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Ich schlage mich immer noch im Hinterland der Elfenbeinküste entlang Richtung Osten durch Ghana nach Togo.

Togo Lomé 15. September 2013

Wer kennt sie eigentlich?

Die Landeshauptstädte dieser doch eher kleineren Staaten, entlang der Elfenbeinküste?

Ja, sie werden für mich viel wichtiger sein als ich je gerechnet hatte. Ich bleibe jedes Mal deutlich länger als gedacht.

Gut, in Monrovia gönnte ich mir eine kurze Auszeit und hatte Malaria, aber auch hier in Accra stecke ich wieder seit zwei Wochen fest nur um an ein Visa ranzukommen: das für Nigeria. Wieder ein Kampf durch den Stadtdschungel, Bürokratie und Beamtenwillkür.

Manchmal denke ich es ist einfacher „nur“ im Sattel von Biki zu sitzen, durch den Urwald zu radeln um ab und an mal im Lehm zu stecken, oder eine paar Tage mit Malaria in einem kleinen Dorf zu verbringen. Daran das die Kids mir hinterherrennen und mich Pumui, Brooni, – einfach als Weißen bezeichnen das fällt mir kaum noch auf. Lustiger wird’s wenn sie mich als Chineseman bezeichnen, weil sie fast nur die chinesischen Arbeiter zu Gesicht bekommen. Sprachlos werde ich höchstens noch wenn man mich als Nigger bezeichnet, dann fehlen einem wirklich die Worte – ja auch mir bleibt ab und zu die Spucke stecken.

Aber der Reihe nach:
Nach einem Monat Leben im „Luxus“ geht es endlich weiter. Die erste Malaria war überstanden und ich bin wieder top fit. Habe zum ersten Mal seit Afrika sogar wieder ein paar Kilo zugenommen. Ja wir, Jean Baptist – JB und ich hatten eine tolle Gastgeberin. Lisa, die für die Schwedische Botschaft arbeitete hat uns bestens beherbergt. An den Wochenenden hatten wir auch ein paar sehr lustige Aktionen, wie der Versuch uns auf chinesisches Gelände zu Mogeln und die chinesischen Arbeiter zu überreden uns mit dem Güterzug ins Hinterland zu nehmen, was fast funktioniert hätte. Immerhin saßen wir schon eine Stunde in angehängten Personenwagen mit anderen Chinesischen Arbeitern die zur Diamanten Miene transportiert werden.

Oder der Ausflug zum Hotel Afrika, eine riesige Ruine die den Reichtum Monrovias vor dem Bürgerkrieg erahnen lässt. Einfach nur riesig und pompös angelegt, direkt am Atlantik mit Blick auf Monrovia. Ein großer Swimmingpool in der Form des afrikanischen Kontinents, alles runtergekommen.

Ja, auch wenn wir wieder ein Monat in einer Seifenblase lebten, außen herum das einfache Leben. Am Stadtrand echte Slums in denen die Menschen nicht mal lesen und schreiben können, kein Wasser und keinen Strom besitzen.

 

Nach einer so langen Pause dauert es immer drei, vier Tage bis man wieder im Rhythmus ist, so kommt es am Anfang vor das einem der Arsch wirklich weh tut. Aber Happy wieder mit Biki on the Road zu sein. Ja, das Leben auf der Straße birgt viel Abwechslung und Abenteuer. Man weiß nie wo man den Abend verbringt; in einer Dorfhütte, bei Menschen die einen einladen, im Hotel oder irgendwo im Urwald im Zelt.

Der erste Tag hinter Monrovia führt uns durch die Firestone Gummibaumplantage. Hier wird der Kautschuk von den Bäumen zur Gummiherstellung gewonnen.

Ein riesiges angelegtes Gebiet mit kleinen Dörfern die Teilweise sogar Strom besitzen. Firestone scheint es geschafft zu haben dieses Gebiet auch über die Zeit des Krieges aufrecht zu erhalten, langsam geht die Produktion wieder voran.

Für die erste Nacht finden JB und ich ein kleines „Naturwissenschaftliches College“ in dem wir in der Bibliothek übernachten dürfen.

Ein Priester der die Vision hat eine „Uni“ aufzubauen. Immerhin gibt es in der Bibliothek etwa hundert Biologie und Chemie Bücher. Die anderen zehn Tausend sind Bibeln oder Bücher über das Christentum.

T.I.A.

This is Africa. Ja, es gibt mehr Kirchen als Schulen und Bildungsstätten. Überall wo wir an Dörfern vorbei radeln sind die größeren oft halbfertigen Gebäude Kirchen. Meist drei, vier pro Dorf, die im Konkurrenzkampf zueinander stehen.

Es geht Richtung Nordosten der Grenze von Côte d'Ivoire, die Straße ist schlechter als angenommen, immer wieder ein Hoffnungsschimmer zwei, drei Kilometer perfekte nagelneue Straße, ein Neubau, der aber schneller aufhört als er angefangen hat. Runtergekommener Asphalt mit tausenden von Schlaglöchern oder eben so abgefahren und von der Erosion zerstört das vom Teer nichts mehr zu erkennen ist.

