Zwei Monate in Brazza: Warten auf das Visum

Das Leben ist ein Ponyhof – Stillstand in Brazzaville.

Für die die Afrika nicht genau kennen ein namentlich verwirrender Ort. Gleich drei Mal Kong: Dem Kongo Brazza, wo ich seit Wochen warte auf mein Visa für den DRC – Kongo Kinshasa oder einst Zaire. Dazwischen fließt der wahre Kongo, als größter Flusslauf der Welt, was die Wassermenge betrifft.

Ich im Kongo vor mir der Kongo dahinter der Kongo.

So wie ich den Niger überquert habe ohne jemals im Niger gewesen zu sein.

TIA Afrika wo die Landesnamen nach Flussläufen getauft sind.

Ich steck seit Wochen in Brazzaville fest und warte darauf dass mein Reisepass wieder zurück, aus Berlin, zu mir kommt. Nach zehn Tagen Kampf und Vertröstungen hatte ich es aufgegeben hier in Brazza ein Visum für die DRC auf den Botschaften hier zu bekommen. Was vor zwei Jahren noch einfach war heute nicht mehr möglich quasi unmöglich.

Die ersten Tage wohnte ich im Rotlichtviertel Poto Potos der größten Wellblechdach Siedlung hier in der Stadt. Ja, irgendwann mal muss es hier sogar fließendes Wasser und eine funktionierende Infrastruktur gegeben haben, Duschen, Wasserhähne, alles auf engstem Raum vorhanden, aber seit Jahren funktionslos. Zugestaubt und dreckig. Kleine Räume mit kleinen Deckenventilatoren die dauernd verstauben und zugestaubt aufhören zu funktionieren. Kleine, dunkle Zimmer, in denen die Hitze steht.

Gerade herrscht die unangenehmste Jahreszeit, der große Monsun. Es ist nicht nur heiß, vor allem die hohe Luftfeuchtigkeit lassen alle Tätigkeiten zu schweißtreibenden Aktionen werden. Nachts im Bett schwitzen wie im Dampfbad. So findet das leben meist draußen auf den Gassen statt. Sandigen zugemüllten Wegen durch die Siedlung. Jeder wurstelt vor sich hin, oft immer die gleichen Geschäfte und Läden nebeneinander. Hat einer eine Verkaufsidee, der Nachbar hat die gleiche.

Hunderte von kleinsten Verkaufsbuden - Grillständen mit Hühnchen und tausenden von Handy-Anbietern.

Dabei haben sie alle den gleichen Kram. Selbst die Chinesen die hier inzwischen großen Einzug in Afrika haben verkaufen alle paar hundert Meter voneinander entfernt den gleichen Plastik- und Billig-Elektronikschrott.

In meinem „Nachtclub“ läuft, sofern Strom vorhanden, den ganzen Tag Musik. Ein kleiner USB Stick mit ganzen zehn Songs. Die auf und ab in auf voller Lautstärke, die ganze Zeit durch dudeln.

Kids scheinen es zu lieben, auch die größeren Jungs bewegen sich immer rhythmisch dazu.

Lustige Jungs und Mädels um mich herum die immer ein Limo ausgegeben haben wollen und mich anbetteln.

Ab und zu spendiere ich denen, die wirklich nett sind, eine Cola, Fanta oder etwas süßes.

Nachts sitzen dann Männer und Frauen gesellig bei viel zu lauter Musik im Vorraum bei einem Bierchen.

Die die sich die drei Euro für ein Zimmer nicht leisten können verziehen sich für einen „Blowjob“ in eine dunkle Ecke des Raums ...

Ich fühle mich nicht unwohl, zumindestens die Jungs um mich hier herum herzlichst. Jeder kennt mich und Biki in diesem Viertel und winkt mir fröhlich zu. Kids die mir immer alle die Hände geben wollen, und die Jungs meiner Unterkunft die mich nach einer Woche immer noch fragen, ob ich nicht mittanzen will.

Tanzen und Wäschewaschen damit halten sie sich fit.

