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Blog 13

Das erste Stück rase ich über Nigerias Autobahn vorbei an Lagos und Benin bis über den Niger geht es ins zweithöchste Gebirge Afrikas, den Bergen Kameruns

Yaoundé, 1. Dezember 2012

 

Unglaublich wie die Zeit verrinnt, oder eben auch mal fast stehen zu bleiben scheint. Stunden, Tage ja wochenlanges Warten auf Visa kann einen Europäer schon mal das eine oder andere graue Haar kosten. Dann wieder die Tage auf der Piste im Urwald oder hoch auf den Bergen, an denen tolle Momente vorbeirasen. Momente an denen man die Uhr sogar mal anhalten möchte. 

 

Der einer hat gerade mal einen Monat Urlaub im Jahr,das ist die Zeit die ich aufgewendet habe nur um an ein einziges Visa zu kommen.

 

Afrika, man braucht eine Engelsgeduld, ich war schon kurz davor mit dem Flieger weiterzuziehen; und zum Schluss erscheint alles so einfach.

 

Angefangen hatte es in Accra, auf der Nigerianischen Botschaft.

 

Von JB hatte ich die Info man bräuchte einen Schrieb seiner Botschaft, wenn man keinen Wohnsitz in Ghana hat, ums ans Nigerianische Visa zu kommen. Dank Ariane habe ich nach ein paar Tagen ein super Begleitschreiben, von dem Team der deutschen Botschaft, in Accra. Die offizielle Haltung Deutschlands ist das Reisen nach Nigeria gefährlich sind und keine direkte Empfehlung für Nigeria ausgeschrieben wird. Der Botschafter umgeht das geschickt indem er mir ein Begleitschreiben für meine ganze Rad Reise durch Afrika ausstellt.

 

Ein bisschen stolz auf das schreiben erscheine ich damit beim Nigerianischen Konsulat. Zahle die verlangten 98 US Dollar - für nichts! Kein Visa trotz des Schreibens, Unterlagen wie: eine Hotelreservierung, ein Dokument das ich für eine NGO tätig bin, die eine Schule im Osten des Landes baut, und allen anderen geforderten Papieren.

Es hilft nichts. Ich muss weiter.

 

Enttäuscht radle ich nach Togo, dort die gleiche Auskunft: Nicht Wohnhaft in Togo, kein Visa. Aber wenn der Deutsche Botschafter persönlich wegen mir hier anruft, könnte es klappen.

 

Tja, leider habe ich hier keinen so heißen Draht zur togolesischen Botschaft, die Sekretärin ist noch ganz nett aber der Deutsche Botschafter in Togo scheint ein alter Hund zu sein, ich werde abgewiesen.

Die Jungs die ich meiner Herberge treffe, machen mir Hoffnung dass man in Cotonou bessere Karten habe, auch sie wollen mit ihrem Landcruiser nach Nigeria. Drei Portugiesen die in den letzten sechs Wochen von Spanien hier runter gedüst sind. Ganz so schnell sind Biki und ich nicht.

 

Ab nach Benin!

 

Halt, nicht so schnell, Ich stelle fest das mir der Heini in der Beniner Botschaft ein falsches Datum eingetragen hat. Den 15. Oktober anstelle des 5.

 

Also so lange in Lomé warten, bis ich weiter kann. Lomé ist aber eine Stadt die nicht ganz so stressig ist wie andere Orte Afrikas. Alle Leute die ich hier treffe sind etwas schräg. Ein deutsch-libanesischer Autoschieber, zwei Kranke(n) Schwestern und etliche Europäer die hier seit Jahren hängengeblieben sind.

Ich komme auch in den Genuss des Nachtlebens, mit jungen Peace Corps, und Tages am Strand, auch wenn die einzige Bademöglichkeit zwanzig Kilometer weg ist, so bleiben ich und Biki etwas in Form. Richtung Badestrand kommt auch richtige Oktoberstimmung auf. Zum andern Ende Lomés wird ein Oktoberfest gefeiert, für zwei, drei hundert Meter blockieren Taxis und querstehende Motorräder die vierspurige Straße. Wie bei uns schon mittags so einige Alkoholleichen, und Rotzbesoffene die kaum noch laufen können. Den Strand entlang hunderte Bierbuden.

Was den Bierverbrauch betrifft sind viele Afrikaner den Bayern sehr nahe.

15. November, es geht ab in den Benin. Keine zwanzig Kilometer hinter der Grenze ein toller Strand am „Arsch der Welt“ - Grand Popo, wie der Ort hier heißt. Ein Tipp meiner Portugiesischen Freunde. Ein lustiger Rastaschuppen mit kleinen Bungalows direkt am Atlantik. Bob Marley Songs aus den Boxen und he, höre ich da nicht sogar die Klänge von Seeed? Ja die deutsche Kultur hats bis an die Westküste Afrikas gebracht.

Und das Ganze in einer angenehmen Lautstärke, zu mindestens nicht völlig übersteuert und so laut das man sich zur Verständigung anbrüllen muss.

Die Küstenstraße nach Cotonou ist fast „flach“ und abwechslungsreich zugleich. Große Seen zur linken, der Atlantik zur rechten, Fischerdörfer im wechsel Feldanbau. Es ist gerade Tomatenernte, fleißig wie die Ameisen Arbeiten die Jungs und Mädels. Wie überall alles mit Muskelkraft. Ironie on: „He, mal einen Motor oder Generator anzuwenden wäre gemogelt. Ich radele ja auch nicht mit Elektro-Motor oder benutze ein benzingetriebenes Fahrzeug“ Ironie off. Die letzten Kilometer nach Cotonou werden sehr Chaotisch. Eine riesige im Prinzip achtspurige Straße, die sich gerade im Bau befindet. Jeder Fährt auf der Spur die am besten gefällt. So kommt’s auch zu etlichen Unfällen. Vor mir ein Motorrad Fahrer, dessen Hintermann senkrecht zwei Meter hohe Glasscheiben Transportiert. Das kann ja nicht gutgehen. Ich sehe ein vor mir ein tiefer hängendes Werbeschild. Ein lauter Knall und tausende Scherben. Zum Glück ist nicht viel passiert, ich mit genügend Sicherheitsabstand und Ausweichmanöver.

Schon abenteuerlich wie hier alles Mögliche und Unmögliche auf Autos, LKWs, Motorrädern, Schubkarren, einfach allem was Räder hat, transportiert wird. Ja, da sind den Phantasien keine Grenzen gesetzt. Oder besser; kein Weißer kann sich vorstellen wie ein meterhoch überladener PKW oder Minibus überhaupt noch vorwärtskommt, ohne zusammenzubrechen. Das auf Straßen die in schlechterem Zustand sind als unsere Waldwege. Klar bleibt da ab und zu mal eine Karre mitten auf der Straße liegen. Aber das gehört zum Straßenbild dazu, und Probleme gibt es nicht, nur Lösungen.

In Cotonou heißt es wieder Ruhe bewahren, die Nigerianische Botschaft macht gerade mal an zwei Tagen für zwei Stunden in der Woche auf.

So warte ich das Wochenende ab, und wen treffe ich Downtown? JB, mein Französischer Mitstreiter.

Ja er hat das Visum gerade bekommen. Voller Zuversicht warte ich Dienstagmorgen pünktlich um zehn Uhr am Tor des Nigeriahauses. Elf andere die mit mir vor geschlossenem Tor in knallender Hitze stehen. Zehn nach zehn werden wir wieder weggeschickt, wir sollen nachmittags erscheinen.

Nachmittags, in einem großen Raum mit laufendem TV warte ich nun, zwei Inder und ein Chinese neben mir. Wieder lässt man uns lange warten.

Ich bin der dritte und he, eine echt nette Sekretärin, die sogar richtig begeistert von meiner Unternehmung ist, ein echtes Interesse an dem was ich erlebt habe und hört sich meine Geschichte an. Dabei muss die doch erst vor fünf Tagen JB interviewt haben.

Sie verspricht dass ich in drei Tagen mein Visa bekomme. Das lässt meine Laune für den Rest des Tages steigen. Übermotiviert springe ich abends mit ein paar anderen Jungs und Mädels aus dem Hostel in den Atlantik, habe leichte Probleme gegen die Strömung wieder zurückzuschwimmen.

Nein, heute verschluckt mich nicht der Atlantik nachdem ich einen Monat für das Nigerianische Visa kämpfte.

Freitag der 25. Oktober 2013. Mit dem Visa in der Hand verlasse ich Cotonou, Benin und stehe schon am späten Nachmittag an der Grenze. Chaos, wie zwischen Togo und Benin. Märkte, Stände, eine staubige Piste. Die Zollhäuschen sind in dem Gewusel kaum zu erkennen.

Für Afrikanische Verhältnisse eine reibungslose Prozedur. Klar, eine Stunde dummes Geschwätz von Grenzern, mit Fragen die überhaupt nichts zur Sache tun. Muss man schon über sich ergehen lassen, aber was ist das gegen dreißig Tage warten?

