut Karte die Wüste anfangt. Es sind immer wieder die kurzen Übergänge, die landschaftlich die reizvollsten Gegenden sind. Kurze, steile Abfahrt mit Klasse Bergen links und rechts - kleine hellgrüne flache vor uns, und dann die lange gerade Straße nach Bam, nur noch Ebene und alle Berge und Hügel verschwinden am Horizont. Auf einem Friedhof vor Bam machen wir halt, es stürmt nachts und wir merken nicht, dass wir beklaut werden. Erst am Morgen stellt Matthias fest, dass man unsere ganzen Truman, Fahrradcomputer und Taschenmesser geklaut hat. Kein allzu großer Schaden, zumal man sogar Matthias' Pass in dieselbe Tasche wieder zurückgelegt hat. Trotzdem haben wir kein Geld und der Fahrradcomputer wird uns später schwer fehlen, halt Scheiße. Also nach Bam, selbst da: keine Bank kennt Credit Cards oder tauscht US-Dollars. Also wieder $ 50,— zu einem beschissenen Kurs getauscht. Auf der Post natürlich nichts für uns da. Wir organisieren ein neues Schloss, da man auch den Schlüssel geklaut hat. Bam selbst ist die erste richtig tolle Oasenstadt mitten in der Wüste, überall Palmen in einer kleinen Stadt, lauter Dattelpalmen, vollgehangen mit den herrlichsten Datteln. Vorher hatten wir zwar vereinzelt mal ne Palme in einem Dorf gesehen, aber das hier ist echt stark. Man wird nahezu erschlagen von diesen tausenden riesigen Bäumen mit gewaltigen Trauben von Datteln. Mittags aus Bam raus kommen wir nicht weit: einfach zu heiß. Die Sonne und Hitze kennt kein Erbarmen, so verziehen wir uns in den Schatten einer Dattelpalmenplantage und lassen uns die Früchte in den Mund wachsen. Es ist nicht nur über 40 Grad, sonder ein noch heißerer Wind bläst uns entgegen. Abends finden wir einen schönen Platz hinter einem Dorf wo wir uns zum Abend nochmal mit Cola gestärkt haben. Es ist zu heiß zum Essen, lassen wir uns im Sand nieder und machen Tee. Aber auch nachts gibt es keine Abkühlung in der Wüste. Wir werden nur 2 x von Wolfsgeheul geweckt. Ob sie hungrig sind? Es ist fast Vollmond. Angespannt liegen wir draußen und hoffen das das gejaule irgendwann aufhört.

Am nächsten Tag geht’s durch die Wüste weiter. Wir werden von einem Schweizer VW-Bus mit drei Jugendlichen überholt, die Verwandte in Sri Lanka besuchen und dort dann den VW-Bus verkaufen wollen. Ja - Es ist heiß

Es geht weiter von den Hügeln runter nach Zahedan, der dreckigsten Stadt Irans, in der wir bisher waren. Wir müssen durch eine lange, staubige slumartige Vorstadt, bevor wir in das Herz der Stadt kommen, wo wenigstens ein paar Bäume stehen und ein kleiner Park existiert. Man hat uns schon gewarnt, dass das kein guter Ort sei und hier Waffen und Drogen geschoben würden. Kein billiges Hotel und wir müssen 20 $ für eine Nacht ausgeben. Es ist Mittag und leider haben die Banken geschlossen. Wir wollen hier unser cash Money für Pakistan organisieren. Nachmittags fängt langsam das Stadtgewusel an und zum Abend wird das Straßenbild immer bunter. Schon komisch, erst ab spät nachmittags mit dem Sonnenuntergang, beginnt das Straßenleben. Wie es dann auf einmal zu nem Verkehrsaufkommen, Stau, Gedrängel und Gedrücke auf allen Straßen und Gassen kommt, wo am Tag nichts war, Tagsüber wie ausgestorben. Läden die verrammelt waren sind jetzt offen, überall stehen sie, grillen auf offener Straße. Zahedan nächster Morgen: auf zur Melli Hauptbank. Schon überm Eingang groß VISA und Mastercard mit Melli Bank Reklametafeln. Am Eingang zeigen wir unsere Kärtchen und werden gleich ins Zimmer des Filialleiters geführt. Wieder zwei Fähnchen VISACARD, Mastercard Wimpel auf dem Bürotisch. Optimistisch zeigen wir unsere Karten und erklären, dass wir jeder $ 400,-- wollen. Erst will uns der Mensch in seinem Sessel erzählen, dass diese Bank keine Dollar hat und dann, dass wir nur TRUMAN mit der Karte haben können. Wir hatten aber von anderen erfahren das sie hier schon US Dollar bekamen, und nach einiger Überredung steht dieser Mensch auf, dreht sich um und zieht aus dem Regal eine staubige Kiste. Inhalt ein nagelneuer Cashcard Reader für Melli Bank Zahedan. Wir kommen der Sache näher und ich habe die Vermutung, dass dieser Typ noch nie sowas benutzt hat. Es folgen ewige Telefonate, wie dieses Ding funktioniert. Auch wenn er erklärt, früher die Maschine öfter benutzt zu haben. Letzten Endes sind es wir, die ihm zeigen, wie man Formular und Karte einlegt. Dann wieder ewiges Telefonieren ob unsere Karten gültig sind, zwischendurch unterbrochene Leitung, kein Kontakt nach Teheran. Es dauert und dauert. Anschließend 12 Formulare zum Ausfüllen, Abstempeln und Unterschreiben dreier verschiedener Bankbeamter. Ja, wir kommen zu unserem letzten Akt mit dem ganzen Papierkram, es geht zur Auszahlungsstelle hinter dem Panzerschrank. Jeder zählt dreimal nach, jeder einzelne Dollar wird schriftlich registriert. Da wäre bei uns der Schreibakt nicht die Kohle wert, aber sie ziehen jedem $ 20 von den $ 400 ab - auch stolz, aber was tun? Froh, endlich Geld zu haben, verlassen wir 2 Stunden später die Bank. Überall hängen diese Werbeplakate, aber richtig kennen und umgehen, nein das kennt man hier nicht. Ab zur Post wo ich die letzten zwei Päckchen mit Filmen und Brief an Euch abgeschickt hab und hoffe, dass die inzwischen wohlbehalten bei Euch gelandet sind, wäre extrem schade drum. Nachmittags raus aus dem Nest in Richtung pakistanische Grenze. Davor schlafen wir nochmal draußen auf iranischem Boden.

Donnerstag, 6.8.1998

Grenze im Südosten Irans: wir trinken gerade unseren Tee, da ziehen die ersten Kamel-Karawanen direkt vor uns vorbei. Störrische Viecher, die nicht so ganz wollen wie ihre Treiber, aber extrem gemütliche und coole Tiere mit X-Beinen. Wir ziehen los, durch ein letztes iranisches Dorf, wo wir nochmal auftanken. Wie lange es an der Grenze dauert weiß man nie. Sofort umring von einer Schar Kids und Jugendlicher, ein letztes Mal im Iran 60-70 von denen um uns. Ab an die Grenze, nur 5 Minuten für den Ausreisestempel. Aber direkt hinter dem iranischen Gebäude hört auch die Straße auf, vor uns eine Lehmsandpiste. Pakistan, vor einer Lehmhütte Stühle rücken im Schatten einer Mauer entlang für den Einreisestempel. Kein Computer, kein Strom, nichts, nur fette Bücher, wo von Hand unsere Namen eingetragen werden. Nachmittags ist es überstanden. Hinter der Grenze Taftan, ein Dorf nur aus dem Lehm gestampft. Keine Straßen, in unserem Sinn, keine Kanalisation, keine Toiletten. Hühner und Ziegen rennen in den Gassen rum, stinkende, dreckige Irrwege. Wir beschnüffeln das Land und schlendern durch die Gassen, Hütten, tauschen Geld und testen den Kaufwert. Wir erwarten Schlechtes was die Straßen betrifft nach Aussagen von denen, die vor uns da waren. Noch motiviert, nehmen wir sogar mittags in ner Hütte Platz und testen deren überscharfen Dal mit Fladenbrot. Leider habe ich als Kind nie gelernt mit den Fingern zu essen. Besteck gibt’s in diesem Dorf keins mehr. Schon im Iran haben wir besser keinen Blick in die Küchen geworfen bevor wir aßen und hier in diesem Land erklärt uns jeder Iraner er isst nichts in Pakistan, diese Küchen wären zu versifft, wir bekommen später zu spüren. Die einzigen auffallenden Prunkstücke, sind wahnsinnig toll geschmückte aufwendig bemalte bunte glänzende Trucks, die sich, wie alles hier, durch die Gassen quälen. Raus aus dem Kaff dauert es etwas, bis wir die richtige Straße finden. Besserer Zustand als angenommen. Kein Iran mehr, aber geteert und fahrbar, auch wenn sie an manchen Stellen sehr abgeknabbert, vom Wind unterspült und schmal wird. Im Vergleich ist die Gegend interessant: sandiger roter Felsen neben der Straße, parallel Eisenbahnschienen (extrem Schmalspur), erstmals ein anderer Rotton, auch wenn Baluchistan Wüste, so heißt das Gebiet, später wieder der Wüste im Iran gleicht. Abends landen wir vom Licht angezogen an einem Funkturm. Die drei Wachleute laden uns zum Tee ein und wir dürfen dort kochen und über Nacht bleiben. Mal wieder ein einsamer Posten. Aber die drei Wachmänner sind nett und lange nicht so kaputt wie die sieben Kerle vom Iran. Morgens spielen die Menschärgeredichnicht. Wir frühstücken, machen drei Fotos von ihnen, was die meisten her immer freut, und ziehen los. Ein größerer Ort kommt, wir stärken uns. Dahinter eine echte Ausbaustrecke, gute zweispurige Straße. Die Erklärung kommt am Abend: zwei iranische Straßenbauingenieure fahren an uns vorbei und laden uns in ihr Camp ein. 50 km iranisches Straßenprojekt, Im Camp werden wir rumgeführt, bekommen einen eigenen Wohncontainer mit Klimaanlage, Dusche, Trinkwasser und Serviceboy. Luxus mitten in der Wüste Baluchistan. Lange geschwatzt mit Saiamak, vielleicht hat er ja auch ein Fax geschickt? Nachdem wir das Frühstück serviert bekommen radeln wir die nächsten Kilometer auf dem iranischen Stück weiter, später beginnt das pakistanische Gegenstück. Nicht unbedingt schlechter, nur zu 45% fertig. Immer wieder von der Straße ab durch den Acker. Abends in Dalbandin. Das Hotel kostet 7 Mark - 200 Rupie, da überlegen wir nicht lange ob wir uns in der Dunkelheit einen Schlafplatz suchen. Leider Muss ausgerechnet uns der Hotelbesitzer ins Herz schließen. Es gibt zwar nicht viele, aber bestimmt einige Touristen, die hier vorbeikommen. Penetrant sitzt er neben uns im Zimmer und schaut beim Auspacken zu. Es werden Fotos gemacht. Wir verziehen uns ins Restaurant, essen und anschließend kutschiert er uns in seinem Jeep durch die Stadt, gibt uns Sprite aus und organisiert Obst. Nachts sitzen wir vorm Hotel und trinken Tee. Alle 15 Minuten kommt eine neue von diesen teuren Geländekisten für einen Small Talk vorbei. Wir finden raus iranische Muslime ungleich pakistanische Muslime: hier darf man gleich vier Frauen haben, die nur ernährt werden müssen und keine zu hohen Ansprüche stellen dürfen. Kaputt ins Bett. Am Morgen, wir haben gerade gefrühstückt, kommt dieser Typ Mensch wieder in unser Zimmer und nervt beim Packen. Guten Morgen, ich bin Euer Freund, darf ich Euch nerven? Unglaublich manche Menschen. Raus aus dem Nest, einer Kleinstadt ohne Strom, Dalbandin. Draußen das, was man wohl pakistanische Straße nennt: schmales Teerstück, teils unterbrochen, ungeteert, wellig und große Löcher. Aber auch die Wüste ändert sich: Sand! Sanddünen, Sandhügel, Sandpisten. Die Straße vom Sand überweht, unberadelbar. Schieben ist angesagt, damit sinkt der Tagesdurchschnitt schnell. Aber hier sieh die Wüste ebenso aus wie man sie sich vorstellt: links und rechts Sanddünen und abschnittsweise Sand auf der Fahrbahn. Am nächsten Tag tauchen Berge auf, von denen Wasser kommt und alles wieder grüner werden lässt. Keine 15 km an den angeblichen Atom-Bombentestfeldern von vor zwei Monaten vorbei. Ja, auch das ist Pakistan, mit dem Effekt, dass der Benzinpreis fast ums doppele gestiegen ist. Vorbei an Straßenarbeitern, die in einer riesigen Gruppe Steine kleinklopfen, erst mit großem und viele mit kleinen Hämmern bewaffnet. Bei uns kann sich das keiner vorstellen, von Hand Steine für den Straßenbau zu zertrümmern, und das mitten im Nirgendwo. Später und bis jetzt auch nicht mehr gesehen: einfach dasitzen, mit Brille und Blei um die Finger gewickelt, als Fingerschutz und die Steine immer kleiner, bis sie Haselnuss groß sind, zu hämmern.