Wäsche waschen, eine echte Herausforderung, dafür muss erst einmal das Wasser in großen Plastikkanistern hunderte von Metern in Handkarren, hergeschleift werden und dann die ganzen Bettbezüge der Nacht gewaschen werden. Mehr Stofffetzen als echte Bettbezüge die aussehen wie alte Lumpen.

Ein Hinterhof auf kleinstem Raum, drei Plumpsklos, zwei davon einfach zugemauert. Das benutzte Klopapier wird in einem offenem Eimer gesammelt und einmal in der Woche angezündet.

Diese einzige Toilette, vor diesem Ort ekelt mir es sogar. Überhaupt sind die Hygiene-Zustände schlechter als auf dem Land. Für Grundwasser müsste man gerade ein paar Meter tief bohren, ein Plastikrohr mit Pumpe und schon hätte man Wasser.

Ich merke wie ich krank werde, gerade rechtzeitig erreicht mich eine E-Mail mit dem Tipp das es nicht weit von hier eine Bleibe für Overlander gibt.

So lerne ich Olivier und diesen Ort kennen. Ein kleines Hotel mit einem Vietnamesischen Restaurant.

Das Hippocamp. Im Hinterhof stelle ich mein Zelt auf und werde richtig krank.

Fieber, klar das ich als erstes an Malaria denke und werfe ein paar Tabletten dagegen ein. Nach zwei Tagen bin ich mir aber sicher eine Grippe eingefangen zu haben. Klasse, eine Erkältung mitten in Afrika. Drei Tage schwitze ich Tags und nachts noch mehr als eh schon bei der Schwüle. Meine Isomatte und Innenschlafsack von Schweiß vollgesogen wie ein feuchter Schwamm. Aber he, immerhin habe ich hier ein sauberes Bad mit echter Toilette und funktionierender Dusche und das für mich alleine.

Nach drei Tagen Schwitzen und Fieber bin ich wieder auf dem Dampfer. Die Nächte waren schon hart. Mehr geschwitzt als geschlafen zudem das Fieber. Ja wer sich die überteuerten Hotelräume hier nicht leisten kann braucht ein gutes Herzkreislaufsystem um bei den diesen Temperaturen mit Fieber über die Runden zu kommen. Da sind die Warnungen des Auswärtigen Amtes durchaus berechtigt.

Ich fühle mich wieder gut. Von Olivier bekomme ich den Tipp meinen Reisepass heimzuschicken, schon manch ein Overlandern hätte hier einige Tage verbracht um auf das Visa aus Europa zu warten. Belgier haben es vor ein paar Monaten geschafft ihren Reisepass mit dem nötigen Visum innerhalb einer Woche wieder zu kriegen.

Selbst zwei, drei Wochen wären ok. Nachdem ich ein paar Freunde in Berlin kontaktiert habe schicke ich meinen Reisepass zu Palme nach Berlin. Insgeheim hoffe ich nicht länger als drei Wochen zu warten, aber wie so oft, die Hoffnung stirbt zuletzt.

TIA: Dem ist Afrika

Auch wenn mein Reisepass in Deutschland ist, rechne bei afrikanischen Ämtern einfach mit der doppelten Zeit die du als längstes veranschlagst.

So sitze ich hier in Brazzaville seit nunmehr sechs Wochen. Der Pass liegt inzwischen auf der Botschaft Angolas in Berlin. Gerade zu süß mit wie viel Aufwand sich mein Freund Palme darum kümmert dass alles schnell geht. Das Visum für den DRC habe ich bereits, aber die von Angola wollen unbedingt eine Einladung. Etwas spät fällt mir mein Freund Christoph ein. Es dauert eine ganze Weile bis der Kontakt zu einem Pfaffen nach Angola steht oder eben auch nicht. Ausgerechnet zu dem Zeitpunkt an dem ich wirklich die Einladung gebrauchen könnte ist der gute Mann im Dschungelcamp verschwunden.