Nigeria, eine große Schnellstraße, alle paar Kilometer eine Polizei- oder Militärkontrolle. Mein Spiel ist möglichst ohne angehalten zu werden durchzuradeln. Dazu klemme ich mich immer an die Mopeds und düse im Windschatten mit ihnen durch und wenn mal einer nachruft tue ich so als hätte ich ihn nicht gehört. Vor ein paar Monaten habe ich schon im Voraus immer Brav angehalten aber inzwischen schlüpfe ich durch diese Kontrollen so gut es geht. He, ich brauche nicht die Liebe und Freundschaft von allen. Zumal es doch immer die gleichen Frage und Antwortspiele sind, und am Ende wollen sie doch nur ein kleines Cadeaux, deine Telefonnummer oder direkt Geld.

Spät nachmittags erreiche ich Badagry, ich tausche Geld und teste die Nigerianische Währung. Werde gleich mal übers Ohr gehauen, aber das kenne ich. Viel mehr als drei, vier Euro zocken die mich nicht ab. Aber auch das ist für mich Geld.

Ja, Afrika ist nicht ganz so günstig wie einst Asien, zudem rechne ich hier in Nigeria damit fast immer in Unterkünften zu schlafen, es ist das am dichtesten bevölkerste Land Afrikas

Hier klafft aber auch die Schere zwischen Arm und Reich: Ein paar Superreiche und der Rest lebt in Armut. Obwohl Nigeria über viele asphaltierte Straßen verfügt ist die Infrastruktur kaum besser als in den westafrikanischen Ländern zuvor.

Nigeria: auf der Autobahn rase ich auf der Überholspur ins Landesinnere.

Nicht ganz auf der Überholspur, mehr auf dem Standstreifen, wenn er denn vorhanden ist.

Ich komme gut voran; genau so schnell wie manch ein Minibus, der alle paar Kilometer hängenbleibt und den ich wiedersehe. Mit den Ohrstöpseln und Musik im Ohr gleite ich die Wellen hoch und runter. So ganz flach ist diese „Ebene“ eben nicht. Verkehrsregeln kennt man nicht. Wer Geld für ein Fahrzeug hat fährt. Die Schnellstraße alle paar Kilometer so Kaputt das im Schritttempo durch und um die Schlaglöcher gekrochen wird. Hier Staut sich der Verkehr dann auch immer. Findige Afrikaner die hier den Fahrern und Gästen Obst Wasser und Leckereien verkaufen, das hält den Verkehr natürlich nochmals auf.

Wenn einem die Spur nicht passt wird die Gegenfahrbahn genutzt. Die vier Spuren sind durch eine Betonleitplanke in der Mitte getrennt und wer beschließt auf der anderen Seite zu fahren tut das für mindestens zwei, drei Kilometer. Ein Schwarzfahrer? Neee Hunderte! Und ich dachte dabei immer ich fahr auf der richtigen Spur.

Die kleinen Orte am Straßenrand gleichen langgezogenen Schrottplätzen. Überall wird geschraubt, geschweißt, gehämmert. Reparaturstätten, es riecht nach Öl und Benzin.

Dazwischen Verpflegungsstände und einfaches Essen. Gegrillt wird Stilecht auf Ölfässern.

So wie hier rumgeschraubt und gehämmert wird, hat etwas von Endzeit Filmen a la Mad Max, ja die Kisten die hier zusammengebruzelt werden sehen schon toll aus. Unglaublich wie viel Arbeit und Aufwand betrieben wird ein Fahrzeug wieder gängig zu machen. Selbst älteste Autos werden komplett zerlegt und wieder zusammengebaut, reinste Patchwork-Arbeiten.

Ich komme gut voran.

So stehe ich schon zwei Tage später vor den Toren Lagos. Größte Stadt Westafrikas, eine zwölf Millionen Metropole. Hier erweist sich mein Navi als super nützlich, auf der Schnellstraße brauche ich mich nicht alle paar Minuten neu zu Orientieren. Jetzt schon. Im Zickzack kreuz und quer über riesige Brücken vorbei an großen Regierungsvierteln erreiche ich das Stadtzentrum.

Ich stecke im Stau fest. So richtig eingekeilt zwischen Taxis. Kein vorwärts, rückwärts, links oder rechts.

Nicht das erste Mal das ich so eingeklemmt werde aber nun stehe ich wirklich Mal eine Viertelstunde ohne das sich etwas bewegt.

Nein, so etwas gibt es in Europa nicht, auf fünf Zentimeter wird hier aufgefahren. Steht fast quer zur Fahrbahn. Aber irgendwie geht’s dann doch und ich bin mitten im Herzen Lagos. Ich schiebe mein Rad zwei Kilometer durch eine Gasse an nicht enden wollenden Stände die so dicht auf der Straße stehen das man nur noch zu Fuß durchkommt.

Irgendetwas ist anders, erst jetzt fällt mir auf das ich seit Stunden kein Motorrad mehr gesehen habe.

Aufgrund Korruption und zu vieler Unfälle wurden motorisierte Zweiräder aus der Stadt verbannt.

Überhaupt fühle ich mich richtig wohl. Jeder der behauptete es sei fast unmöglich mit dem Bike durch Lagos zu radeln liegt falsch. Bis auf die Ich-stecke-Fest-Aktion, ein einfaches. Großzügige Bundesstraßen und selbst über die riesigen Brücken die „offiziell“ nur für Kraftfahrzeuge freigegeben sind: eine ganze Spur für Fußgänger.

Hochhäuser wie ich sie seit Europa nicht mehr gesehen hatte, Luxusyachten und ein paar schicke Autos. Wie viel Sinn oder Unsinn ein Rennwagen hier macht sei dahingestellt, aber der Porsche Cayenne ist hier ein Hit.

Lagos, eine Mischung aus Miami Vice – und Slumdog Millionair. Luxus und Armut gehen hier Hand in Hand.

 

Abends lande ich an der Strandpromenade von Lagos

Simon, ein BMXer der hier mit seinem Rad rum hüpft und den Jugendlichen Inlineskaten beibringt.

Ein netter Sunny Boy, den ich spontan nett finde. Auf meine Frage nach einer Unterkunft lädt er mich ein mit ihm und seiner Schwester gleich hier am Strand zu campen.

Ich zögere kurz, aber dann schleife ich Biki doch die fünf Hundert Meter an den Stand seiner Schwester. Ich kanns mir ja mal anschauen. He, Camping am Sandstrand eine Megametropole in Afrika, das hat doch was.

Angekommen am Sandstrand etwas ab der Touriepromenade, zwischen lauter kleinen Verkaufsbuden direkt am Meer.

Ein mir zu gut bekannter Geruch in der Luft - es riecht nach Dope, auch Rasta, so der Name von Simons Schwester, ist dem Gras nicht abgeneigt.

Sie betreibt wie viele einen klitzekleinen Getränkestand hier am Sandstrand. Als Lager und Übernachtungsplatz ein Zelt aus Planen und Decken. Hier lebt sie mit ihren zwei kleinen Kids.

Ich schlage mein Zelt neben ihrem auf und schon bekomme ich eine Flasche lauwarmes Bier in die Hand gedrückt.

Nun bin ich umringt von zehn, zwölf Jungs. Jeder der mir erklärt wie sicher und toll dieser Strand hier ist.

Am besten ist Whoopi, eine schräge Voodoo Hexe. Sie saugt meine Geschichte geradezu auf du übernimmt jetzt das Story erzählen, ich kann mich entspannt zurücklehnen, während sie jedem Neuankömmling meine Geschichte erzählt, die sie in allen Formen und Farben ausführt.

Abends kommt Simon wieder und bringt die ganzen Sportgeräte – Inlineskates und BMX Räder von der Promenade hierher.

Das ist sein Business, er verleiht und gibt Skateunterricht hier an der Promenade. Hinter dem Zelt sammeln sich vierzig, fünfzig paar Inlineskates, aus denen er zehn fünfzehn funktionierende gebastelt hat. Simon ist auch einer der wenigen die nicht die ganze Zeit hier alkoholisiert oder bekifft am Strand hocken.

Nachts gehen wir auf der Promenade unsere Beine austreten. Nur weil ich ein Weißer bin verlangen die an den Grillständen gleich das Doppelte von Simon, obwohl sie ihn kennen.

So schicken wir eins der Kids zum Essen kaufen. Kinder werden in Afrika nicht übers Ohr gehauen.

Zum Schlafen legt er sich mit einem Sonnenschirm als Schutz gegen den Niesel und Sandverwehungen neben mein Zelt.

Eine kurze Nacht: Morgens um drei zwei Kampfhähne die los krakeelen. Zwei Gottesanbeter, die sich in einer Art Poetry Slam verbal schlagen. Eine in weiß gekleidete „Nonne“ und ein Prediger schreien, kreischen sich irgendwelche Bibeltexte zu, und das keine zehn Meter von meinem Zelt. Simon meint nur im Halbschlaf gestern wären es fünf gewesen, die im Schreikampf hier den Strand hoch und runter gelaufen sind.