Schon am zweiten Abend verliebe ich mich. Aber nicht in die Afrikanerin die mit mir flirtet und von der JB meint ich solle sie doch heiraten, nein, in einen süßen kleinen Hund mit toller Gesichtsmaske.

Einer dieser Abende an denen wir von einer zur anderen Person weitergeleitet werden bis wir im letzten Winkel eines Dorfes ankommen sind in dem man uns einen Raum zur Verfügung stellt.

In Stockdunkelheit marschieren wir dann durchs Dorfer in denen es keine Straßen gibt. Nur Fußpfade direkt an den Häuser und Menschen vorbei. Zickezacke ohne zu wissen wo es hingeht.

Selbst am Morgen bei Tageslicht wären wir erst einmal verloren wenn man uns den Weg nicht rausführen würde. Fröhliche Zurufe aus jedem Winkel der uns mit den Rädern sieht: Pumui, Pumui, der weise Mann.

Dritter Tag, Nachmittags. Wir werden von einem Chinesen eingeladen, Roy leitet ein Chinesisches UN Quartier. Die Jungs sind gerade beim Basketballspielen als wir in das Gelände eingelassen werden. Etwa zwanzig Chinesen die den Auftrag haben hier den Afrikanern in Liberia Feld- und vor allem Reisanbau beizubringen. Wir werden mit tollem chinesischen Essen verköstigt und abends fließt viel Alkohol. Da es tags darauf pisst bleiben wir einen ganzen Tag. Ray zeigt uns die Anlage und das Projekt. Am zweiten Abend kommt eine Gruppe pakistanischer UN Ärzte, die einen Kilometer weiter ein Krankenhaus betreiben. Ein vorsichtiges Annähern, aber das sind echt Welten zwischen Pakistanis und Chinesen.

Am nächsten Tag bekommen wir von Ray noch ein nettes Verpflegungspaket. Eine UN-Zweitages-Ration, ein Beutel mit Instant Food und Getränkepulverchen. Dazu noch zwei Packen chinesischer Malariamedikamente.

Entlang einer Eisenbahnlinie, die auch von den Chinesen betrieben wird. Es sind die einzigen zwei Bahnlinien, aber nicht für den Personenverkehr sondern nur um wertvolle Erze abzubauen und sie aus dem Land zu transportieren. Die Gleise in einem tausend Mal besserem Zustand als die Straße daneben.

 

Die letzten Zwei Tage aus Liberia nach Côte d'Ivoire, mehr Buckelpiste als Fahrbahn. Wir haben Glück das es nicht regnet. Bilder und Berichte von anderen die hier in der Regenzeit durch mussten zeugen vom Kampf gegen Pfützen und Schlamm, wohl so wie wir es vor ein paar Wochen in Sierra Leone hatten.

Das bedeutet auch das der Verkehr vollkommen abbricht. Bis auf ein paar wenige Autos und Motorräder sind wir die einzigen auf der Straße. Hier ist Afrika so zurückgeblieben wie vor hundert Jahren. Ein paar neumodische Dinge sind doch überall zu finden, vorneweg Mobiltelefone, jede Menge Plastikprodukte und Metalldächer anstelle der guten alten Palmzweige auf dem Haus.

Die sind weitaus besser isoliert und man kann darunter in Ruhe schlafen, oder sich unterhalten, wenn es mal zu einem Regenschauer kommt. Wie das Leben in einer Trommel so kommt man sich vor, sucht man hier in der Regenzeit Schutz unter einem dieser Metalldächer.

Alle Schulen haben Bleche als Dach, Unterricht in der Regenzeit ist unmöglich so laut wird das. Nicht einmal eine normale Unterhaltung ist möglich.

Dafür landschaftlich ein Traum, ein Weg mitten durch den Urwald. Meist schon vor Jahren abgeholzte Gebiete in denen sich Natur wieder zurückholt was kahlgeschlagen wurde. Klar das die riesigen Tropenbäume von einst fehlen.

Ja und in den Abfahrten habe ich meinen Spaß, ich kann es richtig laufen lassen, versuche immer den Schwung in den nächsten Anstieg mitzunehmen. Eine Berg- und Talfahrt. Kids die neben einem her rennen, Jäger die mit ihren Schrotflinten auf Jagd unterwegs sind. Oft auch Frauen die Baumstämme oder riesigen Schüsseln auf dem Kopf balancieren. In den Schüsseln wird die Ernte nach Hause getragen.

Dazu noch mit Baby im Huckepack während die Männer nur lustig nebenherlaufen.

Auf den letzten Metern vor Côte d'Ivoire abends in einem Grenzörtchen: Mal wieder ist es ein Schullehrer neben dessen Schule wir ein Zimmer bekommen. An den gruselig schmeckenden Palmwein habe ich mich so halber gewöhnt, der Schnaps der heute Abend fließt ist reines Gift. Ein Ethanol-Methanol Gemisch. In einer kleinen Lehmhütte sitzen wir wie Hühner auf der Stange. Aber die Härte ist das sogar den Kleinkindern immer mal wieder ein Gläschen von dem Gebräu verabreicht wird. Sicher, das Zeug tötet alles, ich muss mich schwer zusammenreisen um nicht negativ rüberzukommen was den Schnapskonsum der Kids betrifft. Manche schlucken gleich zwei, drei Gläser runter. Aber der Alkohol sorgt auch für Stimmung es wird geklatscht und musiziert.