Wirklich mal ein Pfarrer der seiner Berufung folgt. Aber für mich Bleibt die Ungewissheit ob und wann der gute Mann denn wieder aus dem Dschungel erscheint.

So springe ich weiterhin von Cybercafé zu Cybercafé.

TIA. Da glaubst du einen guten Ort mit „vernünftiger“ Internetverbindung gefunden zu haben und am nächsten Tag stehen die Server still. Drei Ecken weiter im letztem Rattenloch funktioniert die Leitung wieder. Du schreibst eine Email, willst sie versenden und gibst es nach einer Stunde auf. Ab zum nächsten Internetcafé.

Ich wünschte mir mein Mobiltelefon zurück, das vor Wochen dem Hitzetod erlag, da war es teilweise günstiger mit dem Handy ins Internet zu gehen als von Internet- zu Internetcafé zu hüpfen.

In der Post und anderen Orten wird erst einmal der Strom hochgefahren, wenn du einen der Computer nutzen willst. Keine Ahnung wie viele Laufräder mit Hamstern die haben um Strom zu erzeugen, aber das kann schon mal eine halbe Stunde dauern bis der Schalter umgelegt ist.

Ja so lernt man die Stadt kennen.

Noch besser die Aktion von meinem Französischem Freund Cyril, der zur Ausfuhr einer einfachen Metallmaske eine Genehmigung haben wollte. Vom Tierpark über zig Ministerien, immer wurde er wo anders hingeschickt. Am Ende steht er wieder im gleichen Gebäude wie am Anfang nur drei Stockwerke darüber. Heute hat der Beamte aber keine Lust mehr diesen Wisch auszufüllen. Tags darauf soll Cyril nicht ins Büro sondern zu ihm nach Hause kommen. Wegen dem einen Touristen braucht man wahrlich keinen Sprit zu verbrauchen.

Die meiste Zeit verbringe ich im Hinterhof des Hippocamps. Hier drei nette Jungs am Schrauben“ und Basteln. Omer, ein knuffiger, „kräftig“ gebauter Kongolese, Kim plus sein Vater Vandiesel; zwei der sieben Vietnamesen die hier im und an dem vietnamesischem Restaurant mitwirken. Ein zweites Standbein Oliviers sind Brunnenbohrungen.

Hierfür entsteht gerade ein weiterer Generator um den Strom für die Bohrmaschinen zu erzeugen.

Unglaublich aus was die diesen Hänger bauen. Alles findet eine Wiederverwendung. Geschraubt wird fast nichts. Lieblingswerkzeuge sind die Flex und das Schweißgerät.

Omer ist immer an der Flex während Kim dann alles zusammen bruzelt. Lustig auch die Kommunikation: Kim spricht wie die meisten Vietnamesen hier nur ein einfaches Französisch, Kommunikation über Zeichensprache und Zeichnungen, so das auch ich alles verstehe.

Aus Alt mach Neu. Aber he, lange nicht in dem Tempo das wir kennen. Dafür ist es auch viel zu heiß.

Manchmal vergehen zwei, drei Tage bis eine benötigte Stange, Schraube, Bolzen oder Teil gefunden wird, aber über Neunzig Prozent sind improvisiert.

Omer besitzt die absolute Gelassenheit und ein richtig dickes Fell. Dazu seine fast immer gute Laune, das gestaltet die vielen Tage im Hippocamp zu einem entspannten und fröhlichen Ort.

Jeden zweiten Sonntag lädt er mich zu irgendeiner netten Aktion ein. Mal gemütlich irgendwo am Kongo ein Bierchen trinken und den Kids zuschauen wie sie auf Autoschläuchen die Stromschnellen runter düsen und am Flussufer hochlaufen, oder er lädt mich zu seine Walking-Truppe ein. Stunden lang durch die Außenbezirke Brazzavilles zu marschieren und im Anschluss bei Stachelschwein und Fufu mit jeder Menge Bier die gerade verbrannten Kalorien wieder anzufuttern.