Am Rande von Baluchistan Dessert tolles Farbspiel von der Natur: Ein weißer, ausgetrockneter Salzsee, hellgrüne, saftige Büsche und ne Art Schilf, schwarze Schieferberge.

Tee time, ein Engländer zieht auf seinem Rennrad, nur leicht bepackt an uns vorbei, sieht uns und begrüßt uns gleich auf Deutsch. Er hatte vor einigen Stationen und Leuten vorher auf der Strecke von den zwei Deutschen gehört und ist uns auf die letzten Kilometer nachgesprintet. Allan oder Po, braver Londoner Banker, der wie wir Richtung Osten will. Aber eine andere Route im Kopf hat: über den Norden Pakistans, dem Karakorum Highway, dann nördlich des Himalayas durch die Wüste Gobi nach Peking. Von da an waren wir zu Dritt, wenn auch nicht lange, so haben wir unseren Weg, Essen, Ideen und Schlafplatz für knapp tausend Kilometer mit ihm bis nach Lahore in Pakistan geteilt. Zu unserem ersten gemeinsamen Abend wird groß eingekauft und gut gekocht. Am nächsten Morgen dauerts lange, bis wir auf die Straße kommen, weil wir viel zu erzählen und zu planen haben. Auf der Straße ein Coustomstop. Man verlangt unsere Passports und erklärt: Problems. Klasse - da was rauszukriegen ist nutzlos. Es dauert und dauert, man verschwindet, wir sind unruhig, weil die mit unseren Pässen ab sind - halbe Stunde später: wir bekommen sie, ohne ne Erklärung. Wir sind genervt und bevor wir die Pässe nochmal zeigen sollen, sitzen wir auf dem Rad und sind weg. Der zweite Abendeinkauf wird sehr lustig. Vor einem Dorf schenkt ein Bauer uns eine Melone. Vor den Lehmhütten fragen wir nach nem Laden. Der 10. Versuch: Shop - es klappt. Das Losungswort: Shop, Shop, Shop. Durch die Lehmgassen gefolgt von allen Kids des Dorfes. Der Laden: Alan und ich drinnen mit so vielen Kids und Jugendlichen, wie reingequetscht reinpassen, draußen Matthias von der anderen Hälfte des Dorfes umringt. Ob die wirklich so dumm sind - wir stehen im Laden, zeigen genau was wir wollen und das Kerlchen begreift es nicht. Für uns fängts an amüsant zu werden, gemein, aber die kann man nur für halb nehmen. Wir stehen schon hinter der Theke, haben ein halbes Kilo auf die Waage gelegt und deuten auf den Reis - es dauert ewig bis er kapiert, dass wir noch eine Tüte als Verpackung brauchen. Aber wir kriegen fast alles was wir wollen, auch wenn wir uns zusammenreißen müssen um nicht zu lachen. Draußen in den Felsen übernachtet, geht’s am nächsten Tag nach Quetta, unserer ersten stinkenden, dreckigen, großen pakistanischen Stadt mit Strohm, quälen uns durch die Stadt und nehmen ein Hotel. Draußen testen wir die Mopedrischkas. Hier quält sich alles auf der Straße lang: Kameltransporte, Kamelgespanne, Pferdekutschen, Esel, Busse, die keine Scheiben haben, viele Kleinbusse, Toyota Pick Up's - tausende dieser Rikschas und Fahrräder, Fahrräder, Fahrräder. Einige wenige luxuriöse Karossen. Alles hupt und schiebt, von Ordnung keine Spur. Überall Dreck und Gestank. Später Kilometer von der Stadt entfernt, sieht man noch die nur schwarze Smog Wolke über der Stadt stehen. Offene Kanalisation neben der Straße, die ab und zu überläuft und die Scheiße rumschwimmt. Im Dreck stehen die Straßenhändler und bieten Obst und Gemüse offen an. Fleischer hängen die gehäuteten Hähnchen und Ziegen nebeneinandergereiht auf. Absolut buntes Bild mit Farben, Reklameschildern und lauter kleinsten, verkramtesten schmuddeligen Läden. Anschauen kann man sichs ja, aber in den Läden was zu essen ist sehr riskant. Die müssen hier ein sehr gutes Immunsystem gegen den Dreck aufgebaut haben, anders kann ich mir ein Überleben bei dem Dreck nicht vorstellen. Die anderen Städte sind ähnlich, oder noch schlimmer. De Scheiße schwimmt auf den Gassen und direkt daneben werden Obst und Fleisch abgefeilscht. Nur Islamabad, im reicheren Norden, bietet ein deutlich hygienischeres Stadtbild. Am nächsten Tag haben wir uns so vollgefressen, dass wir beschließen einen Tag Rast einzulegen.

Freitag, 14. August - Tag der Unabhängigkeit von Pakistan zu England. Früh aus dem Hotel, links und rechts hat man einen dicken, weißen, langen Desinfektionsstreifen parallel zur Kanalisation gelegt und noch lange sehen wir die schwarze Dunsthaube hinter uns. Wohl nicht die letzte dreckige Stadt, eher die erste. Es wird schlimmer kommen. Dafür aber auch weg von der Wüste: jetzt kommen wieder häufiger Dörfer für Nahrungsnachschub. Einziger Nachteil: man ist immer umringt von 40 - 70 Leuten, meist harmlos, aber damit lernt man umzugehen. Abends an ner Art Freiluftkneipe am Rand eines Dorfes. Rast machend kommen alle möglichen Leute von irgendwoher, um mit uns zu reden, sogar 4 UNO-Abgeordnete, und selbst die wissen nichts Positives über das Land zu berichten, was Wasser, Hygiene und Bildung betrifft - keine Toiletten, geschissen wird Freiluft hinterm Haus und kein Klopapier. Aber wir werden aufs freundlichste behandelt und man schenkt uns immer wieder Früchte und Tee, die leckersten Melonen ever. Ja wenn man den Tag über tausende Kalorien verbrenn genießt man jede gute Mahlzeit. Auch diesen freundlichen Ort verlassen wir früh morgens.

Ride it in the Storm! - vom Wind mitgerissen, ziehen wir morgens durchs Land an den Apfelbaumplantagen vorbei ins weite Feld, riesige, weite Ebenen, wie wir sie nicht mal in Europa haben. Hügel und Berge, die Mal näher kommen, sich entfernen, oder durch die wir geschleust werden. Parallel dazu eine schmale Eisenbahnschiene, die seit Ewigkeiten nicht mehr fährt. Die Straße nimmt einen immer desolateren Zustand an, regelmäßig überqueren wir die Schienen und überall noch die Bremshügel vor den Gleisen. Ab mittags heißt es just fight the storm - der Wind hat gedreht Wir kämpfen mit dem Wind es ist sinnlos, so stoppen wir an einem Unterschlupf. Ein Englischlehrer lädt uns ein, Menschen die nicht viel Geld haben, aber alles mit uns teilen. Wieder in den Wind raus auf die Straße an einer Kamelkarawane vorbei, irgendwie macht es keinen großen Sinn weiter zu radeln, es ist ein Kampf gegen Windmühlen. Neben der Straße im Windschatten drei alte Lehmhütten, dazwischen schlagen wir das Nachtlager auf. Am Morgen werden wir von einer Schar neugieriger Kinder geweckt. Raus aus den Federn, zusammengepackt und ab. Immer noch haben wir mit Gegend zu kämpfen, es wird immer grüner. Wir erreichen die ersten zwei Flussläufe. Das erste fließende Wasser seit Wochen. Es geht durch die Flussläufe, natürlich ohne Brücken. Jeder von uns Dreien entwickelt seine eigene Technik, den Lauf zu überqueren. Po wartet auf nen Pick-up-Traktor. Matthias trägt sein Rad und ich habe den Ehrgeiz durchzuradeln. Die Straße wird welliger und welliger und passend zu den Straßen sehen die Fahrzeuge immer abenteuerlicher aus. Trotzdem bleiben diese großen Busse und LKWs immer noch so toll geschmückt und mit Kitsch behangen, aller möglicher Klimper und Glockenkram. Vor uns Zhob am Horizont, doch immer wieder weit runter vom Weg ins Flussbett, weil die Brücken weggeschwemmt sind oder gar nicht existieren. In Zhob beschließen wir ein Hotel für 4 Mark die Nacht für uns drei zu nehmen. Dauernd stürmt einer ohne zu klopfen, ins Zimmer, teils, weil sie zu dumm sind unsere Bestellung aufzunehmen, teils weil sie ein Freund des Hauses sind. Dann die, die uns Trauben als Gestgeschenk bringen, und uns anschließend Drogen verkaufen wollen. Selbst um 11 Uhr nachts muss noch als letztes die Polizei erscheinen um unsere Personalien festzuhalten. Ja die verhören uns sogar am nächsten Tag auf dem Revier ob wir nicht irgendwelche Droge Dope oder H gekauft hätten. - hier hat man keine Ruhe. Ich bekomme starken Durchfall, dass wir beschließen, eine weitere Nacht in dem Ort zu bleiben.