TIA

Ja, in Afrika erträgt man und erlebt man so einiges. Eine „In“sektenhafte Religiosität.

Nicht ein, zwei oder drei Kirchen, nein dreißig, vierzig „christliche“ Religionen die eher was sektenhaftes als kirchliches haben.

Aber auch das sich anschreien ist eine sehr gängige Art der Diskussion.

Morgens sind schon die ersten Kiffer bei Rasta, rauchen ihren Joint oder trinken den ersten Schnaps.

Die Engel der Nacht – Rastas zwei süße Kids sind heute Morgen leicht anstrengend aber richtig gut drauf. Gestern Abend sind sie brav in meinem Schoß eingeschlafen, jetzt werde ich völlig vereinnahmt.

Ich würde gerne einen Tag bleiben, und mit Simon mal eine Runde Inlineskaten, das Strandleben genießen und mit den Kids rumtoben. Aber schon die Kiffer am Morgen und die Angst meine Sachen so völlig unbeaufsichtigt hier zu lassen, sagen meinem Gefühl ich sollte weiter.

Mit der Ausrede dass heute am Sonntag die Straßen leer sind packe ich und verlasse den Strand.

Das erste Stück Richtung Benin nehme ich eine Nebenstrecke durch eine Sumpflandschaft. Wunderschöne Mangrovenwälder, kleine Nester am Straßenrand und die Straße wird immer kleiner und kleiner. Seitdem ich in Nigeria bin sogar das erste Stück Sandpiste.

Tags darauf erreiche ich wieder die Schnellstraße. Auf der „Autobahn“ nach Benin City!

Immer wieder die gleichen LKWs die Bergab an mir vorbeirasen, Bergauf im Schneckentempo an mir vorbeiziehen um fünf Kilometer weiter mit Motorschaden oder Plattfuß, Achsenbruch, Getriebeschaden oder Wasser – Benzinmangel, meinen Standstreifen blockieren.

Null Problemo, und he, wenn ein Trucker dir Sagt er habe ein Problem, dann hat er wirklich eins.

So steht ein hoch beladener LKW, halb abgekippt, vor mir. Die Zwillingsräder der linken Seite sind abgerissen. Mit der Scheibenbremse hat er eine zwei Meter lange Spur in den Asphalt gekratzt, ehe sie zerplatzt ist.

Mitten auf der Straße mitten im Anstieg, soo schnell kommt der wirklich nicht weiter.

Keine zweihundert Meter weiter oben eine Polizeikontrolle. Ich muss mich zusammen nehmen um nicht loszukichern. Mit einer Piepsestimme fragt mich ein schlaksiger Polizist, der aussieht wie Goofy, nach meinem Namen du dann meinen Dokumenten. He, aber diese kindliche Piepsestimme passt so gar nicht, ich grinse nett. Die Jungs interessieren sich viel mehr für mich anstelle den zweien da unten zu Hilfe zu kommen. Nach kurzer Passkontrolle, wollen die meine Telefonnummer, Adressen und am liebsten ein Freiticket nach Deutschland. Der eine will mich mit seiner Schwester verheiraten, und, und, und. Zum Schluss machen die noch ein paar Handyphotos mit mir. Die halten lieber ein paar fette Autos an um ein paar Cent dazu zu verdienen als sich um ihren wahren Job zu kümmern.

Ja, der Beruf als Straßenpolizist vor allem als vorgesetzter ist sehr beliebt um eben einiges dazu zu verdienen.

Da bleibt so ein LKW dann eben Mal ein paar Tage auf der Straße liegen.

Morgens knallt die Sonne, mittags quäl ich mich durch die schwüle Hitze und nachmittags der abkühlende Regen, so dass ich meist schon um vier oder fünf mittags Stoppen muss. So der Tagesrhythmus zwischen Lagos und Benin. Im Regenguss ist mir diese Rennstrecke zu gefährlich, so dass ich den Regen abwarte, meist ist es danach dunkel, so dass ich mir gleich ein Guesthouse in der Umgebung suche. Das sind die Tropen in der Regenzeit – die irgendwie kein Ende nehmen will.

Ein Tag Zwischenstopp im Benin City und ich düse weiter ins Landesinnere.

He, ich fühle mich inzwischen richtig wohl in Nigeria. Nichts von dem zuvor gewarnt wurde; die Menschen sind richtig nett, Kommunikation ist überhaupt kein Problem und ganz ab und zu werde ich sogar eingeladen, auf ein Essen, eine Cola oder ein paar Früchte.

Es ist sogar so ruhig um mich das ich inzwischen jeden zweiten Nacht mein Zelt aufschlage.

Zumal mir mein Zelt hundert Mal lieber ist als in diese „Guest Houses“ abzusteigen. Die kosten immer noch zehn Euro für sehr einfach gehaltene Zimmer. Die Betten mit uralten durchgelegenen Matratzen und stickiger Luft. In den Bäder fast nie fließend Wasser, meist nur zwei Eimer mit Wasser für Waschen und Toilette. Zudem muffelt und schimmelt es in allen Ecken, aufgrund der hohen Luftfeuchte. Es gäbe auch sauberere Hotels aber die kosten das fünf bis zehnfache.

 

Es geht an den Niger. Vor mir eine riesige grüne Ebene, da unten muss sich irgendwo westafrikas größter Strom durchschlängeln. Ich stehe vor einem Stahlkoloss an Brücke. Der einzigen Möglichkeit den Fluss trocken zu überqueren. Keine weitere Brücke hunderte Kilometer nach Norden oder Richtung Süden.

Dem entsprechend das Gedränge hier oben über den Niger. Vier Fahrspuren, zwei links, zwei rechts daneben ein Gehweg. Vom geregelten Verkehr keine Spur. Das hier so wenig passiert ein Wunder. Unter mir kleine Fischerbötchen und Kähne die den Sand vom Flussbett abgraben und ihn ans Ufer pumpen.

Auf der anderen Seite der Brücke Onitsha. Eine größere Stadt direkt am Niger.
Ein nettes Guesthouse auf dem Hügel und immerhin mal eine funktionierende Dusche. Strom kommt aus dem Generator der vor meinem Zimmer rattert.

Kein Wunder das die Elektrik nicht funktioniert, wenn man nur mal einen Blick von Boden nach oben macht. Ein Kabelwirrwarr vom feinsten. Entlang der Landstraße die abgeknickten Strommasten.

Hinter Onitsha verlasse ich die Hauptstraße. Das waren achthundert Kilometer Nigeria im Schnelldurgang. Jetzt werde ich ein Gang langsamer. Kleinere aber immer noch gut geteerte Straßen Richtung Calabar. Einer Stadt die in der Nähe zur Grenze Kameruns liegt.

 

Mit mal mehr und bis zu fast keinem Verkehr. Nachmittags; es ist gerade Schulschluss. Ein riesige Horde Kids in Schuluniform, über hundert die geordnet in einer Schlange stehen. Ich sehe wie der Schulbus ankommt, hält, und die Tür öffnet.

 

Die ersten erstürmen den Bus und reißen die hinteren Fenster auf. Die gute Hälfte bleibt in der Schlange stehen, die Anderen rennen um den Bus und geben sich jetzt Kletterhilfen und krabbeln durch die Fensteröffnungen. Ein Lustiges buntes treiben. Der Busfahrer rennt mit einer Reisigrute bewaffnet, um seinen Bus. Er verpasst den Jungs einen Klaps auf den Po die so mit halb rausgestrecktem Arsch im Fenster Stecken. Aber irgendwie scheint jeder dabei seinen Spaß zu haben. Keine zehn Minuten, der Bus ist rappelvoll und fährt ab.

 

Was eine Show. He, dieses Grinsen der Kinder färbt ab und erhöht die Laune für den Rest des Tages.

Das grüne Hinterland Nigerias, verträumte Örtchen, nicht mehr der Schrottplatz Look entlang den Hauptstraßen, Fischerdörfer und Palmölplantagen. Es wir hügeliger und die Straße für einige Kilometer unasphaltiert. Gerade jetzt in der Regenphase eine Wasserschlacht. Die tiefen Schlammkuhlen geben meinem rechten Pedal den Rest. Es hatte sich langsam angekündigt und jetzt rutschen die Lager von der Achse.

In den Nestern kein Ersatz aufzutreiben, bis Calabar noch über hundert Kilometer. Eineinhalb sehr anstrengende Tage. Hier in Afrika fehlt zwar bei jedem zweiten Rad das Pedal auf der Achse, die treten ihren Bock aber auch keine siebzig, achtzig Kilometer mit vierzig Kilo Gepäck unter den Füßen.

Dabei hatte ich mich gerade einigermaßen fit gefühlt. Jede Kurbelumdrehung muss ich mein Bein nachsetzen, schon nach einer Stunde merk ich wie mein Bein schwer wird. Abends Muskelschmerzen und einen fetten Muskelkater am Morgen, aber es liegt noch fast ein ganzer Tag Arbeit bis Calabar vor mir.