Trotzdem kein ganz Leichtes für mich, hier in der Ungewissheit zu warten was da in Deutschland auf den Botschaften abgeht. Ja, es ist wirklich warm und ich schwitze den halben Tag, sogar im Schatten. Hoffen und Warten auf Antwort aus Deutschland. Wenn es Neuigkeiten gibt bin ich hibbelig wie selten, weil mich alleine das Weiterleiten von Mails Stunden kostet.

Palme ist klasse, immer super schnelle Antworten. Leider hilft das nur mir, nicht aber die Anträge auf den Botschaften zu beschleunigen. Die vom Kongo Kinshasa wollen eine Hotelreservierung, kein Problem, die ist schnell gebastelt, hoffen das die die nicht zu genau kontrollieren. Immerhin habe ich inzwischen bei vier Botschaften meine selbstkreierten Hotelreservierungen mit abgegeben.

Zwei Wochen sind vergangen und tatsächlich hat das mit dem Kongo geklappt. Noch am gleichen Tag liefert Palme meinen Pass bei der Angolanischen Botschaft ab.

Ein fünf Tage Transitvisa könne ich sofort bekommen aber für das längere Touristen Visa bräuchte ich eine Einladung. Nein, die kann ich mir leider nicht selber ausstellen. In weiser Voraussicht hatte ich schon meinen pfälzer Freund Christoph kontaktiert. Der Mann der im Speyrer Dom für die Weltkirche tätig ist und gerade vor ein paar Wochen noch in Uganda mit dem Rad für die Kirche unterwegs war. Vor über zehn Jahren wären wir fast gemeinsam um die Welt geradelt. Auch heute noch ärgert er viele ambitionierte Rennradler wenn er in seinen Birkenstock Sandalen schneller die Berge hochrast als der Herr mit seinen Klickpedalen.

Klar schafft Christoph es einen Kontakt nach Angola herzustellen, Aber bis dahin vergehen so einige Tage, vor allem der Bruder aus Angola, der mir eine Einladung ausstellen könnte ist für unbekannte Zeit irgendwo im Dschungel verschwunden.

Die Welt im Wandel. Ja vor Jahren gab es keine E-Mail oder Handys. Schon krass wie schnell sich die Erde vorwärtsbewegt. Kommunikation so einfach und schnell wie nie. Und Trotzdem sitze ich hier und warte und warte und warte.

Ja ich bin noch viel zu Europäisch - besser Nordeuropäisch geprägt. Tage an denen sich so gar nichts tut da könnte ich die Wände hochjagen. Aber eben immer wieder ein kleinen Hoffnungsschimmer.

Unglaublich wie schnell Chinesen hier, in den letzten Jahren, Fuß gefasst haben. Riesige Straßen-Projekte und Gebäude die hier, 24 Stunden an sieben Tagen in der Woche, gebaut werden. Der kleine Flughafen hier in Brazzaville ist in kürzester Zeit entstanden.
Lustig das gerade die paar gebildeten Afrikaner sich darüber aufregen wie schlecht Gebäude von den Chinesen gebaut würden. Der Flughafen hier in Brazzaville, eine Stahlkonstruktion ähnlich wie der Hamburger Flughafen. Ich finde sogar das Gebäude sieht richtig gut aus. Sicher wie so vieles wird sich erst in Jahren zeigen wie gut und haltbar gebaut wurde. Aber das die Afrikaner sich aufregen liegt eher an den Vorurteilen den Asiaten gegenüber. Ähnlich wie so viele Deutsche eben Angst haben jetzt vom osteuropäischen Arbeitern überrannt zu werden, haben die Angst das China einen zu großen Einfluss hier bekommt.

Im Gegensatz zu sämtliche westlichen Organisationen und Firmen kommen Chinesen eben nicht nur mit ein paar Finanzies, Denkern und Lenkern hier an, sondern mit tausenden von Arbeitern und Maschinen, die mit anpacken und Afrikaner anleiten.
Gerüchte die behaupten dass viele der chinesischen Arbeiter hier aus den Gefängnissen Chinas stammen.