Wir sind gerade mal sechs Tage seit Monrovia unterwegs und es kommt mir wie eine Ewigkeit vor. Die Welt hier im Dschungel ist zu unterschiedlich um sich vorzustellen wie wir in der Stadt gelebt haben.

Es ist Mittag, der 20. August. Wir stehen vor der Grenze zur Elfenbeinküste. Eine letzte Cola in der Mittagshitze Liberias. Die Ausreise ist relativ schnell geschehen, keine zwanzig Minuten. Eine Militärstation an der Mr. JB sich festquatscht, ich bin schon auf dem Weg zur Immigration. An dem Männlein der für den Zoll verantwortlich ist, bin ich vorbei. Cool mit der Kippe in der Hand muss Jean Baptist auch noch fragen, ob er Fotos machen kann. Das Interesse geweckt, hält ihn nun der Zollbeamte an und pfeift auch mich zurück.

In der Mittagshitze dürfen wir nun alle unsere Satteltaschen einzeln auspacken. Der Kerl durchschnüffelt wirklich alles. Bis er bei unseren Medikamententaschen fündig wird. Mit denen dürften wir nicht über die Grenze. Ich bin schon dran dem Kerl fünf tausend Cefa zu geben doch JB ist stur. Kein Bakschisch, so wird ewig rumdiskutiert. Andere die vorbekommen drücken dem Kerl einen Tausend Cefa schein in die Hand und kommen weiter. JB labert aber auch die ganze Zeit mit dem Herrn und sagt wenn wir nicht vor dem Abend weiterkommen müssten wir hier schlafen. Blablabla, ich bin ganz schön angenervt und etwas aufgeregt. Nach gut zwei Stunden dürfen wir unsere Pillen wieder einpacken, ohne jeglichen Kommentar. Weiter zum Gesundheitscheck, dann die Immigration, wir bekommen unsern Einreisestempel. Über zwei Stunden, und der Preis wären tausend Cefa pro Kopf gewesen, Ein Euro Fünfzig.

So können wir am späten Nachmittag doch noch ein paar Kilometer in die Elfenbeinküste rein radeln.

Danané liegt zweihundert Kilometer nördlich der Küste. Etwas im Hinterland durchquere ich jetzt in den nächsten zehn Tagen die Elfenbeinküste. Mir bleibt nicht allzu viel Zeit, mein Visa ist gerade noch zehn Tage gültig, ansonsten muss ich es teuer verlängern lassen.

Zudem hatte ich gelesen dass die Küstenstrecke sehr dicht besiedelt und schrecklich mit dem Rad zu befahren sei. So habe ich mir eine knapp tausend Kilometer lange Strecke durch das Hinterland mit Google und OpenStreetMaps geplant.

Eine tolle, wirklich ruhige Strecke wie sich später herausstellt.

Die ersten Kilometer noch Lehmpiste aber bald schon ab Danané breite Asphaltstraßen, bestens ausgebaut.

Ja, nach all den Dschungeltracks ist so eine Straße fast schon langweilig. Nein, eher eine willkommene Abwechslung, endlich kann man seinen Tempo finden, muss sich nicht auf jedes Schlagloch konzentrieren und man kommt richtig gut voran. Immerhin die nächsten hundert Kilometer. Bis man in den Bergen ist. Wir sind von Hügeln umgeben es ist richtig „frisch“, mancher der mit einer dicke Jacke rumrennt; wir schwitzen uns nicht mehr zu Tode. Für eine weitere Erfrischung radeln wir hoch an einen Wasserfall und genießen die Dusche.

Man City, liegt traumhaft umgeben von verspielten Felsformationen und ringsherum Bergspitzen, klarer Luft, ein angenehmes Kima.

Hinter der Stadt in den Hügeln verlassen wir mal wieder die Hauptstraße. Eine Wellblechpiste die ostwärts führt. Eine wirklich schöne Gegend. Umgeben von Wäldern geht es durch Kaffee- Kakao- und Bananenplantagen. Abends kommen wir in einem kleinem Dorf an in dem nur eine Straßenlaterne leuchtet; die auf dem „Marktplatz“ vor der Hütte des Chefs de Village. Mit über achtzig hat er noch die Familie und sein Dorf unter Kontrolle, er ist der größte Kakao-Händler der Gegend. Das Wohnzimmer in dem wir schlafen dürfen ist eingerichtet wie zu Kolonialzeiten; zwei große rote Sofas und dahinter ein massiver Holzwandschrank.

Zurückversetz in die Zeiten der Urgroßeltern. Aber Herzlich. Wir sind zum Abendessen eingeladen, wir knabbern an den Hühnerfüßen und Hühnerleber die ich mit kleinen Gläschen Schnaps runterspüle. Am Morgen ein kurzer Rundgang durchs Dorf und der „Sheriff“ des Ortes taucht mit seinem Cowboyhut samt Sheriffstern mit seiner Version eines Fahrrades auf und begleitet uns ein Stück.