Da muss man eben durch. Mittags motiviert mich eine kilometerlange LKW Schlange. Hier tut sich nichts mehr. Eine halbe Stunde rolle ich an denn Trucks und dem nicht enden wollendem Stau vorbei. Es kommt aber auch kein Gegenverkehr durch, nur vereinzelt kommt mir ein Motorradfahrer entgegen.

 

An einer Talsenke die Erklärung für den langen Stau: Zwei LKWs nebeneinander auf der linken Seite die einen Meter tief wohl schon eine längere Zeit im Schlamm versackt Sind. Ein dritter umgekippter Laster der nun als dritter danebenliegt.

Alle drei Fahrzeuge direkt nebeneinander versperren drei Viertel der Fahrbahn. Was bleib ist eine Spur rechts. Durch eine Meter tiefe Grube die völlig verschlammt und ausgefahren ist. Kein Laster kommt hier aus eigener Kraft durch so dass vor jeden Truck der hier durch will, vor eine Große Zugmaschine vorgespannt werden muss. Um das Bild noch völlig abzurunden fackelt ein vierter LKW keine zwanzig Meter vom Geschehen ab. Die werden noch eine ganze Weile warten müssen. Aber immer hin eine handvoll Polizisten die hier in Aktion treten.

 

Das gleiche Wartespiel auf der anderen Seite, jetzt fahre ich einer kilometerlangen Schlange entgegen. Leid tun mir nur die Tiertransporte, die armen Viecher, die in der knallenden Sonne warten müssen.

 

Es geht runter nach Calabar, der kleinen Hafenstadt. Ich klappere die Märkte nach Radpedalen ab. Lauter Kinderrad Pedale und Billigkram, nichts was mich überzeugt aber eine Entscheidung muss her. Für ganze drei Euro für ein Stück Metallachse und zwei „Kugellagern“. He, meine Pedale hatten einst das dreißigfache gekostet.

Ich bin platt, nehme das nächst billigste Guest House in einer Seitengasse. Die Jungs um mich sind wirklich nett, etwas aufdringlich und überhilfsbereit.

 

Das Zimmer ist billig aber auch zugleich das kleinste Rattenloch in das man mich auf dieser Reise gesteckt hat. Aber he, schon in dem Moment wo ich diesen Ort betrete fängt es aus allen Löchern an zu schütten. Heute brauche ich nicht weiterzusuchen. Hauptsache ein Bett in der Stadt.

 

Morgens geht’s aufs Konsulat von Kamerun. Turbovisa: das dürfte wohl die schnellste Visaprozedur Afrikas gewesen sein. Ich klopfe am Eingangstor, werde gleich ins Büro geführt. Die Lady hinter dem Schreibtisch schaut sich meinen Reisepass an und gibt mir das Formular. Noch während ich das Formular in doppelter Ausführung ausfülle schnappt sie sich meinen Reisepass und geht ins Nebenzimmer. Ich bin gerade mit dem Ausfüllen fertig, handelt sie mir den Pass wieder aus.

Nur noch ein Eintrag in ein dickes Logbuch und das war es. Und klar, genau eine Woche vor mir war JB hier. Sie erzählt mir ich sei der fünfte Radler in diesem Jahr, im letzten Jahr musste es eine Flaute gegeben haben da waren es nur Overlander mit Rucksack.

 

Das Ganze für siebzig Euro, ja ab und zu zahle ich gerne einen Euro mehr wenn es denn so einfach geht. Keine tausend Formulare die ich brauche. Zudem kriege ich gleich drei Monate Aufenthaltsgenehmigung. Die Konsulin ist der Meinung das Kamerun so schön sei, das ich doch mindestens sechs, sieben, acht Wochen zur Erkundung des Landes bräuchte.

Das was am längsten dauert war die An- und Rückreise. Ich hatte ein Loch im Schlauch und musste alle paar Hundert Meter Stoppen und nachpumpen.

 

Zurück in der Absteige richte ich Biki her. Die neue Pedale angeschraubt und die Mäntel gewechselt.

Der Hintere nach vorne und der von Vorne kommt hintendrauf. He, sogar Polizisten haben schon moniert ich hätte ja kein Profil mehr.

 

In Erklärungsnot komme ich nie. Mein Spruch: in Europa hätte ich den Reifen schon vor einem Jahr gewechselt, hier werde ich ihn nochmal ein Jahr lang runterfahren. Nein, bin selber erstaunt wie gut dieser Reifen ist. Auf meiner letzte großen Reise hatte kaum ein reifen länger als drei Monate mitgemacht der hier hält schon über fünfzehn Monate.

Die Jungs von meinem Motel echte Nervensägen. Wie Eunuchen mit Piepsestimmen folgen die mir auf Schritt und Tritt, auf dem kleinen Gelände ist aber auch keine Ausweichplatz. Irgendwie schon süß wie die sich um mich kümmern mit ihrem verhalten könnten sie echt schwul sein, die hohen Stimmen und mir alles recht zu machen. wenn ich duschen gehe geben sie mir ihre eigenen Sandalen damit meine nicht nass werden, stehen neben der „Dusche“ – dem Klo mit Loch im Boden und einem Eimer Wasser, fragen ob sie meinen Eimer nachfüllen dürfen und ob ich ein Handtuch brauch.

Abends muss ich sie dann richtig aus meinem Zimmer schmeißen um meine Ruhe zu haben.

Calabar, keine zwanzig Kilometer weiter ist die Landesgrenze von Kamerun.

Es gibt mehrere Möglichkeiten.

 

Die erste, ein Weg nach Kamerun: Richtung Nordosten durch einem Nationalpark in die Berge, allerding hört die Straße auf der Seite Kameruns auf und geht in einen Pfad über.

Die zweite, weitaus einfachere Möglichkeit: für 50 DU Dollar mit der Fähre nach Douala, der Hafenstadt und dem Wirtschaftsmotor Kameruns.

 

Oder man macht einen großen Bogen über den Norden auf der „Hauptstraße“ Richtung Kamerun, ein weiter Umweg.

Ich brauche nicht lange um mich zu entscheiden. Wozu schleppe ich meinen kleinen Traktor durch Afrika? Nicht um als Flachlandindianer durch die Ebene zu kurbeln.

 

Zumal das ganze Grenzgebiet zwischen Kamerun und Nigeria als Nationalpark vermerkt ist. Ich schlage den Weg der kleinen Seitenstraße Richtung Nordosten ein.

 

Gleich hinter Calabar hört auch der Verkehr auf, aber auch die breit ausgebaute Straße endet.

Der wohl tollste Teil Nigerias wartet auf mich. Wellenartig geht es in die Wälder immer weiter hoch.

Ein kleiner aber gut asphaltierter Weg, desto weiter ich ins Hinterland komme, geht er immer öfter für ein Stück in Lehmpiste über. Ich weiß ab Kamerun ist es dann nur noch ein Lehmpfad, man hat mich gewarnt.

Ich habe erst einmal ein anderes Problem, keine zwanzig Kilometer hinter Calabar, zweiter Anstieg und ich habe mein neues Pedal im Wiegetritt krummgetreten.

 

Sollte ich zurück nach Calabar, noch einmal nach Austausch zu schauen, oder fahre ich weiter?

Da ich ungern umkehre versuche ich es mit zurückbiegen. Das klappt auch ganz gut. Ein viel zu weicher Stahl für eine Pedalachse, aber den Afrikanern kann man ja fast alles verkaufen. Genau wie der billig Chinakram. Anstelle das doppelt oder dreifache zu zahlen wird das billigste vom billigen gekauft, daß das dann aber auch nur einen Prozent so lange hebt ist egal, dann wird eben ein zweites, drittes, …achtes, zehntes Handy, Taschenlampe, paar Schuhe oder Plastikstuhl gekauft.

 

In meinem Fall, ich hatte einfach kein besseres Pedal auftreiben können.

So beginnt das zurückbiege Spiel. Mindestens sechs, sieben Mal Täglich biege ich von nun an die Achse zurück bis ich an ein etwas besseres Pedal komme.

Die Landschaft und Natur dafür immer noch grüner, dichter, wilder. Lauter kleine Bäche mit Wasserfällen. Nicht immer ersichtlich von der Straße, aber wenn man die Jungs und Mädels am Straßenrand nach Wasser fragt wird man immer zu einem tollen Platz geführt.

Hier wird gewaschen und geduscht und so halte ich es hier auch.

Zudem unterscheidet sich die Berg- von der Talbevölkerung, genau wie bei uns. Die Menschen in den Bergen leben einfacher aber auch in sauberer Luft und weniger Umweltverschmutzung. Fast keine Autos mehr, ein paar Motorräder die zwischen den Dörfern pendeln.

Täglich verkehrt ein großer LKW der hoch bis an die Grenze zu Kamerun pendelt und dann auf dem Weg zurück in den Dörfern die Kakaoernte einsammelt.

Wie so oft ohne dass sie großartig was mit den Kakaobohnen anfangen können, leben sie von der Ernte und Trocknung auf der Straße.