Wie auch bei uns zu den Gastarbeiter Zeiten bleiben und leben die meisten Chinesen unter einander, zu wenige die sich wirklich unter das afrikanische Volk mischen um Vorurteile abzubauen.

So ganz anders ist dieser Ort hier, das Hippocamp. In französisch-vietnamesischer Hand. Ein einfaches westliches Vietnamrestaurant geleitet von Europäern. Hier treffen sich viele Westler und Afrikaner zu gemeinsamen Geschäftsessen, dazu ein kleiner Konferenzraum. Unterschlupf für viele Overlander die hier stranden und für umsonst Campieren. Ich bin nicht der Einzige der hier einige Wochen verbringt. Zwei Gästebücher voll mit Geschichten Afrikareisender. Die allermeisten sind mit einem größerem Allrad Jeep unterwegs. Abenteurer und Schrauber mit selbstgebastelten Buggys bis uralten, riesigen Wohnbussen. Hunderte die hier stoppten, mit tausenden Geschichten, in den zwei Guestbooks, jeder der Olivier, seiner Frau und dem Team hier dankt.

Auch in den Wochen die ich hier bin zieht so manch ein Afrikareisender vorbei. Eine Gruppe Engländer mit zwei Landrovern und einer riesigen BMW Enduro. Nicht einmal einen Tag bleiben die hier in Brazzaville. Am nächsten Morgen schafft es mein Freund Omer, in vier Stunden eine der Antriebswellen zu reparieren. Keine zehn Minuten Später sind die drei Jungs plus Quotenmädchen wieder weg.

Dabei hätten die an jedem anderen Ort in Afrika mit Tagen rechnen müssen bis sie einen Fachmann gefunden hätten diese Lager aus und neue wieder einzupressen um ihren Landrover wieder flott zu machen.

Eine Woche darauf noch einmal zwei Jungs die umgekehrt aus Südafrika startend nach Europa pesen.

Die Engländer hatten eine Auszeit von sechs Monaten genommen. Die zwei aus Südafrika wollen es gar in der halben Zeit total „stressfrei“ schaffen.

Jeder auf seine Art und Weise. Die Tommys rauchen in der Zeit am Morgen, jeder, eine Schachtel Zigaretten. Alle vier behaupten erst richtig mit dem Rauchen auf dieser Reise angefangen zu haben und ja - back to GB würde man sofort wieder aufhören.
Soviel zur Stressbewältigung, nur weil sie einmal vier Stunden warten mussten. Komisch, ich dachte man würde entspannter hier in Afrika, aber die machen selbst nach drei Monaten Afrika einen Mega angespannten Eindruck.

Für mich eine willkommene Ablenkung, wenn auch nur vier Stunden am Morgen und einem geselligen, spaßigem Abend zuvor.

Das Hippocamp

Einer kleinen Oase für mich, nicht ganz billig, auch wenn ich umsonst hier im Hof kampiere. So ist das Stadtleben Kostspieliger als ein Leben auf den Landstraßen.

Noch mehr Overlander die durchziehen.

Ein fliegender Holländer der noch schneller unterwegs ist als die zwei Südafrikaner. Gerade mal in zwei Monaten ist er aus Amsterdam hierher gejagt, mit seiner Afrika Twin, einem großem beliebtem Motorrad, um Afrika mit dem Bike durchqueren.

Voll aufgedreht bis zum es geht nicht mehr, Hyperaktivitätssyndrom hoch Zehn.

Was sich bei den meisten auswächst hat sich bei dem gesteigert. Keine Minute die der ruhig am Tisch sitzt, und mit den Stäbchen zu trommeln anfängt.
Nach dem Essen springt er alle paar Minuten auf und hüpft auf und ab. Dabei saß er doch den halben Tag auf seiner Maschine. Nein, auch er wird auf dieser Reise nicht zum Zen Buddhisten. Der netteste Motorradler stammt aus Polen. Tom lebt mit seiner Freundin in England auch er gerade mal drei Monate mit seiner Enduro unterwegs. Immerhin bleibt er wegen mir ganze vier Tage. Ein nettes Wochenende. Zu zweit macht dieser Ort einfach mehr Spaß. Wir Tigern durch Poto Poto, ich zeige ihm meine erste Herberge und testen die verschiedensten Grausamkeiten die man am Straßenrand zu Essen bekommt.