Inzwischen sin es drei Monate Jahr her seit dem wir auf dem Rad sitzen und die Zeit vergeht wie ein Fingerschnips: jeder Tag zu kurz, zu viele Geschehnisse um alles zu verarbeiten und manchmal ganz schön anstrengend. Man ist nur einen Tag in so einem Hotel und dauernd nerven sie, selbst wenn man sie rausschmeißt, die Kapierens nicht. Nicht nur keine Bildung, auch keine Erziehung. Selbst am nächsten Morgen: immer ein anderer, der einfach reinkommt, mit offenem Mund einfach im Raum stehen bleibt. Wir schmeißen alle raus, verrammeln die Tür, packen ungestört und verschwinden, nicht bereit zu zahlen, was die verlangen. Glücklich wieder auf dem Rad zu sitzen, raus aus dieser Stadt, einem Flusslauf folgend, hoch in die Hügelkette. Riesige Traubenfelder mit Reifesten Früchten, aber ungewaschen werden wir hier kein Obst mehr essen. Über einen kleinen letzten Pass. Obern in einem Dorf verteilen wir ne ganze Packung Toffees, die wir nicht mitschleppen wollen, an ne Horde Schulkinder, die uns umringen. Eine Verkarstete Gegend mit krüppelartig wachsenden Bäumen, sieht Spitze aus. Leicht bergab fahren wir auf gewaltige Berge zu, die links und rechts neben der Straße fast 500 m senkrecht hochragen. Darüber riesige monsunartige weiße Wolken. Durch die Berge folgen wir jetzt einem größer werdenden Flusstal. Die Straße wechselt parallel dazu, mal von links nach rechts, immer wieder durchs Schotterbett. Jetzt fließt hier wenig Wasser, aber was wenn’s regnet? Dann ist man hier abgeschnitten von allem, kaum befahrbar diese Piste. Wir kommen höher, während der Fluss sich immer tiefer in die Felsen eingräbt. Jetzt ist die Straße sogar seitlich in den Berg eingegraben, fast gar kein Verkehr. Wir ziehen an einer rummeckernden Nomaden-Familie mit Kamel, Esel und Hund vorbei. Ab und zu haben Geröllsteine die von den Hügeln gestürzt sind zwei Drittel der Spur zugeschüttet. Durch diese tunnelartigen Felsen hinweg vor uns weite grüne Ebene. Zwei Pick Up's, die

uns nochmal erklären, dass die Straße gefährlich wird - schon lange vorher hat man uns gewarnt, aber genaue Erklärung gabs keine. Das einzige - die UNO-Typen hatten von einem 50km ungeteerten Stück Strecke geredet. Genau das wars. Nach ein paar hundert Metern eine Custom Kontrolle: Baluchistan ENDE. Ende jeder Ausbaustrecke. Eine Art Dorf am Rande der Straße zum Nirgendwo. Wie Pioniere stehen wir so oben - riesige grüne Fläche vor uns, 100 m tiefer das hellere grüne Flusstal aus dem Papageiengeschrei ertönt. Es geht noch ein Stückchen oben auf dem Grad entlang, das was wir fahren ist keine Straße mehr, kein Feldweg in Deutschland der so kaputt ist. So ein wahnsinniger Wechsel seit der Wüste - kaum vorstellbar, wie die hier mit ihren Karren durchkommen. In Serpentinen runter zum Flusslauf. Wir entdecken einen tollen Übernachtungsplatz. Allerdings bleibt ein Pick Up im Flussbett stecken. Sechs Leute kommen da raus, lassen die Karre bei laufendem Motor im Wasser stehen und beten erst Mal ne Runde. Wir helfen die Karre rauszubuchsieren und als Dank - oder weil sie sich jetzt verantwortlich für uns fühlen, wollen sie uns einen alten, weißbärtigen Mann mit Gewehr als Nachtwache überlassen. Es dauert ewig bis die verstehen, dass wir sehr gut auf uns selber aufpassen können, auch wenn es Schlangen und sonstige böse Lebensformen geben mag - wir drei fühlen uns sicher und stark. Abends legen wir uns bei Dunkelheit in den Flusslauf zum Abkühlen. Eine Art Whirlpool unter Sternenhimmel. Freiheit und eine Naturverbundenheit ihr mitten in Pakistan was kann man mehr verlangen?

Mittwoch 19.8.1998

Nassgeschwitzt durch die hohe Luftfeuchtigkeit kriechen wir aus dem Moskitoschutz. Der wohl abenteuerlichste und härteste Tag für uns und unsere Geräte beginnt. Dieser unglaublich verträumter Flusslauf, dem wir teilweise durchs Wasserbett folgen. Da wo er breiter wird grüne Flächen, die teilweise als Ackerland genutzt werden. Links und rechts eine Schlucht, in die sich dieser Fluss eingefressen hat. Ab und zu geht es vom Lauf weg, auf eine Anhöhe. Dann heißt raus aus dem Schotterbett und rauf auf die Anhöhe. Wir kommen keine 45 km weit, trotz härtester Anstrengung. Ich kann mich da richtig reinsteigern, mir macht dieser Tag Spaß - immer wieder durch den Fluss watend, selbst bergab nicht schneller als 15 Kilometer schnell fahrend, um die Kontrolle zu behalten. Keiner würde je so eine Mountainbikestrecke konzipieren. Wir bestaunen mit Respekt jeden verrückten Fahrer an, der sein Fahrzeug über diese Strecke lotst, genau wie man über uns für verrückt erklärt. Immer wieder das Bild von den festhängenden Pick Ups die Im Wasserbett feststecken, oder sich am Berg eingegraben haben. Einfach nur crazy: wahnsinnige Landschaft zur wahnsinnigen Natur Landschaft und einer Abenteuerlichen Piste. Abends landen wir in einem Dorf, das 20 km neben der Straße auf der Karte eingezeichnet ist. Für uns genau richtig kommt. Nach dem Eingekauft, finden wir mal wieder ne Art Freiluft Hotel. Lauter Liegematten, die als Sitzgelegenheiten aufgestellt sind. Es dauert zwar, bis auch die letzten Leute gegangen sind, aber dann nachts lässt man uns in Ruhe - oder doch nicht? Esdelsgeschrei, die sich die ganze Nacht bekriegen müssen, zuviel von diesen Viechern auf einem Platz –unglaubliche lautes iiiiaaaaa-Geschrei - die ganze Nacht kein Erbarmen, sie schreien, als würde man sie massakrieren. Mit der Sonne aufgestanden, leicht gefrühstückt geht es weiter. Die Straße deutlich besser, noch durch ein paar Schlammlöcher, zwei Flußüberquerungen und wir stehen am Abhang des letzten Hügels. Vor uns eine einzige, weite grüne, subtropische Fläche. Wir wissen - ab hier ist alles flach bis über Indien hinaus. Nur noch eine riesige Ebene. Aus dem Norden kommen, manchmal ein größerer Flusslauf, der alles noch grüner werden lässt. Es geht runter in die Ebene Des Indus Laufs, in die Glut. Die Luftfeuchtigkeit nachts auch nicht angenehmer. Angespannt und fast verdurstend erreichen wir Dera Ismail Khan, die nächste Stinkende Stadt. Diese Mal aber ein angenehmes Hotel mit gutem Restaurant und nettem Innenhof. Wir halten unsere Henkersmalzeit ab, hier trennen sich unsere Wege wieder. Po will früh Richtung Norden China und wir erst unsere Visa verlängern und dann ab nach Osten, Indien. Einfach Klasse, mal mit einem anderen Erfahrungen und Erlebnisse auszutauschen, zusammen geradelt zu sein und wir konnten uns auch ganz gut gegenseitig motivieren. So heist es leider wieder Abschied nehmen, ab dem Abend sind wir wieder zu zweit. Am nächsten Tag rennen wir von einem Office zum anderen wegen unserer Visa-Verlängerung: Foreignn Custom Office, PS Police, Passport Visa Office und wieder Police - keiner will uns helfen oder fühlt sich zuständig und es gibt nirgends Computer- keine Stelle weiß was der andere macht, der Tag vergeht. Am nächsten Tag ein kleiner Hinweis und - Ah Passport Office war zuständig, nur der richtige Beamte, der die 15 auszufüllenden Formulare beherbergt, war nicht da, es dauert drei Tees, also lange, bis wir für 375 Rupie (10 Mark) unsere Extension bekommen und auch diese Stadt verlassen können. Raus, aber ab hier ist dieses Land viel viel dichter besiedelt als in Baluchistan. Es ist feucht, heiß, neben der Straße regelmäßig Dörfer und Lehmhütten. Reisanbaugebiet, viele Feldarbeiter - kein Meter wo man ungestört Rast machen ruhen oder schlafen kann. Über den Indus, dem wohl größten Flusslauf der einiges an Wasser mit sich führt und dessen Adern das Land noch einige Kilometer links und rechts mitbewässern. Noch mal 100 km, die auf unserer Karte, die aber eher einen schlecht als recht ist, als Wüste eingezeichnet sind. Einfach ein trockeneres Gebiet mit Sandhügeln aber Bäumen, hier wieder etwas weniger besiedelt, aber funktionierenden Wasserpumpen in den Dörfern. Über uns kreischen Scharen von grünen Papageien, mal ein Adler und abends sehen wir einen Baum voller Geier

Alleine in dem einzigen Baum hie hockend vierzig fünfzig Aasgeier und gaffen uns an. Abends von der Straße weg unter ner Palme Schutz suchend, hat man unser Licht entdeckt, man kommt um zu schauen was da ist und sie ziehen wieder ab, nachdem wir erklären, dass wir lieber hier draußen als im Haus schlafen. Wir packen gerade unser Schlafsäcke aus, als die vier wieder kommen, mit zwei Betten und ner Gaslampe. Man serviert uns Tee, aber lässt uns bald wieder alleine. Super angenehme und nette Menschen - unglaublich womit man überall rechnen muss, so können wir mal wieder draußen auf einem Bett schlafen. Morgens: wir packen zusammen und die kommen wieder mit Tee und Brot zum Frühstück an. Wie bedankt man sich wenn Kommunikation so schwierig ist. Wir sind einfach nur fröhliche, dankbare Gäste.