 

Ein unvergesslicher säuerlicher Geruch, ähnlich wie Kaffee, oft schon hunderte Meter vor dem Dorf weht einem dieser Duft in die Nase. Ab und zu übernachte ich in den Wäldern einer Kakaofarm, noch lange bis zum Einschlafen habe ich dann diesen Duft in der Nase.

Hier oben ist wirklich der schönste und romantischste Teil Nigerias. Abends zum bleiben in den Dörfern eingeladen, mit viel Schnaps und Bier und lauter Musik. Auch keine einzige der vielen Straßensperren mehr, aber es gibt auch nichts zu kontrollieren.

Inzwischen bin ich richtig in den Bergen, oft schaue ich links und rechts runter in Täler, bewaldet mit ursprünglichen Baumbestand. Ein Schlaraffenland wie aus Walt Disneys Dschungelbuch. So wie ich mir den Urwald als Kind vorgestellt habe.

 

Ich brauche keinen guten Tag sondern zweieinhalb bis ich den Grenzposten erreiche. Aber bei der Landschaft und der Aussicht könnte ich noch Tage auf dieser Straße verbringen.

Die Straße zur Grenze hat vor einigen Kilometern aufgehört asphaltiert zu sein. Ein paar Lehmhütten auf der Nigerianischen Seite, ich muss den Nigerianischen Zöllner mit meiner Fahrradklingel wecken. Der döst neben seinem plärrendem Kofferradio.

langsam wird er wach, mit aller Seelenruhe nimmt er meinen Pass entgegen, studiert ihn. Eine völlig entspannte Atmosphäre und ein nettes Gespräch, er holt seinen Vorgesetzten, den er vermutlich auch wecken muss. Über zehn Minuten ist er weg, obwohl er nur im Nebenraum verschwindet.

He, immer mit Gemütlichkeit: Wer hier reist hat Zeit.

Freundlich verabschiedet mich der Junge den ich weckte und führt mich zu einem Gatter das er extra für mich aufschließt. Dabei hätte ich spielend drum herum radeln können.

Ein Holzgatter ähnlich wie in den Alpen das für die Kühe existiert. Ein Trampelpfad auf die Seite Kameruns, ein Stück weiter noch so ein Holztor, daneben verrottet ein alter Peugeot der wohl schon eine ganze Zeit hier rumliegt.

Kamerun, das erste Gebäude der Zoll, ich gehe durch die Räume, hier liegen die Einreise Stempel einfach so in einer Kiste rum, ich rufe laut aber keiner ist da. Soll ich mir den Stempel einfach selber geben???

 

Ich schaue ein Stück weiter, ein zweites Gebäude mit Geländewagen davor. Keiner bewacht die Grenze, keiner der mit einem Touristen rechnet. In einem Hinterraum treffe ich ein paar Beamte beim Kartenspielen.

Entgeistert werde ich bestaunt. Nee, viel haben die nicht zu tun, immerhin bin ich der zweite Radler dieses Jahr. Der jüngste schnappt sich meinen Reisepass um die Daten in ein dickes Buch einzutragen. nachdem man mich erst auf Französisch anspricht und ich zu verstehen gebe das mein französisch nicht ausreicht löchert man mich mit tausend fragen auf Englisch. Ich drehe den Spieß um und stelle Gegenfragen wie denn Die Straßen und Wege in Kamerun sind. Hilfsbereit werden verstaubte Karten ausgerollt und viele Tipps gegeben.

 

Zwanzig lange Minuten braucht das Kerlchen um meine Daten abzuschreiben, er kommt mit meinem Reisepass und dem Einreisestempel. Das einzige was fehlt die Unterschrift des Dicken Gangsters vor mir. Der will jetzt Geld für seinen „Job“ ja mit sowas hab ich ja gerechnet. Leere meine Taschen und zeige meinen leeren Geldbeutel.

He, ich soll doch das Geben was ich kann. Das sind die sensibleren Phasen, wie lange Diskutieren und wie lange warten, was ist mir eine Stunde diskutieren wert. Die haben hier ja ewig Zeit und ich bedeute etwas Abwechslung.

Ich verspreche ein kleines Geschenk, und lege 1000 CEFA dazu. Klar das Geschenk ist eine der aufklebbaren Palmen, jetzt will jeder eine haben.

 

So kaufe ich mich frei und bekomme die Unterschrift.

 

Der 11.11.2013 11.00, ich bin in Kamerun, mitten im Urwald am Fuße zum zweit höchstem Gebirge Afrikas

Fünfundzwanzig Kilometer Luftlinie zum nächsten Ort wo ich hoffe auf eine größere Piste zu Stoßen

Zudem habe ich noch keinen Cent in der Währung dieses Landes, nur zwei Liter Wasser und ein paar Bananen an Bord.

Was das Wetter betrifft habe ich Glück. Die letzten Tage keine großen Schauer, damit ist der Pfad mehr staubige und gut befahrbare Piste als Schlammgesuhle.

 

Immer steilere An- und Abstiege. Mein eh schon krummes Pedal muss immer öfter zurückgebogen werden. Ich schwöre mir so bald wie möglich Ersatz zu besorgen.

 

Die Furchen in den paar Schlammkuhlen sind so tief und schmal das ich einige Male absteigen und schieben muss

Die wenigen Kilometer ziehen sich wie ein Kaugummi. Die Sonne knallt so heiß wie schon lange nicht mehr, bei gefühlten hundert Prozent Luftfeuchte. Einer der Tage an denen ich mich so richtig Quäle.

Aber he, ich bin in Kamerun. Vor ein paar Wochen hätte ich nicht mehr daran geglaubt, noch Mal so weit zu kommen. Dafür traumhafte Umgebung. Die ersten Stunden treffe ich keinen Menschen, keiner der hier unterwegs ist. Eine alte Walzmaschine steht hier halb verrottet im Urwald rum, als Zeuge dafür, dass hier irgendwann mal wohl eine Straße geplant wurde

 

Riesige Schmetterlinge, angezogen von meinem Schweiß, die neben mir her flattern.

Mag der Weg auch staubig, steinig und steil sein, ein Traum zugleich. Nachmittags die ersten Waldarbeiter, die im Busch verschwinden, es kann nicht mehr weit nach Eyumodjock, sein.

Mein erster Ort Kameruns, hier führt eine größere Straße vom Norden kommend Richtung Süden durch.

Einer Art Dschungelautobahn die einmal als Transafrikaroute von Angola nach Nigeria führen soll.

Ich tausche meine letzten 70.000 Nira, gut dreißig Euro, in Cefa. Der Kamerun Cefa ist an den Westafrikanischen Cefa gebunden, sieht aber anders aus. Immerhin habe ich diese Währung oft genug seit dem Senegal gehabt, und kenne den Umrechnungskurs.

 

Jetzt mit etwas Geld in der Tasche, suche ich geschafft einen Verpflegungsstand auf, schlage mir den Bauch mit Reis und Bohnen voll. Vollgefuttert rolle ich nur noch ein Stück aus dem Ort, halte eigentlich nur für eine Verdauungspause. Schnell schlafe ich ein bis ich aufwache wird’s dunkel der Platz passt auch und ich schlage hier mein Zelt hundert Meter von der Straße auf.

 

Ich stehe auf der Transafrika. Durch Kamerun es ist nur noch das letzte Stück was nicht ganz fertig gestellt ist. Ein Projekt das von den Chinesen ausgeführt wird. Die ersten Stunden überquert meine Straße oft die großen Schneisen sie schon durch den Urwald Geschlagen sind, richtig viele LKWs mit Schotter und Sand die hier verkehren. Nur in Liberia hatte ich einmal ein derartig gut und Organisiertes Projekt gesehen, wie einst: von Chinesen geleitet, mit Chinesischen Baufahrzeugen.

 

Richtung Mamfe, die Transafrika in einem immer fertigerem Zustand, die letzten vier Kilometer eine perfekte schwarze Piste. Das einzige Was noch fehlt sind die Fahrbahnmarkierungen.

Mamfé ein etwas größerer Ort, ich verlasse ihn nicht ehe ich irgendeinen vernünftigen Ersatz für meine Pedale habe. Der Dritte Laden der Radteile anbietet hat auch ein etwas besseres Pedal. Bunt und sau schwer, fast doppelt so teuer wie das letzte. Doppelt so teuer heißt es hält doppelt so lange? Dieses Mal keine zwei sondern vier Stunden? Einen Versuch ist es wert.

 

Die Pedalaktion hat mich einiges an Zeit gekostet aber he, Zeit ist das was ich am meisten habe. Nur das mit der Geduld und inneren Ruhe, da kann ich mir noch eine ganze Scheibe von den Afrikanern abschneiden.

Kurz hinter dem Ort eine der vielen Polizeistraßensperren. Ich werde angehalten, durchmogeln unmöglich da liegt ein fettes Nagelbrett komplett über die Straße. Wer da als Autofahrer nicht aufpasst hat gelitten, aber die kennen das hier genauestens.