Und ich bekomme auch nur ein kleines bisschen Durchfall. Schon lustig zu was einer Schneise zwei Chaoten wie er und ich uns anstiften können. Tom ist der erste auf dieser Reise mit dem ich mir vorstellen könnte eine Weile zusammen zu reisen, wenn er denn sein Motorrad gegen ein Fahrrad tauschen würde.

Ein lustiger Rastaschopf mit teils sehr idealistischen Ideen, vor allem was die neue Internetwelt betrifft. Leider verliert er gerade ein Haufen seines Geldes. Er hatte in Bitcoins investiert, eine Idee des Geldhandels ohne Bankgebühren. Leider ist ausgerechnet sein „Geld – Bitcoin Institut“ bankrott gegangen und er wird diese Bitcoins wohl nicht mehr sehen.

Genau wie mein Rechner bricht auch seine Laptop auseinander. Ich bin gespannt wie weit meine Technik noch hält. Inzwischen habe ich mir ein Streicheltier zugelegt, ein Smartphone, für den Fall das mein Laptop den Afrikatod erleidet, damit ich wenigstens noch an meine Emails rankomme.

Ein drei Jahre altes Mobiltelefon zum Preis eines neuen Modells in Deutschland. Ja gut, Technik ist teuer bis unbezahlbar oder gar unmöglich zu bekommen. Ansonsten „Chinamüll“, Billigkopien a la Samsung Smartphone die größere Displays haben als das Original. Ja, etwas spät habe ich mir das Teil gekauft, alleine in den ersten sechs Wochen über sechzig Euro für Internetcafés ausgegeben.

Was das Internet und Mobiltelefonie Betrifft ist der Kongo das teuerste und Datentechnisch langsamste Land Afrikas bis jetzt.

Oft laufe ich drei Internet Orte an ehe einer eine funktionierende Leitung besitzt. Olivier bezahlt neun Hundert Euro pro Monat für seine einfache DSL-Leitung.

Alle Güter müssen die katastrophale Straße von Point Noir hierher nehmen oder eine überlastete zusammengeschusterte Bahnlinie die eingleisig mitten durch den Dschungel führt.

Und wenn mal wieder ein Waggon oder Triebwagen aus den Gleisen hüpft heißt es Warten.

So erlebe ich es zwei Mal dass Benzin an den Tankstellen ausgeht weil die Lieferung nicht durchkommt. Lange Taxischlangen an den Tanken. Wer etwas mehr Kohle und Land besitzt hat eigene Dieselreserven.

Ja, Warten - das ist man gewohnt in Afrika. Mein Bankautomat den ich zuerst ausprobier spuckt kein Geld mehr aus. Vor dem Zweiten eine lang Schlange. Nach zehn Minuten anstehen sehe ich dass in dem Bankraum zwei Automaten sind, aber alle nur den einen benutzen? Ich frage warum keiner denn überhaupt versucht ihn zu benutzen. Einer meint der wäre vor zwei Wochen nicht gegangen, warum sollte er heute laufen. Ich versuche mein Glück und natürlich funktioniert er. Aber he, man steht lieber geduldig in der Sonne vor der Bank als sein Glück zu versuchen.

Heya: T.I.A.

Ja eine Frau bringt es auf den Punkt. Wir sind es eben gewohnt zu warten.

Das was wir Deutsche am meisten hassen: Warten. Das was wir Pünktlichkeit nennen ist hier fast bedeutungslos.

Zwei Tage später sehe ich wieder die gleiche lange Schlange am Geldautomaten. Immer nur einer der Geld abhebt obwohl zwei funktionierende Automaten vorhanden sind. Nein es hat sich nicht rumgesprochen das der Zweite Automat wieder funktioniert. Und nein, keiner der auch nur auf die Idee Käme es auszuprobieren.