Abenteuer Elfenbeinküste, auch wenn wir im Vergleich zu den Ländern zuvor gefühlt wieder in der zweiten Welt sind, radeln wir durch entlegenere Gebiete, die so zurückgeblieben sind wie in Liberia oder Sierra Leone. Man hat uns mehrfach bestätigt dass es einen Weg Richtung Osten gibt. Nachmittags stehen wir mal wieder vor einem Flusslauf ohne Brücke oder Fähre. Hier hört auch unser Kartenmaterial auf. Mit einem Kanu geht es auf die andere Uferseite

Ein Trampelpfad vom Ufer führt in das nahegelegen Dorf. Dahinter beginnt „echter“ Urwald. Eine Piste die in keiner Karte die wir haben eingetragen ist.

Riesige Bäume ranken über uns. Man kommt sich wie eine Ameise vor wenn man hoch in die Kronen schaut. Immer wieder Weggabelungen die im Nirgendwo verlaufen. Ich halte mich immer Richtung Osten. Es wird dunkel, das letzte Dorf das wir durchquerten war auf der anderen Flussseite.

Jetzt geht es mit Stirnlampe auf dem Lehmpfad weiter durch echten Urwald. JB traut sich nicht so schnell in der Dunkelheit vorwärts. Zwei LKWs die den Weg blockieren. Eine Gruppe von zehn Frauen und Männern die hier illegal Holz roden. Wir sind fast eine Stunde bei Dunkelheit unterwegs ehe wir die Grenze des Dschungels erreichen. Einen Kilometer dahinter das erste Dorf, in dem wir aber abgewiesen werden.

Erst im nächsten Ort werden wir aufgenommen. Ja, hier im Hinterland sind die Dörfer der Elfenbeinküste so „primitiv“ wie in Liberia und Sierra Leone. Kein Strom, kein fließend Wasser, das Leben von der Hand in den Mund. Wir sind angeblich die ersten weißen Besucher des Ortes. Zwar scheinen sogar schon mal Weise Radler gesichtet worden zu sein, aber keiner der hier einen Stopp einlegte.

Wieder ist es die Hütte des Dorfältesten in der wir einquartiert werden. Wir sind so spannend wie Kino. Das ganze Dorf umringt uns, manche zehn- elfjährigen Jungs und Mädchen haben Angst uns anzulangen und die Hand zu geben. Es wird ein lustiges Spiel, oft zwingen die großen Geschwister die Kleinen uns zu berühren und dann tritt lautes Geheul auf. Und Gelächter von den großen. Am nächsten Morgen das gleiche Spiel, umringt vom Dorf und viele der Kinder mit Sicherheitsabstand zu uns.

Heute Morgen erzählt man uns auch daß gerade in der letzten Woche drei Überfälle in dem Dschungelstück hinter uns stattgefunden hätten. Wir brauchen noch den ganzen Tag durch verschlagene Gelände auf einer rauen Piste ehe wir in wieder einen größeren Ort erreichen.

Vavoua, kaum stehen wir auf der Hauptstraße, werden wir vom Landrat eingeladen. Wir beziehen Quartier in einem billigen Hotel und werden zum Abendessen von Jack abgeholt.

Ein langweiliger Abend für mich, Jack unterhält sich vornehmlich nur mit JB auf Französisch ohne mich irgendwie ins Gespräch zu integrieren. Und immer wieder Blahblahblah.

Ich gehe ins Hotel zurück, JB macht sogar noch ein Treffen für den nächsten Tag mit Jack aus.

So bleiben wir bis mittags in Vavoua, noch einmal geht’s zu dem netten Herren der nur von sich und seinen Bekannten in Europa und Amerika erzählt. Ich habe das anders kennengelernt, sogar in den Dschungeldörfern war nonverbale Kommunikation spannender als hier.

So bin ich Jean Baptiste auch nicht allzu böse als er mir mittags eine SMS schickt er sei auf eine andere Strecke abgebogen als noch am Vormittag ausgemacht.

Von Anfang hatte an hatte ich nicht so ganz mit ihm harmoniert. Aber seine neunmalklugen Belehrungen mir gegenüber gingen mir schon ganz schön auf den Sack. Hätte ich nur einen ähnlichen Kommentar ihm gegenüber losgelassen wäre er eingeschnappt gewesen.

Keine Ahnung warum aber irgendwie komme ich mit Franzosen nicht zurecht, vielleicht liegt es daran das wir uns zu ähnlich sind, dabei liebe ich Frankreich als Land vom Mittelmeer den Pyrenäen übers Zentralmassiv zur Atlantikküste – la live la France. Ja, JB hat mich auch immer des Rassismus bezichtigt.

So geht es wieder alleine weiter. Good by JB.

 

Jetzt mit meiner wieder gewonnen Freiheit auf meist Asphaltierten Straßen Richtung Osten, Ghana.