Auf dem weiteren Stück Wüste wird die Piste mal wieder richtig schlecht. Einfach beschissen kaputte Straße - streckenweise so vom Sand überweht, dass geschoben werden muss. Trucks gefährden uns mit ihrem Fahrstil: Ich muss da durch und ich bin der Stärkere auf dem Sand, kaum Platz zum Ausweichen und dann hat man den ganzen Staub und Sand-im Gesicht, in den Augen und der Kette. Abends nach Jhang, in die Stadt. Mit einem Schlag hört dieser sandige Teil auf, die Straße wird wieder gut befahrbar, aber eben wieder jeder Meter Menschen neben der Straße. Was manche genau außer Kiffen machen, ist nicht erkenntlich. Eine kurze Nachtfahrt und wir kommen an eine verpisstes, dreckiges Hotel, zwar billig, aber was man sich da alles holen kann. Wo anders können wir nicht bleiben. Am anderen Tag erst mittags los, mein Magen rebelliert wieder - durch die Glut und bald Rast gemacht. Uns führt die Straße jetzt genau Richtung Osten durch kleinere Städte, die Großstadt Lahore, und 30 km dahinter die Grenzstation Agah/Atari. Gutes Reisanbaugebiet mit Dickhäutern, in den Feldern und als „Müllrecycling“ in und auf den Müllhalden. Büffel, Kamele, Esel als Lasttieren oder Allesfresser . Was jetzt immer mehr auftaucht sind stinkende, dreckige, voll gemüllte Dörfer mit Manufakturen zur Stoffherstellung. Sehr ausgelaugte, kranke Kinder neben der Straße, es riecht schwer nach Kinderarbeit. Es herrscht eine extrem gereizte Stimmung. Keine freundlichen Orte mehr. Abends suchen wir Zuflucht in der nächsten Stadt, um dort ein Hotel zu nehmen. Auch diese Orte werden immer dreckiger, immer größere Müllgebiete davor - dahinter Büffel, die sich im Klärschlamm mit Müll gemischt suhlen – von Hygiene keine Spur. Einfach unglaublich, dass die Menschen hier nicht reiß aus nehmen und in die Berge ziehen, aber man kennt es eben nicht anderes. Nur die letzten 10 km zur Grenze sind

angenehm, regeneratives Fahren, kein Verkehr mehr, kein Dreck und Gestank. Auch wenn es der einzige nationale und international offene Grenzverkehr zwischen Indien und Pakistan zu sein scheint, so überqueren ihn nur ein paar wenige. Hauptsächlich Touristen Ausländer wie wir. Mittags um 15 Uhr sind wir zu spät dran um noch durchzukommen. Abends aber wird’s voll von beiden Seiten kommen Inder und Pakistani, nur um die tägliche Zeremonie des Abhissens der Fahnen und Schließen der Tore zu sehen. Militärisch ähnlich wie die tägliche Zeremonie vorm Königshaus in London - in kleinerem Maßstab. Jetzt erfahren wir, dass wir ohne Visum garantiert nicht über die Grenze kommen. So beschließen wir, uns sofort auf den Weg nach Islamabad zu machen. Die Räder lassen wir in einem Raum des Hotels an der Grenze und vertrauen denen auch unser Gepäck an. In einer Nacht und Nebelaktion schaffen wirs bis 3.30 Uhr früh nach Islamabad - aber kein Hotel für unser Portemonnaie das offen hat - wir schlafen draußen und sind um 8 Uhr an der Indischen Botschaft. Hunderte Pakistani dort - zum Glück oder mal wieder typisch: Ausländer, Gäste mit Geld, werden bevorzugt behandelt. Trotzdem müssen wir übers Wochenende warten. Langsam werd ich unruhig und will aus dem Land. Nachmittags finden wir ein günstiges Hotel und ich falle halb Tod ins Bett. Über Nacht bekomme ich Fieber und wieder richtig Schisserritis. Zum Glück haben wir ja jetzt drei Tage Zeit für Ruhe und Entspannung. Die letzten Tage etwas viel Stress, wohl etwas zu viel der Aktionen für mich.

Ja und jetzt hoffen wir, morgen Nachmittag das Visum zu bekommen um wieder zur Grenze an unsere Räder zu gehen, die hoffentlich noch dort sein werden, um dann endlich diese Land verlassen zu können.,

Ja, so sieht’s zurzeit aus. So gut es uns in den ersten drei Monaten ging und wir essen, essen, essen konnten, so haben die letzten paar Wochen doch sehr an der Substanz geknabbert. Aber damit muss man wohl rechnen, wenn man auf unsere Art durch diese Länder zieht. Extremes Klima, extremer Dreck, extremes Essen für mich zu scharf, Null Hygiene, plus des körperlichen Einsatzes vom täglichen Radeln. Genau wie die Menschen nur auf der extremen Seite sind: entweder superfreundlich und nett oder aggressive, negative Typen, die einen nur ausnehmen wollen. Einen Mittelweg gibt’s nicht.

Kein Tag der Ruhe, keine Normalität, wie wir sie kennen. Deutschland und Europa weit weit weg, und ich wüsste wohl so einiges besser zu genießen. Allein ne Palette Orangensaft aus dem Aldi wäre jetzt Klasse.

Aber es macht immer noch Spaß auf dem Rad zu sitzen.

Es ist einfach das machen was ich wollte. Radfahren ohne Weltphilosophischem Hintergrund - oder auf der Suche nach mir selbst.

Neugierde und Unternehmungslust auf die Abenteuer die wohl noch kommen.

Ja auch wenn es oft negativ klingt so stoßen wir doch immer auf nette und interessante Menschen.

 

Macht's mal alle gut und knuddelt Woody

Euer Johannes

 

 

 

 

 

 

 

3. Bericht von Johannes aus Islamabad, 30.8.1998

Von Qoum nach Lahore an die Grenze Indiens

Hallo Familie und Leute zu Hause,

Ja ab und melde ich mich, auch wenns nicht oft ist.

Ich hatte schon die ganze .Zeit vor, mich mal aus diesem Land zu melden, aber die vielen Geschehnisse und Erlebnisse, der Dreck und die Hygiene in Pakistan haben mich etwas gebeutelt, so dass ich mich nicht gerade groß danach gefühlt habe lange Berichte zu

schreiben.

die letzten Wochen: 2 Tage Durchfall, wieder etwas besser und dann steht der Magen wieder Kopf. Obwohl, wenn man den Dreck und Gestank hier sieht, wundert mich das überhaupt nicht und vielleicht ist Matthias Magen doch etwas resistenter. Jetzt hoffen wir aber möglichst bald dieses Land verlassen zu können nachdem man uns an der Grenze nach Indien nicht hat einreisen lassen, ohne Visa, so sind wir in einer Nacht und Nebelaktion von der Grenze weg unsere Räder dort lassend nach Islamabad zurück auf die Indische Botschaft um nicht noch mehr Zeit zu verlieren. Hier warten wir übers Wochenende und hoffen, Montagnachmittag das Visum zu bekommen um gleich wieder an die Grenze zu düsen.

Mein letzter Bericht hat vor über nem Monat in Quom im Iran geendet. Also erzähl ich mal, was einem so alles unterkommen kann.

Qom, 23.8.1998

Von Qom nach Kashan haben wir gleich die richtige Straße gefunden. Ein 32 m breiter und fast 100 km langer Teerstreifen. Nagelneue Autobahn, zu 95% fertig, ab und zu mal ein Sandhügel quer über die Breite um den Verkehr zu stoppen. Etwas entfernt dazu die Bundesstraße. Allerdings haben dies schon an zwei Stellen geschafft, wo Leitplanken in der Mitte waren, sie zu durchbrechen und das bei 5 Fahrzeugen auf der ganzen Strecke an diesem Tag. Über Kashan raus schlafen wir abends in einer Sandburgruine. Etwas hungrig geht’s am Morgen ungefrühstückt weiter, ohne Laden, nur Wasser getankt - so ausgehungert werden wir vor dem nächsten Dorf mittags von einem englischsprechenden PKW-Fahrer zum Mittagessen eingeladen und zur richtigen Zeit wird ein riesiges Mittagsbuffet für uns aufgefahren, Martin, unser Gastgeber, ist wiederum nur gast bei seinen Freunden. Mittags gestärkt über die Ebene weiter überqueren wir immer wieder Schienen, die eher wie eine Modelleisenbahn aussehen. Abends kommt ein Sturm auf. Wir kämpfen uns durch den Wind nach Ardestan, die einzige Unterkunft dort unverschämt teuer, so dass wir an 'ner Imbisstube uns stärken um so noch ein Stück weiter zu kommen. Erst ist der Schuppen leer und nach dem zweiten Sandwich haben wir nicht mehr Platz unsere Arme zu bewegen. Durch den Sturm scheinen die wie Hühner aufgedreht zu sein. Schwierig loszukommen, es ist spät und wir fahren draußen noch ein ganzes Stück gegen den Wind an und als wir beschließen, dass eh nichts mehr kommt, muss uns eine Polizeistreife aufgabeln. Mit Polizeieskorte sind wir morgens um l Uhr total geschafft. 15 km bei dem Wind vor dem Blaulicht sind wir zur nächsten Station geradelt. Dort lässt man erst unsere Räder hinter der Mauer bewacht stehen und wir sollen direkt bei dem Wind vor der Mauer neben der Straße schlafen. Nach langer Überredung dürfen wir neben den Rädern pennen, die ganze Nacht bewacht von Wachen, die uns bestaunen müssen - sehr anstrengend. Zum Morgenappell um

7 Uhr raus. Den Tag über an entlang einer kargen Gestrüpplandschaft, mittags in Nain, der wohl berühmtesten Stadt für Knüpfteppiche. Überall will man uns Teppiche andrehen, klar jeder von uns hat Platz für x Teppiche in den Satteltaschen. Abends landen wir hungrig in Aqda und nachdem es dort nichts mehr gibt werden wir von zwei Geschwistern auf einem Fahrrad aufgegabelt - der ältere spricht gutes Englisch und erklärt, dass es seine sich Familie freut, wenn er uns einladen darf. Tatsächlich gleich im Karimi-Haus angekommen, werden wir mit Melonensaft begrüßt und man macht uns extra noch Abendessen. Die ganze Familie kommt, Onkel, Knaben, Brüder, Opa, alle, nur die Mädchen bleiben fern. Im Vergleich zu den Städten geht es hier noch sehr strikt zu, die beiden Schwestern, 13 und 15 Jahre, bekommen wir so gut wie nicht zu sehen; sie sind schon verlobt/verheiratet. Am nächsten Tag will man, dass wir bleiben, zeigt uns das Dorf, das nur aus uralten Lehmhütten besteht. Hinten ein Friedhof mit einigen kitschigen Veteranengräbern. Durch einige Hütten geführt und alle im Dorf begrüßt. Mittags wollen wir uns das Fußballspiel zweier benachbarter Dörfer anschauen. Meine langen Haare passen einem Leutnant nicht und wir werden vom Platz verwiesen. Abends erfahren wir, dass der Soldat, der mich rausgezogen hat, von einem anderen, der es mit dem Gastrecht hatte, sich geschlagen haben muss. Am nächsten Morgen früh gefrühstückt, weiter. Immer mehr in den wärmer werdenden Süden, an die Tagestemperaturen von 40 Grad haben wir uns schon längst gewöhnt. Als zusätzlichen Schutz renne ich wie ein Tuareg verkleidet mit einem nassen Tuch zur Abkühlung um den Kopf gewickelt rum.