So vergeht die Zeit hier im Hippocamp und auch ich lerne geduldig auf meine Visa zu warten.

Zig Emails nur für diese zwei Aufkleber, was ein Akt. Alleine wie oft Palme auf der angolanischen Botschaft ansteht um sich auf ein Kaffeekränzchen mit der Vorzimmerdame zu treffen.

Palme, der einzige den ich kenne der wohl so charmant und sachverständig an diese Sache ranging.

Zudem auch noch als Afrikakenner die Vorgehensweise afrikanischer „Bürokratie“ besser kennt als sonst einer. Ein nein heißt nicht gleich nein, Geduld und gutes zureden vorrausgesetzt. Vor allem aber immer mal wieder „Hallo“ sagen. Ich weiß nicht wie viele Stunden der Gute alleine auf der angolanischen Botschaft für mich verbracht hat.

Ja, was die Visa Vergabe in Afrika betrifft herrscht eine Art Anarchie. So kann man ein Visa für ein selbst gemaltes Bild erhalten, für eine Packung Zigaretten, für 50 Cent oder eben gar nicht.

Meist ist es schwieriger ein Visum für ein Land zu bekommen als durchzureisen. Nur die DRC vor mir macht Probleme. An den größeren Grenzübergängen wird ein Visa nicht anerkannt, wenn es nicht im Heimatland ausgestellt wurde. Da wird das Visum dann ungültig gestempelt und man wird zurückgeschickt.

Schon Lustig, das sind die Gespräche unter uns Reisenden. Nummer eins: wie und wo geht es hin – weiter und wo bekommt man überhaupt das nächste Visa.

Mal bekommt man eins in Stunden, Tagen, Wochen oder Monaten.

Selbst für Frauen ist es einfacher die paar Fußball-Regeln zu verstehen als für einen Europäer afrikanische Gesetzte. Nein hier wird oft nicht fair gespielt. Regeln von heute auf morgen neu erfunden oder einfach missachtet.

Ganz nach Laune der Vorzimmerdame und des Botschafters. An Orten wo ich noch vor Kurze meine Visa ohne größere Probleme erhielte; heute kein durchkommen an der Vorzimmerdame. Umgekehrt dafür einige die problemloser das Visum für Angola und den Kongo erhielten. Jeder der seine eigene Geschichte hat. Ja und es kommen so einige schräge Vögel aus der ganzen Welt hier ins Hippocamp eingeflattert.

So wird es einem wenigstens nicht langweilig. Viele spannende Menschen vom einfachen Kemptner aus der Schweiz zum polnischen Unidozenten aus England, der japanischen Krankenschwester, einem Lettischem Ingenieur.

Viele, viele Storys aus und von diesem Kontinent. Tausende Ideen was Afrika weiterbringen könnte, aber wir alle sind uns einig das dies der vergessene Kontinent ist. Keine Fünfzig Kilometer hinter den Städten, ein Leben wie es vor hunderten von Jahren nicht großartig anders war.

Immer wieder die Frage was können wir ändern, was könnte man verbessern.

Wer ist Schuld daran das Afrikaner im Hinterland so zurückgeblieben leben. Waren es wir mit dem Kolonialismus, der Versklavung? Viele, viele Fragen und tausende Antworten. So viele Krisengebiete über den kompletten Kontinent, aber wo ich auch durchradel, fast nur freundliche, nette Menschen.

Zu undurchschaubar unorganisiert die Länder, keine klaren Linien, was Landbesitz Machenschaften der Regierung des Militärs oder irgendwelcher fanatisch/religiöser Gruppierungen betrifft. Alleine Visa zu bekommen; ein Glücksspiel. Wenn man die „aktuellen“ Regeln, Orte und Spielleiter kennt, Null Problemo, ansonsten hast du ein Problem.

Ja all wir reisenden hier, spielen das Spiel für das es eben keine „gültigen“ Regeln gibt. Man gibt sich Tipps und Tricks die aber von heute auf morgen nicht mehr funktionieren können.