Einfachstes Leben für mich, im Vergleich zu den Urwaldpisten. Super zu radeln, wenig Verkehr und alle paar Kilometer Orte mit einer tollen Auswahl an Essensständen am Straßenrand. Kaffeebuden und Fruchtständen, alles was das Radler Herz begehrt. Alle zwei, drei Tage gönne ich mir eine Unterkunft mit Dusche für vier, fünf Euro und dazwischen schlage ich mein Lager im Dschungel auf. Eines Morgens werde ich aufgespürt und das ganze Dorf kommt um mich zu bestaunen, eine Meute von fast fünfzig Leuten die hierher stiefeln um mich zu sehen. Jeder packt mit an und hilft mir das Rad und Gepäck wieder rauszutragen. Côte d'Ivoire macht Spaß, leider habe ich nur zehn Tage Zeit, mein Visa läuft aus und in Yamoussoukro verlangt man hundert Dollar Visa-Extension. Das ist mir eine Visaverlängerung nicht wert. Yamoussoukro, eine riesengroß angelegte Stadt, die Platz für fünf bis sechs Mal so viele Menschen hätte. Der Witz: Auf kleinsten geballten Orten tritt man sich trotzdem auf die Füße. Als Beispiel der Markt; ein großes Gelände, höchstens ein Viertel der Fläche ist belegt aber trotzdem sind die offenen Verkaufsständen so dicht beieinander das ich nicht mal mein Rad durchschieben könnte.

T. I. A.

Einfach nur Afrika, aber verstehen muss man ja soo vieles nicht. Man liebt es eben kuschelig eng an eng und vor allem laut. Ja, sie sind resistent gegen Krach und Gestank oder einfach nur abgestumpft.

Côte d'Ivoire. Nach Liberia und Sierra Leone kommt einem das Land fast wie die Zweite Welt vor.

Auch wenn man noch weit vom Zweitweltstatus entfernt ist, die Elfenbeinküste ist doch deutlich weiterentwickelter und gebildeter als die Länder die ich in den letzten Monaten zuvor durchquerte. Vor allem was den Feldanbau betrifft ist das Land viel besser organisiert. Viele große Plantagen: Kakao, Kaffee, Bananen und Korn. Was ein kleines bisschen bessere Infrastruktur schon ausmacht. Zudem kleine Produktionsanlagen, Fabriken die zu funktionieren scheinen.

Aber auch ein deutlich höherer Alkohol- und Zigarettenkonsum. Ich bekomme immer wieder Palmwein am Straßenrand angeboten, ein bisschen wie Federweiser, entweder man mag’s oder nicht. Die trinken das Zeug wie Wasser. Abends von meinen Gastgebern immer zum Schnapstrinken aufgefordert.

Obwohl ich kaum französisch spreche funktioniert die Kommunikation gut. Aber ich genieße auch meine wieder gewonnene Freiheit. Es war eine super Idee nicht an der besiedelten Küste, sondern etwa zwei hundert Kilometer nördlich durchs Land zu radeln. Der Verkehr hält sich absolut in Grenzen.

Nur ein halber Tag an dem ich auf einer großen stark befahrenen Bundesstraße unterwegs bin.

Seit langem wieder viele Radfahrer auf den Straßen. Oft ein paar Jungs die mich ein Stück begleiten, oder rennen gegen mich fahren. So fliege ich gerade zu durch das Land, wahrscheinlich zu schnell, aber mein Visa drückt. Nach elf Tagen habe ich das Land von West nach Ost durchquert, wobei wir sogar zwei Tage im Dschungel steckten.

Hinter Abenguru erreiche ich die Grenze zu Ghana. Problemlos, für afrikanische Verhältnisse geradezu schnell, bekomme ich den Aus- und Einreisestempel. Mit der Grenze hört auch der Asphalt auf. Hallo Ghana. Hier spricht man wieder englisch, dafür manch eine französische Leckerei auf die jetzt verzichtet werden muß. Kein Café und kein Baguette. Aber Jägermeister und leckeres Guinness. Gleich im nächsten Ort wird mir ein schnaps ausgegeben. Während in den ganzen frankophonen Ländern der Cefa als Währung herrscht, muss man sich in den Englischsprachigen Ländern immer erst an die neue Währung und den Wechselkurs gewöhnen. Ich habe es gerade noch rechtzeitig aus Côte d'Ivoire geschafft. Jetzt bleibt mir ein Monat Zeit um Ghana zu durchqueren. Das sollte eigentlich reichen – eigentlich. So lasse ich mir nach der Raserei jetzt etwas Zeit und bleibe einen Tag im Grenzort. Ich bin gerade zwei Tage im Osten auf Ghanas kleinen Seitenstraßen unterwegs und stoße auf ein nettes norwegisches Mädchen. Nina. In der Hitze trinken wir jede Menge Säfte. Ich fühle mich leicht schlapp und mache Witze über meine letzte Malaria und das meine Schlappheit sicher an der Hitze und Anstrengung liegt.

Wir verabreden uns zum Fußball-Länderspiel in zwei Tagen in Kumasi.

Nein ich werde sie nicht mehr sehen, noch ein paar Kilometer an dem Tag und in Bauma einem siebenhundert Seelen Ort ist Schluss.

Ein Platz an dem LKW Fahrer absteigen, für 10.000 CeDi, etwa drei Euro – Hotel wäre eine Überbewertung. Tags darauf fühle ich mich schlapp und bleibe, aber glaube nicht an Malaria. Erst am Zweiten Tag als ich mit Fieber im Bett liege ist mir klar dass es Malaria ist.