Dienstag 28.7.

Ein neuer, erlebnisreicher Tag beginnt. Nicht mehr viel zu frühstücken. Aus den Bergen raus über eine Schotterpiste auf die Straße. Nach einigen Kilometern kommt dann der erste Melonenstop. Ein LKW, dem ein Reifen platzte, verliert die Kontrolle, reist ein Verkehrsschild mit und kippt um. Dabei verteilt einen ganzen Teil seiner Melonenladung auf der Straße, mitten im Nirgendwo. Man hält uns gleich 'ne riesige, nicht zu kaputte Melone entgegen. Wir legen unsere Räder in den Straßengraben, machen uns über ein paar der Melonen her und schauen zu, wie einige Autos anhalten und die Leute wie Ameisen alles Verwertbare aufsammeln. Zum Schluss liegen wirklich nur noch wenige Melonenreste auf und neben der Straße. Wir sehen unsere ersten Kamele, drei, allerdings alle Tod neben dem Straßengraben. Wir haben kaum noch iranische Truman. Als wir mittags im nächstgrößeren Dorf Anar ankommen hat die Bank geschlossen. Wir essen ne Kleinigkeit und warten vor der Bank, Pistazien knabbernd. Eine immer größer werdende Schar Iraner, Kinder, Männer und Opas ringt sich um uns. Endlich 17 Uhr, die Bank macht auf. Erste Pleite: Travellerschecks und Mastercard kennen die gar nicht. Also müssen unsere Reserve-Dollars her. Ein Englischlehrer hat sich als Übersetzer eingeschaltet. Das Unglaubliche: noch nicht mal US-Dollar kann man uns tauschen, die kennen hier nur ihre eigene Währung, die nicht allzu viel wert ist. Draußen in der Runde fragen wir, ob jemand Dollars tauscht? Ein fünf Dollarschein den wir in die Luft halten geht durch alle Hände. Jeder will ihn sehen aber keiner traut sich ihn zu tauschen- nichts. Echt Scheiße, zur nächsten Stadt ist es über 300 km weit und unsere Kohle reicht wohl gerade noch für 1.1/2 Tage. Man schaut uns nur mit großen Augen an. Es passiert was! Der Englischlehrer startet eine Sammelaktion - in kürzester Zeit kommen von den Männern 1500 Truman (ca. DM 7.--) zusammen. Mit den Worten, dass das das einzige ist, womit das Dorf helfen kann, und dass wir damit doch noch ein ganzes Stück kommen, überreicht uns der Lehrer das Geldpaket von lauter Scheinen. Etwas peinlich berührt, aber extrem dankbar und glücklich, etwas Geld zu haben, bedanken wir uns etliche Male und verlassen, überwältigt von der spontanen Hilfsbereitschaft, das Dorf.

Wir sind im Anbaugebiet von Pistazien, links und rechts neben der Straße nur Felder mit Pistazienbäumen, im Hintergrund Berge. Das Wasser wird, wie überall wo es grün ist im Iran mit Pumpen von unten her hochgepumpt. Früher waren es wohl Tiere, heute alte, große stinkende Dieselmotoren mit Wasserkühlung, die das Land bewässern. So schlafen wir auch mal unter Pistazienbäumen im Sandboden.

Wir kommen in die nächste Stadt. Die Banken haben zwar geschlossen, dafür werden wir von zwei Jugendlichen aufgegabelt und mit nach hause genommen. Kerman am 30.7.98: dort dürfen wir uns duschen und der Vater tauscht uns zum nicht ganz guten Kurs $ 50,--. Als wir nachmittags weiterkommen ist es ziemlich windig draußen und wir kämpfen gegen die Böen an. So machen wir bei anfangender Dunkelheit an einem Truckstop halt und beschließen dort zu essen. Obs der Wind oder der Wetterumschwung ist, jedenfalls verhalten sich die Menschen dann hier immer sehr merkwürdig. Erst machen die drei einen total normalen Eindruck. Wir warten bis der Schuppen aufmacht. Aber schon draußen philosophische, unglaubliche Fragen: Was für Menschen die glücklichen Menschen sind. Welche Art Menschen reich sind, und was sie arbeiten, was ist der beste Beruf... Wir gehen rein zum Essen. Ich bekomme Hackbällchen mit Reis serviert und werde gleichzeitig gefragt, ob ich schon mal im Gefängnis war. Wieder: was arbeiten reiche Menschen. Das was ich mitteilen kann und könnte verstehen die nicht, da hört ihr Englisch auf, aber wie kommen die hier auf solche Fragen und ich wohl als erster Westtourist muss es wissen, scheine die Weißheit zu sein, aber was soll ich wissen. Trotzdem gut gestärkt beschließen wir, diesen Ort einige Kilometer hinter uns zu lassen und finden ein tolles Nachplätzchen unter Bäumen und ‘nem Bach, der morgens zu plätschern anfangt.

31.7.1998: letzter Julitag, ein letztes Mal vor der Hochebene über eine Hügelkette, erst hoch und dann ganz runter, wo laut Karte die Wüste anfangt. Es sind immer wieder die kurzen Übergänge, die landschaftlich die reizvollsten Gegenden sind. Kurze, steile Abfahrt mit Klasse Bergen links und rechts - kleine hellgrüne flache vor uns, und dann die lange gerade Straße nach Bam, nur noch Ebene und alle Berge und Hügel verschwinden am Horizont. Auf einem Friedhof vor Bam machen wir halt, es stürmt nachts und wir merken nicht, dass wir beklaut werden. Erst am Morgen stellt Matthias fest, dass man unsere ganzen Truman, Fahrradcomputer und Taschenmesser geklaut hat. Kein allzu großer Schaden, zumal man sogar Matthias' Pass in dieselbe Tasche wieder zurückgelegt hat. Trotzdem haben wir kein Geld und der Fahrradcomputer wird uns später schwer fehlen, halt Scheiße. Also nach Bam, selbst da: keine Bank kennt Credit Cards oder tauscht US-Dollars. Also wieder $ 50,— zu einem beschissenen Kurs getauscht. Auf der Post natürlich nichts für uns da. Wir organisieren ein neues Schloss, da man auch den Schlüssel geklaut hat. Bam selbst ist die erste richtig tolle Oasenstadt mitten in der Wüste, überall Palmen in einer kleinen Stadt, lauter Dattelpalmen, vollgehangen mit den herrlichsten Datteln. Vorher hatten wir zwar vereinzelt mal ne Palme in einem Dorf gesehen, aber das hier ist echt stark. Man wird nahezu erschlagen von diesen tausenden riesigen Bäumen mit gewaltigen Trauben von Datteln. Mittags aus Bam raus kommen wir nicht weit: einfach zu heiß. Die Sonne und Hitze kennt kein Erbarmen, so verziehen wir uns in den Schatten einer Dattelpalmenplantage und lassen uns die Früchte in den Mund wachsen. Es ist nicht nur über 40 Grad, sonder ein noch heißerer Wind bläst uns entgegen. Abends finden wir einen schönen Platz hinter einem Dorf wo wir uns zum Abend nochmal mit Cola gestärkt haben. Es ist zu heiß zum Essen, lassen wir uns im Sand nieder und machen Tee. Aber auch nachts gibt es keine Abkühlung in der Wüste. Wir werden nur 2 x von Wolfsgeheul geweckt. Ob sie hungrig sind? Es ist fast Vollmond. Angespannt liegen wir draußen und hoffen das das gejaule irgendwann aufhört.

Am nächsten Tag geht’s durch die Wüste weiter. Wir werden von einem Schweizer VW-Bus mit drei Jugendlichen überholt, die Verwandte in Sri Lanka besuchen und dort dann den VW-Bus verkaufen wollen. Ja - Es ist heiß

Es geht weiter von den Hügeln runter nach Zahedan, der dreckigsten Stadt Irans, in der wir bisher waren. Wir müssen durch eine lange, staubige slumartige Vorstadt, bevor wir in das Herz der Stadt kommen, wo wenigstens ein paar Bäume stehen und ein kleiner Park existiert. Man hat uns schon gewarnt, dass das kein guter Ort sei und hier Waffen und Drogen geschoben würden. Kein billiges Hotel und wir müssen 20 $ für eine Nacht ausgeben. Es ist Mittag und leider haben die Banken geschlossen. Wir wollen hier unser cash Money für Pakistan organisieren. Nachmittags fängt langsam das Stadtgewusel an und zum Abend wird das Straßenbild immer bunter. Schon komisch, erst ab spät nachmittags mit dem Sonnenuntergang, beginnt das Straßenleben. Wie es dann auf einmal zu nem Verkehrsaufkommen, Stau, Gedrängel und Gedrücke auf allen Straßen und Gassen kommt, wo am Tag nichts war, Tagsüber wie ausgestorben. Läden die verrammelt waren sind jetzt offen, überall stehen sie, grillen auf offener Straße. Zahedan nächster Morgen: auf zur Melli Hauptbank. Schon überm Eingang groß VISA und Mastercard mit Melli Bank Reklametafeln. Am Eingang zeigen wir unsere Kärtchen und werden gleich ins Zimmer des Filialleiters geführt. Wieder zwei Fähnchen VISACARD, Mastercard Wimpel auf dem Bürotisch. Optimistisch zeigen wir unsere Karten und erklären, dass wir jeder $ 400,-- wollen. Erst will uns der Mensch in seinem Sessel erzählen, dass diese Bank keine Dollar hat und dann, dass wir nur TRUMAN mit der Karte haben können. Wir hatten aber von anderen erfahren das sie hier schon US Dollar bekamen, und nach einiger Überredung steht dieser Mensch auf, dreht sich um und zieht aus dem Regal eine staubige Kiste. Inhalt ein nagelneuer Cashcard Reader für Melli Bank Zahedan. Wir kommen der Sache näher und ich habe die Vermutung, dass dieser Typ noch nie sowas benutzt hat. Es folgen ewige Telefonate, wie dieses Ding funktioniert. Auch wenn er erklärt, früher die Maschine öfter benutzt zu haben. Letzten Endes sind es wir, die ihm zeigen, wie man Formular und Karte einlegt. Dann wieder ewiges Telefonieren ob unsere Karten gültig sind, zwischendurch unterbrochene Leitung, kein Kontakt nach Teheran. Es dauert und dauert. Anschließend 12 Formulare zum Ausfüllen, Abstempeln und Unterschreiben dreier verschiedener Bankbeamter. Ja, wir kommen zu unserem letzten Akt mit dem ganzen Papierkram, es geht zur Auszahlungsstelle hinter dem Panzerschrank. Jeder zählt dreimal nach, jeder einzelne Dollar wird schriftlich registriert. Da wäre bei uns der Schreibakt nicht die Kohle wert, aber sie ziehen jedem $ 20 von den $ 400 ab - auch stolz, aber was tun? Froh, endlich Geld zu haben, verlassen wir 2 Stunden später die Bank. Überall hängen diese Werbeplakate, aber richtig kennen und umgehen, nein das kennt man hier nicht. Ab zur Post wo ich die letzten zwei Päckchen mit Filmen und Brief an Euch abgeschickt hab und hoffe, dass die inzwischen wohlbehalten bei Euch gelandet sind, wäre extrem schade drum. Nachmittags raus aus dem Nest in Richtung pakistanische Grenze. Davor schlafen wir nochmal draußen auf iranischem Boden.