Zu manipulierbar die einfache, meist ungebildete Bevölkerung, zu groß die Gier einiger machtbesessener Reicher, die das schnelle Geld sehen und über Leichen gehen.

Ja, oft sind Afrikaner an der Macht, schlimmere Tyrannen als wir sie uns in der heutigen Welt noch vorstellen können. Es sind die eigenen Landsleute die ihr Volk ausbeuten und die Ressourcen an den Weißen verkaufen.

So auch hier im Kongo, davor in Gabun wieder davor in Kamerun und, und, und …

Nein, wir alle haben was das betrifft den gleichen Eindruck: Die Menschen, oft herzlichst, haben gelernt mit der Korruption umzugehen sie in ihr Leben mit einzubauen. Ich selbst habe nicht mehr als drei, vier Mal in diesem Jahr einen Bakschisch gezahlt. Sogar Afrikaner selbst sind erstaunt wie geschmeidig wir Weisen durch diskutieren und Gelassenheit ohne zu zahlen an Kontrollen durchkommen, an denen ein Afrikaner Geld abdrücken müsste.

In den zwei Monaten Brazzaville bin ich nicht einmal nach Papieren oder sonst etwas gefragt worden, während Taxis und PKWs alle Naselang angehalten und abkassiert werden.

Als ich meinen Geldbeutel auf der Straße verliere folgt mir eine Frau im Taxi einen Kilometer um mir mein Portemonnaie wiederzugeben, ohne auch nur einen Cent Finderlohn zu wollen.

Wie so oft hat neunundneunzig Prozent der Bevölkerung nichts mit den paar Herren an der Macht am Hut.

Die fünfundzwanzig reichsten Menschen dieser Welt besitzen mehr als die ärmeren fünfzig Prozent der Bevölkerung. Fünfundzwanzig Menschen sind Reicher als Fünf Milliarden Menschen. Wie kann, konnte es zu so einem Unrechtsverhältnis kommen und was rechtfertigt deren Reichtum und Wohlstand?

Hier in Afrika klafft die Schere aber eben am extremsten auseinander. Megareich neben bettelarm.

So sitzen wir hier im Hippocamp und philosophieren über die Welt und Afrika.

Inzwischen Tatsächlich hat Palme es Geschafft die Vorzimmerdame zu bezirzen und meinen Pass samt Visa wieder an mich zu senden. Vorfreude kommt auf. Nach Wochen des Wartens halte ich den Pass in der Hand. Eine letzte Henkersmahlzeit mit zwei Schweizern die einen riesen ausgebauten Iveco Truck durch Afrika fahren. Ich bekomme Schüttelfost und bringe gerade mal zwei Happen runter. Lampenfieber das es nach Wochen des Stillstands weitergeht???

Nein, Malaria die dritte. He, hätte die nicht in all den Tagen des Wartens hier auftreten können?

Ich glaube fast irgendetwas hält mich hier fest.

Aber schon am übernächsten Tag fühle ich mich wieder fit. Echt Kuschelmalaria, fas schon ein angenehmer kleiner Schüttelfrost. Nichts im Vergleich zu dem was ich vor Monaten in Ghana durch machte. He, ich vermisse fast diesen Albtraum. Und das hier ist geradezu der beste Ort um mich auszukurieren, gute Dusche, nette Menschen, nur das Zelt steht den halben Tag über in der Sonne. So verkriech ich mich in das Baumhaus der Kids hier im Hinterhof.

Aber jetzt vergehen die Tage wieder wie im Flug. Das lange Warten von über zwei Monaten hat ein Ende gefunden.

Ja und ohne es geplant zu haben, ich freue mich inzwischen Richtig auf Angola. Gespannt was in DRC und dahinter auf mich wartet….

Danke Palme, Ma, Paps und alle die mir hier beim Warten beigestanden sind.

Endlich geht es weiter ...

               

 

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Johannes Beck

Erstellt mit 1&1 MyWebsite Privat.