Dieses Mal trifft’s mich härter als in Monrovia. Das Zimmer eine Absteige. Aber die Menschen um mich herum super hilfsbereit. Waschen meine Klamotten und ein Krankenpfleger der mich morgens und abends besucht und für mich kocht. Richard- ein echtes Herzenskerlchen - er schleift mich auch zum „Hospital“ in dem er arbeitet und macht einen Bluttest. Klar ist es Malaria. Ähnliche Symptome wie einst in Liberia nur die Alpträume waren spannender. Ich hätte fast ausrasten können was mein Schädel in den eineinhalbtagen mit mir veranstaltet hat. Zudem eine Beerdigungsfeier vor meiner Bude. Das bedeutet in Afrika drei Tage Feiern und Musik zum Abwinken. Dazu Gospelgesang und Trommeln. Nicht in einfacher Lautstärke – jeder Regler wir auf volle Pulle gestellt und je später der Abend, früher der Morgen desto schräger die Gesänge. Echtes Katzengejammer. Ich hätte mir eine riesen Packung Aspirin gewünscht.

Aber was uns nicht Umbringt, macht uns nur härter. Fünf Tage später bin ich wieder auf den Beinen habe tolle Menschen getroffen und neue Freunde gewonnen. Mit etwas arg starkem religiösem Touch aber einer Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft von der wir Europäer uns weit entfernt haben.

Oft habe ich noch Probleme das viele mich anquatschen aber manche meinen es ernst und laden dich ein oder sind interessiert und wie jetzt wieder super hilfsbereit, eben ohne Gegenleistung zu verlangen.

In diesem Sechshundert Seelendorf stehen sieben Kirchen in direkter Konkurrenz zueinander. Jede behauptet an den wahren Gott zu glauben: Protestanten, Methodisten, Church of Lightning – the White Church, die der Zeugen Jehovas. Jeder baut ein eigenes Gotteshaus und verschwendet Gelder. Zu den sieben Kirchen hier im Dorf noch zwei Moscheen.

T.I.A.

This is Afrika, wenn auf eine Schule zwei drei Kirchen pro Ort kommen und noch einmal eins zwei Moscheen.

Viele, viel zu viele Kinder für die Schulen. Aber den Menschen wird Halt und Richtung von irgendwelchen meist schrägen Predigern und ihren Interpretationen des Christentums gegeben. Die mit ihren aggressiven Predigen Geld für den Bau ihres Gotteshauses sammeln und Angst verbreiten. Auf der anderen Seite wird aber auch viel Gesungen und getanzt in der Kirche.

Dazu aber immer noch der Aberglaube an Voodoo Zaubereien und Fetisch, vor allem was bei Krankheiten, Behinderten oder nicht Bekanntem angewendet wird.

So god wills – Inshallah. Afrika – Afrikaner denken, handeln so ganz anders. Dabei waren es ja die weisen Missionare die das Christentum nach Afrika gebracht haben. Inzwischen findet man mehr Religiosität, und mehr Christliche Religionen hier, als es sie in Europa jemals gab. Jeder behauptet natürlich an den wahren Gott zu glauben, ein echter Krieg untereinander. Richard zerrt mich zu seinem Freund dem Priester. Echt wortgewand und Bibelfest. Aber ein Verdreher der Wahrheit vor Gott, so behauptet er Darwin hätte am Sterbensbett seine Theorien verworfen. Und stellt die ganze Wissenschaft als Lückenhaft und nicht haltbar dar. Zudem ich, der Weiße Mann, der alles erfunden hat, von der Glühbirne zum Flugzeug. Ja genau, ich. Klar war ich es der auch die Atombombe entwickelt hat. Nee ich muß meine Zähne zusammenbeißen, ganz ruhig bleiben, um keine Kommentare abzugeben, ansonsten diskutiert er bis morgen früh, ich sitze hier nur aus Dankbarkeit Richard gegenüber das er mich die Tage über gepflegt hat. Wie ein Michael Moore, dominant mit einseitigem religiösen Touch ist es ein Einfaches die arme Bevölkerung zu manipulieren.
Irgendwo kann ich diese Religiosität nachvollziehen aber so richtig gut finden tue ich es nicht. Umgekehrt ist das Blatt nicht mehr zu wenden. Wie die Machenschaften der restlichen Welt hier in Westafrika verstrickt sind. China, Amerika, Asien, Europa, jeder mischt mit - will ein Stück vom Kuchen ab haben.

Die Westküste, voll an Ressourcen wie Diamanten, Gold, Bauxit, Eisenerzen. Aber auch Fischfang oder der Ackerbau. Die Chinesen die die Eisenbahn wieder auf Vordermann gebracht haben um die Bodenschätze aus dem Hinterland zur Küste zu bringen.

Oder in Ghana der Volta Lake. Schon in den siebziger Jahren wurden zig Dörfer für diesen Damm umgesiedelt. Weltweit der größte Stausee zur Energieversorgung, eigentlich ein gutes Projekt. Von Studenten erfahre ich das achtzig Prozent der Energie dieses Sees direkt von den Amerikanern abgezweigt wird zur Aluminium Gewinnung. Strom der so wichtig und wertvoll für weitaus sinnvollere Zwecke wäre.

T.I.A.