Donnerstag, 6.8.1998

Grenze im Südosten Irans: wir trinken gerade unseren Tee, da ziehen die ersten Kamel-Karawanen direkt vor uns vorbei. Störrische Viecher, die nicht so ganz wollen wie ihre Treiber, aber extrem gemütliche und coole Tiere mit X-Beinen. Wir ziehen los, durch ein letztes iranisches Dorf, wo wir nochmal auftanken. Wie lange es an der Grenze dauert weiß man nie. Sofort umring von einer Schar Kids und Jugendlicher, ein letztes Mal im Iran 60-70 von denen um uns. Ab an die Grenze, nur 5 Minuten für den Ausreisestempel. Aber direkt hinter dem iranischen Gebäude hört auch die Straße auf, vor uns eine Lehmsandpiste. Pakistan, vor einer Lehmhütte Stühle rücken im Schatten einer Mauer entlang für den Einreisestempel. Kein Computer, kein Strom, nichts, nur fette Bücher, wo von Hand unsere Namen eingetragen werden. Nachmittags ist es überstanden. Hinter der Grenze Taftan, ein Dorf nur aus dem Lehm gestampft. Keine Straßen, in unserem Sinn, keine Kanalisation, keine Toiletten. Hühner und Ziegen rennen in den Gassen rum, stinkende, dreckige Irrwege. Wir beschnüffeln das Land und schlendern durch die Gassen, Hütten, tauschen Geld und testen den Kaufwert. Wir erwarten Schlechtes was die Straßen betrifft nach Aussagen von denen, die vor uns da waren. Noch motiviert, nehmen wir sogar mittags in ner Hütte Platz und testen deren überscharfen Dal mit Fladenbrot. Leider habe ich als Kind nie gelernt mit den Fingern zu essen. Besteck gibt’s in diesem Dorf keins mehr. Schon im Iran haben wir besser keinen Blick in die Küchen geworfen bevor wir aßen und hier in diesem Land erklärt uns jeder Iraner er isst nichts in Pakistan, diese Küchen wären zu versifft, wir bekommen später zu spüren. Die einzigen auffallenden Prunkstücke, sind wahnsinnig toll geschmückte aufwendig bemalte bunte glänzende Trucks, die sich, wie alles hier, durch die Gassen quälen. Raus aus dem Kaff dauert es etwas, bis wir die richtige Straße finden. Besserer Zustand als angenommen. Kein Iran mehr, aber geteert und fahrbar, auch wenn sie an manchen Stellen sehr abgeknabbert, vom Wind unterspült und schmal wird. Im Vergleich ist die Gegend interessant: sandiger roter Felsen neben der Straße, parallel Eisenbahnschienen (extrem Schmalspur), erstmals ein anderer Rotton, auch wenn Baluchistan Wüste, so heißt das Gebiet, später wieder der Wüste im Iran gleicht. Abends landen wir vom Licht angezogen an einem Funkturm. Die drei Wachleute laden uns zum Tee ein und wir dürfen dort kochen und über Nacht bleiben. Mal wieder ein einsamer Posten. Aber die drei Wachmänner sind nett und lange nicht so kaputt wie die sieben Kerle vom Iran. Morgens spielen die Menschärgeredichnicht. Wir frühstücken, machen drei Fotos von ihnen, was die meisten her immer freut, und ziehen los. Ein größerer Ort kommt, wir stärken uns. Dahinter eine echte Ausbaustrecke, gute zweispurige Straße. Die Erklärung kommt am Abend: zwei iranische Straßenbauingenieure fahren an uns vorbei und laden uns in ihr Camp ein. 50 km iranisches Straßenprojekt, Im Camp werden wir rumgeführt, bekommen einen eigenen Wohncontainer mit Klimaanlage, Dusche, Trinkwasser und Serviceboy. Luxus mitten in der Wüste Baluchistan. Lange geschwatzt mit Saiamak, vielleicht hat er ja auch ein Fax geschickt? Nachdem wir das Frühstück serviert bekommen radeln wir die nächsten Kilometer auf dem iranischen Stück weiter, später beginnt das pakistanische Gegenstück. Nicht unbedingt schlechter, nur zu 45% fertig. Immer wieder von der Straße ab durch den Acker. Abends in Dalbandin. Das Hotel kostet 7 Mark - 200 Rupie, da überlegen wir nicht lange ob wir uns in der Dunkelheit einen Schlafplatz suchen. Leider Muss ausgerechnet uns der Hotelbesitzer ins Herz schließen. Es gibt zwar nicht viele, aber bestimmt einige Touristen, die hier vorbeikommen. Penetrant sitzt er neben uns im Zimmer und schaut beim Auspacken zu. Es werden Fotos gemacht. Wir verziehen uns ins Restaurant, essen und anschließend kutschiert er uns in seinem Jeep durch die Stadt, gibt uns Sprite aus und organisiert Obst. Nachts sitzen wir vorm Hotel und trinken Tee. Alle 15 Minuten kommt eine neue von diesen teuren Geländekisten für einen Small Talk vorbei. Wir finden raus iranische Muslime ungleich pakistanische Muslime: hier darf man gleich vier Frauen haben, die nur ernährt werden müssen und keine zu hohen Ansprüche stellen dürfen. Kaputt ins Bett. Am Morgen, wir haben gerade gefrühstückt, kommt dieser Typ Mensch wieder in unser Zimmer und nervt beim Packen. Guten Morgen, ich bin Euer Freund, darf ich Euch nerven? Unglaublich manche Menschen. Raus aus dem Nest, einer Kleinstadt ohne Strom, Dalbandin. Draußen das, was man wohl pakistanische Straße nennt: schmales Teerstück, teils unterbrochen, ungeteert, wellig und große Löcher. Aber auch die Wüste ändert sich: Sand! Sanddünen, Sandhügel, Sandpisten. Die Straße vom Sand überweht, unberadelbar. Schieben ist angesagt, damit sinkt der Tagesdurchschnitt schnell. Aber hier sieh die Wüste ebenso aus wie man sie sich vorstellt: links und rechts Sanddünen und abschnittsweise Sand auf der Fahrbahn. Am nächsten Tag tauchen Berge auf, von denen Wasser kommt und alles wieder grüner werden lässt. Keine 15 km an den angeblichen Atom-Bombentestfeldern von vor zwei Monaten vorbei. Ja, auch das ist Pakistan, mit dem Effekt, dass der Benzinpreis fast ums doppele gestiegen ist. Vorbei an Straßenarbeitern, die in einer riesigen Gruppe Steine kleinklopfen, erst mit großem und viele mit kleinen Hämmern bewaffnet. Bei uns kann sich das keiner vorstellen, von Hand Steine für den Straßenbau zu zertrümmern, und das mitten im Nirgendwo. Später und bis jetzt auch nicht mehr gesehen: einfach dasitzen, mit Brille und Blei um die Finger gewickelt, als Fingerschutz und die Steine immer kleiner, bis sie Haselnuss groß sind, zu hämmern.

Am Rande von Baluchistan Dessert tolles Farbspiel von der Natur: Ein weißer, ausgetrockneter Salzsee, hellgrüne, saftige Büsche und ne Art Schilf, schwarze Schieferberge.

Tee time, ein Engländer zieht auf seinem Rennrad, nur leicht bepackt an uns vorbei, sieht uns und begrüßt uns gleich auf Deutsch. Er hatte vor einigen Stationen und Leuten vorher auf der Strecke von den zwei Deutschen gehört und ist uns auf die letzten Kilometer nachgesprintet. Allan oder Po, braver Londoner Banker, der wie wir Richtung Osten will. Aber eine andere Route im Kopf hat: über den Norden Pakistans, dem Karakorum Highway, dann nördlich des Himalayas durch die Wüste Gobi nach Peking. Von da an waren wir zu Dritt, wenn auch nicht lange, so haben wir unseren Weg, Essen, Ideen und Schlafplatz für knapp tausend Kilometer mit ihm bis nach Lahore in Pakistan geteilt. Zu unserem ersten gemeinsamen Abend wird groß eingekauft und gut gekocht. Am nächsten Morgen dauerts lange, bis wir auf die Straße kommen, weil wir viel zu erzählen und zu planen haben. Auf der Straße ein Coustomstop. Man verlangt unsere Passports und erklärt: Problems. Klasse - da was rauszukriegen ist nutzlos. Es dauert und dauert, man verschwindet, wir sind unruhig, weil die mit unseren Pässen ab sind - halbe Stunde später: wir bekommen sie, ohne ne Erklärung. Wir sind genervt und bevor wir die Pässe nochmal zeigen sollen, sitzen wir auf dem Rad und sind weg. Der zweite Abendeinkauf wird sehr lustig. Vor einem Dorf schenkt ein Bauer uns eine Melone. Vor den Lehmhütten fragen wir nach nem Laden. Der 10. Versuch: Shop - es klappt. Das Losungswort: Shop, Shop, Shop. Durch die Lehmgassen gefolgt von allen Kids des Dorfes. Der Laden: Alan und ich drinnen mit so vielen Kids und Jugendlichen, wie reingequetscht reinpassen, draußen Matthias von der anderen Hälfte des Dorfes umringt. Ob die wirklich so dumm sind - wir stehen im Laden, zeigen genau was wir wollen und das Kerlchen begreift es nicht. Für uns fängts an amüsant zu werden, gemein, aber die kann man nur für halb nehmen. Wir stehen schon hinter der Theke, haben ein halbes Kilo auf die Waage gelegt und deuten auf den Reis - es dauert ewig bis er kapiert, dass wir noch eine Tüte als Verpackung brauchen. Aber wir kriegen fast alles was wir wollen, auch wenn wir uns zusammenreißen müssen um nicht zu lachen. Draußen in den Felsen übernachtet, geht’s am nächsten Tag nach Quetta, unserer ersten stinkenden, dreckigen, großen pakistanischen Stadt mit Strohm, quälen uns durch die Stadt und nehmen ein Hotel. Draußen testen wir die Mopedrischkas. Hier quält sich alles auf der Straße lang: Kameltransporte, Kamelgespanne, Pferdekutschen, Esel, Busse, die keine Scheiben haben, viele Kleinbusse, Toyota Pick Up's - tausende dieser Rikschas und Fahrräder, Fahrräder, Fahrräder. Einige wenige luxuriöse Karossen. Alles hupt und schiebt, von Ordnung keine Spur. Überall Dreck und Gestank. Später Kilometer von der Stadt entfernt, sieht man noch die nur schwarze Smog Wolke über der Stadt stehen. Offene Kanalisation neben der Straße, die ab und zu überläuft und die Scheiße rumschwimmt. Im Dreck stehen die Straßenhändler und bieten Obst und Gemüse offen an. Fleischer hängen die gehäuteten Hähnchen und Ziegen nebeneinandergereiht auf. Absolut buntes Bild mit Farben, Reklameschildern und lauter kleinsten, verkramtesten schmuddeligen Läden. Anschauen kann man sichs ja, aber in den Läden was zu essen ist sehr riskant. Die müssen hier ein sehr gutes Immunsystem gegen den Dreck aufgebaut haben, anders kann ich mir ein Überleben bei dem Dreck nicht vorstellen. Die anderen Städte sind ähnlich, oder noch schlimmer. De Scheiße schwimmt auf den Gassen und direkt daneben werden Obst und Fleisch abgefeilscht. Nur Islamabad, im reicheren Norden, bietet ein deutlich hygienischeres Stadtbild. Am nächsten Tag haben wir uns so vollgefressen, dass wir beschließen einen Tag Rast einzulegen.