 

In den zehn Minuten wo die mich kontrollieren zieht ein schwerer Sturm auf. Super, die verziehen sich in ihre Bude und lassen mich im Regen stehen. Ein echter Monsunguss von oben. Eine halbe Stunde düse ich durch den Regen um mich warm zu halten, danach lässt der Regen nach. Ein kleiner Pfad führt von der Straße.

Mein siebter Sinn für versteckte plätze funktioniert. Trotz Regen finde ich einen traumhaften Platz, drei hundert Meter von der Straße weg, etwas über einem kleinem Wasserfall.

Zwischen Palmen und Ananasspflanzen schlag ich mein Lager im Regen auf.

 

Unten am Wasserfall wasche ich morgens meine Klamotten die am stärksten müffeln, während ich das Zelt und den Rest in der Sonne trocknen lasse.

 

Das Abenteuer Kamerun gerade einmal zwei Tage alt. Unterhalb Mamfés gabelt sich die Straße, ein Weg abseits von der Transafrika Road. Eine Piste die erst Richtung Süden geht um einiges weiter unten im Land,wieder auf die Hauptstraße zu führen. Einer „Abkürzung“ die zwar einiges mehr in die Berge hoch geht, es sind aber knapp hundert Kilometer weniger.

Zudem sind es Lehmpisten, die immer mehr Natur und Abwechslung zu bieten haben als gut ausgebaute Straßen.

Zwei PickUp Fahrer die ich ausfrage, nach Beschaffenheit und Machbarkeit der Piste. Beide meinen es wäre möglich auf diesem Weg nach Yaoundé zu kommen.

 

Es ist die Strecke die ich im Vorhinein auf meinem Navi geroutet hatte, so begebe mich auf diese Piste.

Ein toller rotbraunton der durch den grünen Urwald führt. Alle fünf bis Zehn Kilometer ein Ort.

Nachmittags die einzige Hauptkreuzung. Geradeaus, Richtung Süden geht es nach Kumba und weiter nach Douala, für mich biegt die Straße links ab. Ein weiteres Gewitter zieht auf und aus dem kurzen Zwischenstopp wird eine längere Pause. Ich genehmige mir einen zweiten Teller Reis mit Bohnen.

Erst mit Dunkelheit lässt der Regen nach.

 

Ich ahne Böses, noch geht’s gerade so, aber schnell sind meine Schutzbleche mit Lehm verstopft. Die Zwei Fahrzeuge vor mir driften unkontrolliert von links nach rechts, als wären sie auf Glatteis ins Rutschen gekommen.

Ich sehe zu das ich die Schlammpiste verlasse.

In einer Bananenplantage stelle ich mein Zelt auf. Es pisst die ganze Nacht. Jede Stunde hoffen, dass der Regen nachlässt. Bis morgens schüttet es ohne Unterlass.

 

In den Morgenstunden lausche ich den Klängen zweier LKWs sie sich mit Vollgas durch den Schlamm quälen. Dabei hat die Straße hier fast keine Steigung. Immerhin sind meine Sachen fast trocken und mein Zelt hält dem Regen stand. Nur Biki steht mit Lehm überzogen an eine Bananenpalme gelehnt neben meinem Zelt.
Unter diesen Umständen komme ich nicht weiter. Die Kilometer zurück zur Kreuzung werden sau anstrengend. Ich teste die Hauptstraße Richtung Süden an. Die Kumba-Douala Strecke. Der Haupt Nord Süd Verbindung Kameruns. Auch hier, keine drei Kilometer weiter ist klar, so geht es nicht weiter. Was gestern noch einigermaßen machbar war, ist heute nicht mehr möglich. Nur ein halber Tag Regen und alles versinkt im Schlamm.
Das größte Problem der Lehm. Verdammt klebrig, nicht der nasse sandige Schlamm den ich durch Sierra Leone oder Liberia in der Regenzeit hatte. Das Zeug hier klebt wie die Pest an den Taschen der Kette und vor allem an den Reifen – zwischen dem Rahmen und an mir. Meine Sandalen versinken mit jedem zweiten Schritt im Schlamm und saugen sich am Grund fest. Das einzige Was bleibt ist Barfuß Biki und Taschen aus dem Lehm zu tragen.

Mit dem Lehm zugeschlammt ist das Rad doppelt schwer, so dass ich erst die Taschen und dann das Rad über die größten Schlammlöcher trage.

 

Ich habe wieder den Rückweg angetreten, zurück zur Hauptstraße der Transafrika Road. Alle paar Kilometer ein Flusslauf in dem ich notdürftig Biki vom Lehm befreie um es für ein paar Meter leichter zu haben. Wofür ich gestern keine drei Stunden brauchte vergeht heute der ganze Tag.

Erst spät mittags sind wieder die ersten geübten Motorradfahrer unterwegs und die haben schlauerweise alle Gummistiefel an. Das haben die echt raus, hier noch voll beladen mit dem motorisiertem Zweirad rumzurutschen ohne sich abzulegen ist echt nicht leicht. Zudem oft mit zwei, drei Personen hinten drauf.

Dabei hatte ich Glück, diesen regen ein paar Tage vorher und ich wäre wohl schon in den ersten Kilometern des Landes hinter der Grenze zu Nigeria auf dem Dschungelpfad versackt. Dort hätte ich mich wohl noch viel schwerer getan als die paar Kilometer hier zurück.

 

Wie war das? Ach ja, Lehmpisten bieten mehr Abenteuer als Teerstraßen. Das hier ist zu viel Lehm des guten und ich bin froh bald wieder geteerte Straße unter den Rädern zu haben.

Im letzten Dorf vor der Hauptstraße treffe ich Dylan ein zweites Mal, einem Amerikaner der hier zwei Jahre im Rahmen der Peace Corps verbringt. Der freut sich mich wiederzusehen und ich verbringe den Rest des Tages bei ihm. Hinter der Schule spielen wir Fußball mit den Jungs des Dorfes und essen zusammen Fufu. Eine riesen Wohnung die er hier hat. Aber selbst er hat kein Fließend Wasser und der Strom ist auch wegen des Unwetters gestern ausgefallen. Immerhin führt hier eine funktionierende Leitung entlang, aufgrund eines reichen Politikers der seine Villa ein paar hundert Meter Weiter im Urwald stehen hat.

 

Den Peace Corps in Kamerun werden sogar richtig gute Mountainbikes zur Verfügung gestellt. Aber er ist damit der einzigste im Dorf mit einem Fahrrad. Dabei ist es gar nicht so furchtbar Bergig und die Strecke wenn die Straße mal trocken ist gut befahrbar. Überhaupt sind seit Ghana nur wenige Menschen mit Fahrrad unterwegs, dabei ist das doch ein besseres Transportmittel als zu Fuß. Schwerere Lasten werden hier Kilometer weit mit der Schubkarre geschoben.

Die Hauptstraße die hier durch den Ort Richtung Süden führt seit zwanzig Jahren in Planung. Es ist die Hauptstrecke zwischen dem Süden und dem Norden des Landes, oft unbefahrbar und deshalb meist gesperrt. Ja der Englisch Sprachige Norden ist immer noch der abtrünnige Teil Kameruns. Überhaupt über Politik wird nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen. Die gleiche Partei seit Jahren an der Macht. Offiziell herrscht Demokratie aber wer anders wählt verliert seinen Job. Das erinnert einen doch an die Zeiten der DDR.

 

Morgens verabschiede ich mich von meinem Freund Dylan, erreiche die Hauptstraße.
Heute ganz andere Töne was? Die Kumba Road? Tooo bad – nicht machbar?

 

Komisch das ich vor zwei Tagen ganz andere Stimmen hörte, aber vielleicht hatte ich nur die falschen Leute befragt.

Offiziell ist die Straße sogar zwei Drittel des Jahres geschlossen. Das Einzige Fahrzeug was mir für diese Piste einfällt ist ein Unimog, einer Mischung aus Traktor und Allrad getriebenem LKW. In der Tat: Vor der Schranke steht die Karre mit einer bunten Horde Menschen auf der Pritsche startklar. Nachteil diese Karre, sie zieht natürlich noch tiefer Furchen in die Fahrbahn und führt nicht gerade dazu das die Straße besser wird zudem verbraucht sie eine Unmenge an Benzin.

Ich bin glücklich wieder geteerte Straße unter mir zu haben. Man fragt sich warum ich überhaupt abgebogen bin. Heya: Adventure is out there. Es reicht fürs erste, und die Transafrika Road hat ja auch noch so einiges an Herausforderung zu bieten.

 

Hundert Meter weiter befreie ich Biki, mich und die Taschen vom gröbsten Matsch, und folge nun wieder der Hauptstraße.

Die Nagelneue Straße, jetzt auch mit Fahrbahnmarkierung und Standstreifen. Zudem kein Verkehr. Ich kurbel mich langsam immer weiter in die Berge. Die ersten Pässe von über tausend Metern. Auch ohne Lehmpiste anstrengen genug. Wahnsinnig spannende Landschaft lange Auffahrten und schönste Downhills. Wie aus einer Traumwelt so geht es drei Tage bis Bamenda. Nachts mit viel regen, ist wohl doch die besser Wahl.