Afrika, Ungerechtigkeit und Bestechlichkeit wo man nur Hinschaut, jeden den man trifft hat seine eigenen kleinen Anekdoten. Es sind die reichen Afrikaner an der Macht, die für schnelles Geld dem Weisen und dem gelben Mann Minen und Elektrizität verkaufen, anstelle vorausschauend zu handeln.

So radel ich durch das Hinterland Ghanas das gerade mal einen Ticken weiter entwickelt ist als Sierra Leone oder Liberia. Die Elfenbein Küste kam mir einen Ticken wohlhabender weiterentwickelt vor.

Aber diese beiden letzten Länder hatten auch keinen Bürgerkrieg in den letzten Jahren. In Ghana herrscht sogar seit siebzig Jahren Frieden. Auch sind fast keine UN Fahrzeuge, Soldaten und Kontrolleure mehr auf den Straßen. Ein eindeutiges Zeichen das alles sehr viel entspannter ist.

Noch leicht geschwächt radle ich nach Kumasi, der zweitgrößten Stadt Ghanas. Extrem buntes treiben. Alleine um mich die fünfhundert Meter durch den Markt zu quetschen brauche ich eine geschlagene Stunde. Nein, für einen Europäer ist es nicht vorstellbar oder in Worten zu beschreiben wie Afrikanisches Gewusel funktioniert. Man nimmt es mit absoluter Gelassenheit hin.

Ein echtes Hostel, Treffpunkt für Reisende das ich Finde. Geleitet von einem Inder mit vielen lustigen Indischen Gästen. Mahmut bietet mir für jedes Stockwerk das ich in dem Hostel mit Biki das Treppenhaus runterfahre eine Flasche Bier.

Neeee so was darf man keinem Deutschen anbieten der 18.0000 km mit dem Rad nach Afrika geradelt ist!

Leider gibt’s nur drei Stockwerke in dem Hotel, klar habe ich mich darauf eingelassen. Alle kommen ins Treppenhaus um dem deutschen anzufeuern, wie ich die Trepepepepen runter fahre. Danach teile ich das so „verdiente“ Bier. Abends laden mich die Jungs noch zum Essen ein – Indisch wie sich’s versteht. Vor Jahren bin ich schon einmal mit dem Rad nach Indien geradelt, kann mich nicht erinnern, so gut dort gegessen zu haben.

Aber es ist auch die erste richtig gute Mahlzeit die ich nach meiner Malaria genieße. Kumasi gefällt mir so gut das ich hier zwei Tage verbringe um mich etwas zu organisieren. Lasse mich mittags durch das Gewusel der Stadt treiben und schieße ein paar tolle Fotos

Ja, diese Städte sind geballt von Energie, Leben, Abwechslung, bunt, chaotisch, liebevoll, tausend Details aber an vielen Ecken Armut und Slums. An den Ecken wieder irgendwelche Prediger die mit riesen Boxen ihre Botschaften verkündigen. Echte Körperverletzung so laut sind die Boxen gedreht. Ein unerträgliches Geschrei, und manche sitzen abgestumpft inzwischen taub vom Lärm direkt neben den Boxen. Aber Bitte warum erträgt man freiwillig diesen Krach und setzt sich nicht hundert Meter weiter. T.I.A. nein ich muss es nicht verstehen.

Hinter Kumasi verlasse ich die Hauptstraße um auf kleinen Feldwegen mich zum Volta Lake durchzuschlagen. Zwei Tage bis Agogo, einem größeren Ort. Wege genau nach meinem Geschmack. Viele kleine Orte - eine Mischung aus Schotterpiste und geteerten Straßen mit wenig Verkehr.

Nachts schlage ich mein Zelt in den Bananen- oder Kakaoplantagen auf. Kochen brauche ich nicht mehr, meistens finde ich abends einen Straßenstand an dem ich mir mein Essen mitnehme.

Allerdings setzt sei drei Abenden wieder der Monsunregen ein, aber he, mein Zelt ist dich und morgens wenn die Sonne rauskommt ist schnell wieder alles trocken.

Die Härte; wenn die Sonne knallt ist es unerträglich schwül, aufgrund der hohen Luftfeuchtigkeit, wenn es regnet kühlt es ab und wird einfach nur nasskalt. Verwöhnt von der Hitze fühlen sich bei über 15 Grad und Regen das Wetter wie fünf Grad und regen an.

In Agogo erwischt mich ein solcher Monsun. Drei Stunden Schutt. An weiterradeln nicht zu denken. Erst nach vier Coca Cola und einer Portion Maniok stoppt es nachmittags.

Auf der Hauptstraße radele ich raus. Bis hier war sie in einem guten Zustand. Aber schon zwei Kilometer hinter dem Ort Motoradfahrer die behaupten dass die Straße nicht weiterführt.

Aber he, ich bin bis hierhergekommen und habe mich im Monsunregen tagelang durch Sierra Leone und Liberia gequält. Wir sind in Ghana. Ein wunderschönes bergiges Gebiet so kurz vor dem Lake Volta. Jetzt wo die Sonne sich am Abend zeigt, ein Traum an Lichtspiel, Wolken und Landschaft.