Freitag, 14. August - Tag der Unabhängigkeit von Pakistan zu England. Früh aus dem Hotel, links und rechts hat man einen dicken, weißen, langen Desinfektionsstreifen parallel zur Kanalisation gelegt und noch lange sehen wir die schwarze Dunsthaube hinter uns. Wohl nicht die letzte dreckige Stadt, eher die erste. Es wird schlimmer kommen. Dafür aber auch weg von der Wüste: jetzt kommen wieder häufiger Dörfer für Nahrungsnachschub. Einziger Nachteil: man ist immer umringt von 40 - 70 Leuten, meist harmlos, aber damit lernt man umzugehen. Abends an ner Art Freiluftkneipe am Rand eines Dorfes. Rast machend kommen alle möglichen Leute von irgendwoher, um mit uns zu reden, sogar 4 UNO-Abgeordnete, und selbst die wissen nichts Positives über das Land zu berichten, was Wasser, Hygiene und Bildung betrifft - keine Toiletten, geschissen wird Freiluft hinterm Haus und kein Klopapier. Aber wir werden aufs freundlichste behandelt und man schenkt uns immer wieder Früchte und Tee, die leckersten Melonen ever. Ja wenn man den Tag über tausende Kalorien verbrenn genießt man jede gute Mahlzeit. Auch diesen freundlichen Ort verlassen wir früh morgens.

Ride it in the Storm! - vom Wind mitgerissen, ziehen wir morgens durchs Land an den Apfelbaumplantagen vorbei ins weite Feld, riesige, weite Ebenen, wie wir sie nicht mal in Europa haben. Hügel und Berge, die Mal näher kommen, sich entfernen, oder durch die wir geschleust werden. Parallel dazu eine schmale Eisenbahnschiene, die seit Ewigkeiten nicht mehr fährt. Die Straße nimmt einen immer desolateren Zustand an, regelmäßig überqueren wir die Schienen und überall noch die Bremshügel vor den Gleisen. Ab mittags heißt es just fight the storm - der Wind hat gedreht Wir kämpfen mit dem Wind es ist sinnlos, so stoppen wir an einem Unterschlupf. Ein Englischlehrer lädt uns ein, Menschen die nicht viel Geld haben, aber alles mit uns teilen. Wieder in den Wind raus auf die Straße an einer Kamelkarawane vorbei, irgendwie macht es keinen großen Sinn weiter zu radeln, es ist ein Kampf gegen Windmühlen. Neben der Straße im Windschatten drei alte Lehmhütten, dazwischen schlagen wir das Nachtlager auf. Am Morgen werden wir von einer Schar neugieriger Kinder geweckt. Raus aus den Federn, zusammengepackt und ab. Immer noch haben wir mit Gegend zu kämpfen, es wird immer grüner. Wir erreichen die ersten zwei Flussläufe. Das erste fließende Wasser seit Wochen. Es geht durch die Flussläufe, natürlich ohne Brücken. Jeder von uns Dreien entwickelt seine eigene Technik, den Lauf zu überqueren. Po wartet auf nen Pick-up-Traktor. Matthias trägt sein Rad und ich habe den Ehrgeiz durchzuradeln. Die Straße wird welliger und welliger und passend zu den Straßen sehen die Fahrzeuge immer abenteuerlicher aus. Trotzdem bleiben diese großen Busse und LKWs immer noch so toll geschmückt und mit Kitsch behangen, aller möglicher Klimper und Glockenkram. Vor uns Zhob am Horizont, doch immer wieder weit runter vom Weg ins Flussbett, weil die Brücken weggeschwemmt sind oder gar nicht existieren. In Zhob beschließen wir ein Hotel für 4 Mark die Nacht für uns drei zu nehmen. Dauernd stürmt einer ohne zu klopfen, ins Zimmer, teils, weil sie zu dumm sind unsere Bestellung aufzunehmen, teils weil sie ein Freund des Hauses sind. Dann die, die uns Trauben als Gestgeschenk bringen, und uns anschließend Drogen verkaufen wollen. Selbst um 11 Uhr nachts muss noch als letztes die Polizei erscheinen um unsere Personalien festzuhalten. Ja die verhören uns sogar am nächsten Tag auf dem Revier ob wir nicht irgendwelche Droge Dope oder H gekauft hätten. - hier hat man keine Ruhe. Ich bekomme starken Durchfall, dass wir beschließen, eine weitere Nacht in dem Ort zu bleiben.

Inzwischen sin es drei Monate Jahr her seit dem wir auf dem Rad sitzen und die Zeit vergeht wie ein Fingerschnips: jeder Tag zu kurz, zu viele Geschehnisse um alles zu verarbeiten und manchmal ganz schön anstrengend. Man ist nur einen Tag in so einem Hotel und dauernd nerven sie, selbst wenn man sie rausschmeißt, die Kapierens nicht. Nicht nur keine Bildung, auch keine Erziehung. Selbst am nächsten Morgen: immer ein anderer, der einfach reinkommt, mit offenem Mund einfach im Raum stehen bleibt. Wir schmeißen alle raus, verrammeln die Tür, packen ungestört und verschwinden, nicht bereit zu zahlen, was die verlangen. Glücklich wieder auf dem Rad zu sitzen, raus aus dieser Stadt, einem Flusslauf folgend, hoch in die Hügelkette. Riesige Traubenfelder mit Reifesten Früchten, aber ungewaschen werden wir hier kein Obst mehr essen. Über einen kleinen letzten Pass. Obern in einem Dorf verteilen wir ne ganze Packung Toffees, die wir nicht mitschleppen wollen, an ne Horde Schulkinder, die uns umringen. Eine Verkarstete Gegend mit krüppelartig wachsenden Bäumen, sieht Spitze aus. Leicht bergab fahren wir auf gewaltige Berge zu, die links und rechts neben der Straße fast 500 m senkrecht hochragen. Darüber riesige monsunartige weiße Wolken. Durch die Berge folgen wir jetzt einem größer werdenden Flusstal. Die Straße wechselt parallel dazu, mal von links nach rechts, immer wieder durchs Schotterbett. Jetzt fließt hier wenig Wasser, aber was wenn’s regnet? Dann ist man hier abgeschnitten von allem, kaum befahrbar diese Piste. Wir kommen höher, während der Fluss sich immer tiefer in die Felsen eingräbt. Jetzt ist die Straße sogar seitlich in den Berg eingegraben, fast gar kein Verkehr. Wir ziehen an einer rummeckernden Nomaden-Familie mit Kamel, Esel und Hund vorbei. Ab und zu haben Geröllsteine die von den Hügeln gestürzt sind zwei Drittel der Spur zugeschüttet. Durch diese tunnelartigen Felsen hinweg vor uns weite grüne Ebene. Zwei Pick Up's, die

uns nochmal erklären, dass die Straße gefährlich wird - schon lange vorher hat man uns gewarnt, aber genaue Erklärung gabs keine. Das einzige - die UNO-Typen hatten von einem 50km ungeteerten Stück Strecke geredet. Genau das wars. Nach ein paar hundert Metern eine Custom Kontrolle: Baluchistan ENDE. Ende jeder Ausbaustrecke. Eine Art Dorf am Rande der Straße zum Nirgendwo. Wie Pioniere stehen wir so oben - riesige grüne Fläche vor uns, 100 m tiefer das hellere grüne Flusstal aus dem Papageiengeschrei ertönt. Es geht noch ein Stückchen oben auf dem Grad entlang, das was wir fahren ist keine Straße mehr, kein Feldweg in Deutschland der so kaputt ist. So ein wahnsinniger Wechsel seit der Wüste - kaum vorstellbar, wie die hier mit ihren Karren durchkommen. In Serpentinen runter zum Flusslauf. Wir entdecken einen tollen Übernachtungsplatz. Allerdings bleibt ein Pick Up im Flussbett stecken. Sechs Leute kommen da raus, lassen die Karre bei laufendem Motor im Wasser stehen und beten erst Mal ne Runde. Wir helfen die Karre rauszubuchsieren und als Dank - oder weil sie sich jetzt verantwortlich für uns fühlen, wollen sie uns einen alten, weißbärtigen Mann mit Gewehr als Nachtwache überlassen. Es dauert ewig bis die verstehen, dass wir sehr gut auf uns selber aufpassen können, auch wenn es Schlangen und sonstige böse Lebensformen geben mag - wir drei fühlen uns sicher und stark. Abends legen wir uns bei Dunkelheit in den Flusslauf zum Abkühlen. Eine Art Whirlpool unter Sternenhimmel. Freiheit und eine Naturverbundenheit ihr mitten in Pakistan was kann man mehr verlangen?