Samstagnachmittag erreiche ich Bamenda, einem größerem Ort auf einer Ebene von achthundert Metern, umgeben von noch deutlich Höheren Bergen.

 

Oberhalb der Stadt ein Guesthouse in dem ich drei Tage Ruhepause einlege.

Nach der Schlamm und Regenaktion müffelt alles. Der erst Tag ein Wasch- und Badetag, am zweiten kommt Biki unter die Fittiche und wird zerlegt, der Lehm und Dreck ist bis tief in die Lager und Gabel eingedrungen. Zudem hat die Bremse Öl verloren. Am dritten Tag ein letzter Versuch meinen Kocher zu Reparieren. Mit einem echt cleverem Bastler sägen wir zum Schluss die Leitung meine Kochers auf um sie zu Reinigen und mit viel Liebe werden die Rohre wieder zusammengelötet.

 

Ein etwas unglückliches Unternehmen, letztes auffackeln meine Brenners. Jetzt ist das Rohr wieder frei aber er will nicht mehr so recht brennen.

 

Zudem mussten wir den Reinigungsdraht entfernen, ohne den sifft einiges an Benzin nach jedem Gebrauch aus der Leitung. Ich hätte dann jedes Mal den Benzin Gestank in der Tasche.

Nach einem Tag Bedenkpause verabschiede ich mich von dem Teil. Fünfzehn Jahren hatte ich den Brenner. So manch eine „heiße“ Stunde mit dem Flammenwerfer, jetzt bekommt ihn ein anderer.

Die Straße aus Bamenda, Richtung Yaoundé, sie führt gleich auf den höchsten Pass. Den halben Tag kurbel ich mich hoch auf fast zweitausend Meter.

 

Lautes Geschrei aus der Luft, hunderte von großen Fledermäusen flattern schreiend über mir. Hinter der nächsten steilen Kurve vier große Jungs mit Steinschleudern. Stolz, zeigt mir ein cooler Junge eines der armen Viecher, die er erjagt hat. Er bietet mir die süße Fledermaus für gerade mal 500 Cefa - achtzig Cent an. Ich frage mich ob ich ihm auf die Fresse hauen soll oder dann doch lieber Lächeln und Winken.

 

Das ist sie die brutale Welt so wie ich sie persönlich als Grausam empfinde. Ist eigentlich nichts anderes als die Kinder vor ein paar Wochen die mir stolz ihre gejagten Streifenhörnchen zeigten.

Was uns grausam vorkommt ist für die Normalität aber vermutlich wäre es in vielen Fällen umgekehrt genauso, sähen die unser Verhalten.

 

Überall wird Bushmeat angeboten, an den Straßenständen ohne dass ich genau weiß was ich esse, oder erst später erfahre dass es Affe oder Luchs war. Affenfleisch gab es öfters mal, auch große Wildkatzen, am häufigsten aber wird Ziege oder das Wildschwein als Bushmeat angeboten. Einmal behaupten sie sogar es sei Elefantenfleisch, nein ich muss nicht alles ausprobiert haben.

 

Es geht immer weiter hoch bergauf, das Bamenda Tal liegt inzwischen tief unter mir. Ein toller Panoramablick.

Ich stehe auf zweitausend Metern, dem höchste Pass seit Ewigkeiten. Ich liebe diese langen Auffahrten, es ist angenehmer konstant hochzufahren als dieses dauernde buckeln, runter und wieder hoch. Bergauf rennen Schulkinder oft hunderte von Metern neben mir her, selbst fünf und sechs Jährige halten oft lange mit. Meist sogar barfuß, sogar Mädchen sind mit von der Partie. Überall wo ich durchradle meist ein fröhliches Hello oder Bonne Route oder gar Bonne Courage.

 

Hier oben eine ganz andere Vegetation als unten im Tal. Ich sehe zum ersten Mal Kartoffelanbau in Afrika, dazu der Geruch von Nadelbäumen

 

Weniger Urwald, viele, viele kleine Äcker und Feldanbau. Ein anderes Kamerun.

Von nun an wellenartig runter nach Yaoundé, was aber immer noch auf 700 Metern liegt. Die Straße nicht mehr ganz so perfekt wie die Tage nach Bamenda, aber in ordentlichem Zustand. Zudem viele Dörfer direkt am Straßenrand. Am ersten Abend entdecken mich Jugendliche in meinem Zelt, inmitten einer Bananenplantage. Bei Dunkelheit, heißt alles wieder zusammenzupacken. Ich werde zum Bürgermeister des Dorfs gebracht. Stunden lang zeigt er mir Bilder seiner Tochter die in Frankreich geheiratet hat. Ich schlafe fast ein. Erst um zwölf erbarmen. Eigentlich ein nettes Männlein, Anfang sechzig, nur etwas aufgekratzt. Im großen Wohnzimmer darf ich schlafen. Morgens um sechs machen hier seine Enkelkinder die Hausaufgaben, vor der Schule. Lustig zuzusehen wie sie sich bemühen mich nicht zu wecken, aber mein Schlaf ist vorbei.

 

Die nächsten Nächte finde ich wieder ruhigere verstecktere Orte.

Hinter Bamenda hört auch der englischsprachige Norden auf. Mit einem Schlag überquert man die Grenze ins Frankophone, hier spricht nur noch jeder zehnte halbwegs verständlich Englisch.

Auf halber Strecke zwischen Bamenda und Yaoundé kommt mir ein Reiseradler entgegen, ein Franzose und ein Freund JBs. Wie klein diese Welt ist. Er rollt nun hoch nach Bamenda um JB dort zu treffen. Dann war JB also zur gleichen Zeit in Bamenda wie ich. Er muss die Fähre von Calabar nach Douala genommen haben und von dort über Yaoundé in den Norden gereist zu sein.

 

Jetzt wartet er dort auf das französische Kerlchen hier.

 

Die letzten zwei Tage auf der Ebene sind deutlich Flacher, nur kurz vor Yaoundé steigt es wieder etwas an. Keine fließenden Bäche oder gar Wasserfälle wie ich sie noch vor kurzem überquerte. Wieder das Bild der Dörfer in denen eine Wasserpumpe steht, mit einer langen Schlange vor den Pumpen, je nachdem wie gut die Trinkwasserqualität ist.

Kein Wunder das die ganzen Jungs so athletische Körper haben. Zwei Stunden Wasserpumpen ersetzen jedes Fitnessstudio. Wie schön gewähnt, einen Elektro- oder Benzinmotor anzuschließen wäre ja gemogelt.

Dazu dann die Kilo schweren Eimer, noch weite Wege, auf dem Kopf Heim zu balancieren, das gibt eine gute Haltungsnote.

Ja selbst die Kids lernen das von früh an, noch bevor sie in die Schule kommen können die einen zehn Liter Eimer mit Wasser auf dem Kopf heim tragen. Wenn es mal etwas mehr Wasser sein soll wird die Schubkarre als Sportgerät eingesetzt.

 

In der Ebene vor Yaoundé herrscht eine etwas angespanntere Stimmung, in den größeren Dörfern die ich durchradel viele Bars aus denen den ganzen Tag laute Musik dröhnt, an denen viel getrunken, und getanzt wird. Schon bei kurzen Stopps werde ich von angetrunken zugetextet. Von einigen Leuten höre ich dass das ganze abends auch mal ausartet.

Ich stehe in einem dieser Orte, mit Plattfuß, es regnet. Neben der Markthalle ein überdachtes Plätzchen unter dem ich meinen Platten repariere. Drei dieser alkoholisierten Affen die alles begrabschen und an allem rumfingern müssen. Dazu eine Horde Kids die diese Jungs auch noch lustig finden, da gehen einem dann schon leicht teuflische Gedanken durch den Kopf. Lieb Winken und Lächeln zieht hier nicht. Aber ausrasten führt auch nicht weiter. Ich versuche cool bleiben, und mit lauten nicht netten deutschen Worten beschimpfe ich sie so dass man mich nicht wirklich versteht.

Die meisten Menschen die ich treffe, die mich ansprechen, super lieb und freundlich, es sind immer die paar wenigen die den Ruf eines Landes ruinieren.

 

So erreiche ich Yaoundé, einer Stadt die vor mehr als hundert Jahren zu militärischen Zwecken von den Deutschen gegründet wurde. Es geht noch einmal fast zwei Hundert Meter Höher auf eine Plattform hoch. Die Stadt weit verteilt auf kleinen Hügeln, umgeben von Bergen. So als hätte man eine Stadt auf und zwischen den Bergen von Krofdorf, Vetzberg und dem Dünsberg verteilt. Eben nicht in der Lahnebene, eher in den Lahnbergen.

Es ist der letzte Sonntag im November, an dem ich Yaoundé erreiche, die Stadt wie leergefegt. Sonntags ist selbst in Afrikas Städten fast nichts los. Ein paar wenige Straßenhändler. Aber das ist nicht mal ein Prozent von dem was sonst so in einer Stadt wie diesen abgeht.

Vom Zentrum führt eine Straße hoch, oben ein Monument, dem Ort wo die Unabhängigkeit Kameruns ausgesprochen wurde, daneben das riesiges fünf Sterne Hotel de Ville.

Hier oben prangt auch die deutsche Botschaft, nicht wie die meisten anderen Landesvertretungen in einem etwas abgelegenem Stadtteil.

Ich bin auf der Suche nach einer günstigen Unterkunft, normalerweise ein billiges Guesthouse, direkt unter der Deutschen Botschaft ein etwas heruntergekommenes Hotel.

In der Lobby gackernde Mädels, die ebenfalls für länger eine Bleibe suchen. Ich frage mal was die wollen. 20.000 Cefa, ähm, nein danke. Erkundige mich nach einem mir namentlich bekanntem, Guesthouse und schon gelten die 20.000 Cefa für vier Nächte.

Für den Preis schaue ich mir das Zimmer gerne mal an.

Ein großer geräumiger Raum mit Klimaanlage und TV, eigenem Bad und Badewanne. Ach so, kein Strom und kein fließend Wasser, aber die kämen noch. Die Frage ist nur wann ...

 

Klar das die so schnell mit dem Preis entgegenkamen, das ist genau mein Ort. Ohne Storm und Wasser komme ich gut aus, zumal es einen Wasserhahn im Garten hinten dran gibt.

Dafür liegt das „Hotel“ super Zentral, alles zu Fuß erreichbar. Zwei Nachtklubs links und rechts unter mir und ein kleiner Balkon mit Ausblick ins Grüne.

 

Hotel Independence, die hatten ein Jahr lang keine Stromrechnung bezahlt, im Anschluss nach der geprellten Jahres Rechnung immer noch so lange Strom abgezweigt, bis man sie komplett vom Strom abklemmte. Logisch, morgen haben wir wieder Strom. Klare Lüge.

 

Es ist mehr die Absteige für die netten Damen des Rotlicht- und Nachtclub Leben. Aber alle sind nett, es hat etwas Familiäres. Man kennt sich mit der Zeit, alles geht drüber und drunter aber eben liebevoll.

Ein netter großer Garten wo gewaschen und gebastelt wird. Das ist es, dieses liebevolle und arg chaotische Afrika.

Die erste Woche brauche ich mal wieder nur um an ein einziges Visa zu kommen. Erst fehlt eine Kopie des Impfausweises, dann verlangen sie noch eine Hotelresevierung, als hätte man das nicht von Anfang an sagen können. Zudem brauche ich einen halben Tag, mir eine schöne Hotelreservierung selber zu basteln. Um an eine „vernünftige“ Internet Verbindung zu gelangen setze ich mich einfach die Lobby eine vier Sterne Hotels, erfrage an der Rezeption den Code.

 

He, aber auch hier eher eine schwache Verbindung auf der Brust. Erst zum Ende der Woche finde ich ein schnelleres Internet Kaffee allerdings zu einem Saftigen Preis, es ist aber der einzige Möglichkeit meine Bilder Hochzuladen, eine schnellere DSL Anschluss kostet hier über tausend Dollar pro Monat.

Freitagmittags vor der Botschaft Gabuns, wir werden auf Abends vertröstet. Immerhin um fünf warten noch zwanzig weiter Afrikaner mit mir vor dem Tor der Botschaft.

 

Klar ich bin der Vorletzte, nach mir nur noch ein Asiate, mit afrikanischem Pass. Wir warten seit fünf bis kurz vor acht abends. Ja, ein Spiel das man gerne mit uns Westlern spielt. Afrikaner wissen genau wie ungern der weiße Mann wartet.

Immerhin verstehe ich mit dem „Asiaten“ gut - Steward - er ist in Mauritius geboren und aufgewachsen, hat aber chinesische Eltern, wohnt aber auf Java. Arbeiten tut er im Auftrag der Chinesen und hat seine Finger im Goldabbau.

Ein blutjunger Hund der aber viele Geschichten, der Korruption, von Zentralafrika, dem Kongo, Gabun, und Kamerun raus lässt. Auch jetzt, in Gabun, laufen die Geschäfte wieder unter vorgehaltener Hand. Dank Steward vergeht die Zeit wenigstens einigermaßen schnell. Nur sein Chef der alle paar Minuten anruft und nachhakt wo er den mit den VISAs bleibe

 

Ja, die Chinesen mischen Afrika deutlich auf zudem bringen sie gleich ihre eigenen Arbeiter mit.

Damit erreichen sie eine ganz andere Effizienz als alle anderen westlichen Firmen die hier zwar ihre Hand im Spiel haben aber noch von oben die Logistik leiten.

 

Aber wie so oft nur ein Tropfen auf den Heißen Stein und die Geschäfte werden nur mit den großen des Landes gemacht.

Der junge Koch, in einem Chicken Bistro, neben meinem Hotel, wo ich fast täglich Hähnchen mit Planten, gekochten Bananen, bekomme, kann kaum drei und vier zusammenzählen. Für jede Rechnung holt er den uralten Taschenrechner raus, und sitzt damit den ganzen Abend und rechnet zusammen was er verdient hat.

So wie so viele, echte Herzensmenschen, die zu einfach zum ausnehmen sind. Überhaupt von Politik hat kaum einer eine Ahnung oder was Demokratie überhaupt ist. Nur die sanften Laute der Bevölkerung das doch alles und jeder im Land korrupt ist.

 

Ich sitze unten in der Stadt, schlürfe einen dieser Nes Cafés, die von Jungs aufrollbarem Kaffeestand, angeboten werden. Ich sehe wie alle Straßenverkäufer aufgeschreckt wie Heuschrecken alles zusammenraffen mal nach links und rechts die Straße hochrennen. Ein PickUp vorne weg mit einer Art Aufräumtrupp, die die Stände von denen, die nicht schnell genug sind, auf eine große Ladepritsche, eines, dem Pick Up folgenden, LKWs werfen.

 

Hier wird den ärmsten das letzte etwas genommen. Keiner wehrt sich, man rennt nur davon.

Noch schlimmer: Von meinem Freund Christoph lese ich in seinem Bericht wie sogar Kinder, weil sie unerlaubt Sachen auf der Straße verkaufen, im Gefängnis landen. In Rwanda, was nicht mehr allzu weit entfernt ist.

Die zweite Woche Yaoundé, wieder warten auf den Botschaften, dieses Mal von Kongo Brazzaville.

Immerhin das erste Visa, das für Gabun, habe ich schon und zum Ende der Woche hoffe ich mit dem zweiten dann endlich weiter radeln zu können. Ich merke wie ich langsam unruhig werde, zumal Städte viel mehr Geld kosten als das Leben auf der Straße.

 

Meine neueste Kaffeekreation – Kaffee ohne meinen geliebten Kocher zu machen. Vier Esslöffel Milchpulver, ein Löffel Nescafé, etwas Zucker in einer Plastikflasche, ein Viertel Liter Wasser, zwei Minuten gut geschüttelt, zehn Minuten unter Sonneneinstrahlung quellen lassen, trinken ;)
Und das schmeckt genau wie der Dosen Café aus jedem Supermarkt oder Tanke. Morgens ohne Kaffee ist ein jeder Radler schlaff. Wenn ich schon keine Drogen nehme wie jeder zweite Afrikaner, so wenigsten meine morgendliche Koffeindosis.

Überhaupt was Verpflegung an geht ist dieses Land fantastisch. Helmgroße, drei Kilo schwere Ananas, Baby Bananen, bis zu Plantains die einen halben Meter lang sind, Papaya, Stachelfrüchte, Avocados. Alle paar Meter bietet einer kunstvoll geschälte grüne Orangen zum auslutschen an.

Nur noch selten das es in einem „Restaurant“ nur Fufu – Maniok gibt und eben Bushmeat der Spezialität hier was eben alles sein kann vom Affen Elefanten zum Wildschwein.

 

Mit der Zeit findet man sich in der Stadt auch immer besser zurecht, kennt die Wege, billige und gute verpflegungsstände Supermärkte und Internetcafés. Aber irgendwie zieht’s mich weiter selbst wenn es hier noch einiges zu entdecken gibt. Vieles was ich richten könnte, Fotos sortieren, Berichte schreiben. Nein, Langweile kommt da nie auf. Und das was hier auch nicht aufkommt ist Weihnachtsstimmung. Selbst in China vor fünfzehn Jahren hatte ich einen Größeren Weihnachtsboom als hier erlebt. Selbst in einem der „unchristlichsten“ Länder der Welt fand mehr Weihnachtskonsum statt als hier.

 

Da merkt man eben doch dass man in Afrika ist. Zu wenig Geld für Geschenke und Konsum. Ja und bei dreißig Grad hier würde ein Glühwein nicht mal halb so gut schmecken.

Biki und mir geht es bestens und wir sind voller Zuversicht dass wir zum Ende der Woche weiterkommen. Gespannt wo es mich zum Ende diesen Jahres hin verschlägt.

 

Adventure is out there

 

Cycledelic Johannes

 

 

 

 

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