Mittwoch 19.8.1998

Nassgeschwitzt durch die hohe Luftfeuchtigkeit kriechen wir aus dem Moskitoschutz. Der wohl abenteuerlichste und härteste Tag für uns und unsere Geräte beginnt. Dieser unglaublich verträumter Flusslauf, dem wir teilweise durchs Wasserbett folgen. Da wo er breiter wird grüne Flächen, die teilweise als Ackerland genutzt werden. Links und rechts eine Schlucht, in die sich dieser Fluss eingefressen hat. Ab und zu geht es vom Lauf weg, auf eine Anhöhe. Dann heißt raus aus dem Schotterbett und rauf auf die Anhöhe. Wir kommen keine 45 km weit, trotz härtester Anstrengung. Ich kann mich da richtig reinsteigern, mir macht dieser Tag Spaß - immer wieder durch den Fluss watend, selbst bergab nicht schneller als 15 Kilometer schnell fahrend, um die Kontrolle zu behalten. Keiner würde je so eine Mountainbikestrecke konzipieren. Wir bestaunen mit Respekt jeden verrückten Fahrer an, der sein Fahrzeug über diese Strecke lotst, genau wie man über uns für verrückt erklärt. Immer wieder das Bild von den festhängenden Pick Ups die Im Wasserbett feststecken, oder sich am Berg eingegraben haben. Einfach nur crazy: wahnsinnige Landschaft zur wahnsinnigen Natur Landschaft und einer Abenteuerlichen Piste. Abends landen wir in einem Dorf, das 20 km neben der Straße auf der Karte eingezeichnet ist. Für uns genau richtig kommt. Nach dem Eingekauft, finden wir mal wieder ne Art Freiluft Hotel. Lauter Liegematten, die als Sitzgelegenheiten aufgestellt sind. Es dauert zwar, bis auch die letzten Leute gegangen sind, aber dann nachts lässt man uns in Ruhe - oder doch nicht? Esdelsgeschrei, die sich die ganze Nacht bekriegen müssen, zuviel von diesen Viechern auf einem Platz –unglaubliche lautes iiiiaaaaa-Geschrei - die ganze Nacht kein Erbarmen, sie schreien, als würde man sie massakrieren. Mit der Sonne aufgestanden, leicht gefrühstückt geht es weiter. Die Straße deutlich besser, noch durch ein paar Schlammlöcher, zwei Flußüberquerungen und wir stehen am Abhang des letzten Hügels. Vor uns eine einzige, weite grüne, subtropische Fläche. Wir wissen - ab hier ist alles flach bis über Indien hinaus. Nur noch eine riesige Ebene. Aus dem Norden kommen, manchmal ein größerer Flusslauf, der alles noch grüner werden lässt. Es geht runter in die Ebene Des Indus Laufs, in die Glut. Die Luftfeuchtigkeit nachts auch nicht angenehmer. Angespannt und fast verdurstend erreichen wir Dera Ismail Khan, die nächste Stinkende Stadt. Diese Mal aber ein angenehmes Hotel mit gutem Restaurant und nettem Innenhof. Wir halten unsere Henkersmalzeit ab, hier trennen sich unsere Wege wieder. Po will früh Richtung Norden China und wir erst unsere Visa verlängern und dann ab nach Osten, Indien. Einfach Klasse, mal mit einem anderen Erfahrungen und Erlebnisse auszutauschen, zusammen geradelt zu sein und wir konnten uns auch ganz gut gegenseitig motivieren. So heist es leider wieder Abschied nehmen, ab dem Abend sind wir wieder zu zweit. Am nächsten Tag rennen wir von einem Office zum anderen wegen unserer Visa-Verlängerung: Foreignn Custom Office, PS Police, Passport Visa Office und wieder Police - keiner will uns helfen oder fühlt sich zuständig und es gibt nirgends Computer- keine Stelle weiß was der andere macht, der Tag vergeht. Am nächsten Tag ein kleiner Hinweis und - Ah Passport Office war zuständig, nur der richtige Beamte, der die 15 auszufüllenden Formulare beherbergt, war nicht da, es dauert drei Tees, also lange, bis wir für 375 Rupie (10 Mark) unsere Extension bekommen und auch diese Stadt verlassen können. Raus, aber ab hier ist dieses Land viel viel dichter besiedelt als in Baluchistan. Es ist feucht, heiß, neben der Straße regelmäßig Dörfer und Lehmhütten. Reisanbaugebiet, viele Feldarbeiter - kein Meter wo man ungestört Rast machen ruhen oder schlafen kann. Über den Indus, dem wohl größten Flusslauf der einiges an Wasser mit sich führt und dessen Adern das Land noch einige Kilometer links und rechts mitbewässern. Noch mal 100 km, die auf unserer Karte, die aber eher einen schlecht als recht ist, als Wüste eingezeichnet sind. Einfach ein trockeneres Gebiet mit Sandhügeln aber Bäumen, hier wieder etwas weniger besiedelt, aber funktionierenden Wasserpumpen in den Dörfern. Über uns kreischen Scharen von grünen Papageien, mal ein Adler und abends sehen wir einen Baum voller Geier

Alleine in dem einzigen Baum hie hockend vierzig fünfzig Aasgeier und gaffen uns an. Abends von der Straße weg unter ner Palme Schutz suchend, hat man unser Licht entdeckt, man kommt um zu schauen was da ist und sie ziehen wieder ab, nachdem wir erklären, dass wir lieber hier draußen als im Haus schlafen. Wir packen gerade unser Schlafsäcke aus, als die vier wieder kommen, mit zwei Betten und ner Gaslampe. Man serviert uns Tee, aber lässt uns bald wieder alleine. Super angenehme und nette Menschen - unglaublich womit man überall rechnen muss, so können wir mal wieder draußen auf einem Bett schlafen. Morgens: wir packen zusammen und die kommen wieder mit Tee und Brot zum Frühstück an. Wie bedankt man sich wenn Kommunikation so schwierig ist. Wir sind einfach nur fröhliche, dankbare Gäste.

Auf dem weiteren Stück Wüste wird die Piste mal wieder richtig schlecht. Einfach beschissen kaputte Straße - streckenweise so vom Sand überweht, dass geschoben werden muss. Trucks gefährden uns mit ihrem Fahrstil: Ich muss da durch und ich bin der Stärkere auf dem Sand, kaum Platz zum Ausweichen und dann hat man den ganzen Staub und Sand-im Gesicht, in den Augen und der Kette. Abends nach Jhang, in die Stadt. Mit einem Schlag hört dieser sandige Teil auf, die Straße wird wieder gut befahrbar, aber eben wieder jeder Meter Menschen neben der Straße. Was manche genau außer Kiffen machen, ist nicht erkenntlich. Eine kurze Nachtfahrt und wir kommen an eine verpisstes, dreckiges Hotel, zwar billig, aber was man sich da alles holen kann. Wo anders können wir nicht bleiben. Am anderen Tag erst mittags los, mein Magen rebelliert wieder - durch die Glut und bald Rast gemacht. Uns führt die Straße jetzt genau Richtung Osten durch kleinere Städte, die Großstadt Lahore, und 30 km dahinter die Grenzstation Agah/Atari. Gutes Reisanbaugebiet mit Dickhäutern, in den Feldern und als „Müllrecycling“ in und auf den Müllhalden. Büffel, Kamele, Esel als Lasttieren oder Allesfresser . Was jetzt immer mehr auftaucht sind stinkende, dreckige, voll gemüllte Dörfer mit Manufakturen zur Stoffherstellung. Sehr ausgelaugte, kranke Kinder neben der Straße, es riecht schwer nach Kinderarbeit. Es herrscht eine extrem gereizte Stimmung. Keine freundlichen Orte mehr. Abends suchen wir Zuflucht in der nächsten Stadt, um dort ein Hotel zu nehmen. Auch diese Orte werden immer dreckiger, immer größere Müllgebiete davor - dahinter Büffel, die sich im Klärschlamm mit Müll gemischt suhlen – von Hygiene keine Spur. Einfach unglaublich, dass die Menschen hier nicht reiß aus nehmen und in die Berge ziehen, aber man kennt es eben nicht anderes. Nur die letzten 10 km zur Grenze sind

angenehm, regeneratives Fahren, kein Verkehr mehr, kein Dreck und Gestank. Auch wenn es der einzige nationale und international offene Grenzverkehr zwischen Indien und Pakistan zu sein scheint, so überqueren ihn nur ein paar wenige. Hauptsächlich Touristen Ausländer wie wir. Mittags um 15 Uhr sind wir zu spät dran um noch durchzukommen. Abends aber wird’s voll von beiden Seiten kommen Inder und Pakistani, nur um die tägliche Zeremonie des Abhissens der Fahnen und Schließen der Tore zu sehen. Militärisch ähnlich wie die tägliche Zeremonie vorm Königshaus in London - in kleinerem Maßstab. Jetzt erfahren wir, dass wir ohne Visum garantiert nicht über die Grenze kommen. So beschließen wir, uns sofort auf den Weg nach Islamabad zu machen. Die Räder lassen wir in einem Raum des Hotels an der Grenze und vertrauen denen auch unser Gepäck an. In einer Nacht und Nebelaktion schaffen wirs bis 3.30 Uhr früh nach Islamabad - aber kein Hotel für unser Portemonnaie das offen hat - wir schlafen draußen und sind um 8 Uhr an der Indischen Botschaft. Hunderte Pakistani dort - zum Glück oder mal wieder typisch: Ausländer, Gäste mit Geld, werden bevorzugt behandelt. Trotzdem müssen wir übers Wochenende warten. Langsam werd ich unruhig und will aus dem Land. Nachmittags finden wir ein günstiges Hotel und ich falle halb Tod ins Bett. Über Nacht bekomme ich Fieber und wieder richtig Schisserritis. Zum Glück haben wir ja jetzt drei Tage Zeit für Ruhe und Entspannung. Die letzten Tage etwas viel Stress, wohl etwas zu viel der Aktionen für mich.

Ja und jetzt hoffen wir, morgen Nachmittag das Visum zu bekommen um wieder zur Grenze an unsere Räder zu gehen, die hoffentlich noch dort sein werden, um dann endlich diese Land verlassen zu können.,

Ja, so sieht’s zurzeit aus. So gut es uns in den ersten drei Monaten ging und wir essen, essen, essen konnten, so haben die letzten paar Wochen doch sehr an der Substanz geknabbert. Aber damit muss man wohl rechnen, wenn man auf unsere Art durch diese Länder zieht. Extremes Klima, extremer Dreck, extremes Essen für mich zu scharf, Null Hygiene, plus des körperlichen Einsatzes vom täglichen Radeln. Genau wie die Menschen nur auf der extremen Seite sind: entweder superfreundlich und nett oder aggressive, negative Typen, die einen nur ausnehmen wollen. Einen Mittelweg gibt’s nicht.

Kein Tag der Ruhe, keine Normalität, wie wir sie kennen. Deutschland und Europa weit weit weg, und ich wüsste wohl so einiges besser zu genießen. Allein ne Palette Orangensaft aus dem Aldi wäre jetzt Klasse.

Aber es macht immer noch Spaß auf dem Rad zu sitzen.

Es ist einfach das machen was ich wollte. Radfahren ohne Weltphilosophischem Hintergrund - oder auf der Suche nach mir selbst.

Neugierde und Unternehmungslust auf die Abenteuer die wohl noch kommen.

Ja auch wenn es oft negativ klingt so stoßen wir doch immer auf nette und interessante Menschen.

 

Macht's mal alle gut und knuddelt Woody

Euer Johannes

 

 

 

 

 

 

 

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