Der Traum wird schnell gestört, die ersten Schlammlöcher, hunderte von Metern von Schlamm. Ich und Biki sehen aus wie Sau. Dahinter wieder eine gut befahrbare Piste. So geht es bis zum Abend. Immer wieder ein Teilstück mit Schlamm vor mir, Ich gebe Vollgas um mit Schwung durchzujagen. Keine fünfzehn Meter und ich stecke fest – richtig fest. Kein vorwärts oder rückwärts. Bis hier waren die schlammigen Abschnitte mehr Sand als Lehm Gemisch und hier der pure Lehm, geradezu an meinen Reifen klebt. Ich kann nur hoffen das nicht viel solcher Abschnitte folgen.

Alles Gepäck muss ab. Ich trage jedes Gepäckstück einzeln und dann Biki bis zum Ende der Schlammsuhle, mehr als zweihundert Meter. Knöcheltief in der Suppe, mit jedem zweiten Schritt verliere ich einen meiner Schuhe, so kleben die am Boden fest, sind kiloschwer. Kids in Gummistiefeln die mir helfen, keine Ahnung von wo die herkommen und wie die mich hier entdeckt haben. An weiteradeln nicht zu denken. Der Lehm klebt wie festgefressen an meinen Reifen und zwischen dem Rahmen. Die Schutzbleche Vorne und hinten kaputt. In einer großen Pfütze versuche ich notdürftig Biki vom Lehm zu befreien und die Bremsen wieder funktionsfähig zu bekommen. Erst in tiefster Dunkelheit erreich ich das nächste Dorf in dem ich vom Englischlehrer zum Bleiben eingeladen werde. Eine kleine „Gerümpelkammer“ mit Matratze. Ja manchmal würde ich es bevorzugen mein Zelt und meine Isomatte irgendwo aufzustellen. Ich und Biki sind von oben bis unten mit Schlamm eingesuhlt. Ich bin dankbar hier zu bleiben und mich wenigstens etwas waschen zu können. Ein netter Abend, Michel führt mich durchs Dorf und ich esse das erste Mal „Rat“, Ratte. Eine Riesenratte! Ich hatte gerade in den letzten Tagen oft diese übergroßen Meerschweinchen am Straßenrand zum Verkauf gesehen.

Nicht ganz mein Geschmack, dazu gibt’s Fufu, aber der Hunger treibt’s runter. Es war einer dieser richtig anstrengend Tage. Mittags der Schutt in Agogo der wohl die ganzen Lehmstraßen aufgeweicht hat und dann die Schlammaktion am Abend. Ja, man spürt dass man am Leben ist. Ich bin so geschafft dass ich beschließe mich aus dem Hinterland zu entfernen und wieder auf die Hauptstraße durchzuschlagen. Anstelle Richtung Osten zum Volta Lake, finde ich einen Weg zur Hauptstraße zwanzig Kilometer südlicher. Aber alleine für die knapp zwanzig Kilometer brauch ich drei Stunden am Folgetag.

Wunderschöne gelegene Dörfer. Es ist mal wieder Sonntag und jeder rennt toll gekleidet in die Kirche und das mitten im Busch. Nach den drei Tagen regen knallt die Sonne wieder mal richtig. Dadurch wird’s fast unerträglich. Der Sand und Lehm setzt meine Kette so zu das ich bei den Anstiegen schieben muss weil die Kette sich immer wieder verhakt oder über die Blätter springt. Ein echter Krampf. Schweißgebadet erreich ich die Hauptstraße. Eine fette Bundesstraße teilweise vierspurig mit Standstreifen die Richtung Accra führt.

Ich hätte es ja einfach haben können. Mit einem Schlauch spritze ich kurz Biki ab und dann mich. Jetzt geht’s auf der Rennstrecke richtig schnell vorwärts. Ich liefere mir kleine Rennen mit den Jungs auf ihren Rädern und fliege geradezu durchs Land. Ich rase gerade, ein Rennen, im Downhill übersehe ich ein Metallstück, ein lauter Schlag und mein reifen platzt. Im Mantel steck ein abgebrochener Schraubenzieher. Grrrrr aber besser hier ein Plattfuß, als gestern mitten im Schlamm.

Ja, nicht nur meine Kette ist ziemlich runter, auch meine Manteldecke hat nur noch einen Millimeter Stollen.

Nachmittags will ich erneut von der Hauptstraße runter und frage mich wieder Richtung Volta Lake durch. Wenn man nicht im Schlamm festklebt, machen Seitenstraßen einfach mehr Spaß.

Weder Google Maps noch mein Garmin Kartenmaterial stimmen. Auf gut befestigten Feldwegen, die vor Jahren wohl mal Asphaltiert waren frage ich mich durch. Abends bin ich auf meinem gewünschten Weg im Hinterland in den Bergen. Es wird hügelig, eine seelenverlassene Straße, keiner der mir sagen kann ob ich auf der richtigen Fährte bin. Jetzt wo es dunkel wird auch kein Auto. Ich schlage einen Trampelpfad ein auf der Suche nach einem Schlafplatz. Am Ende des Pfades eine verkommene Lehmhütte. Drei Jung zwischen Anfang zwanzig und Mitte dreißig die auf ein paar Ziegen aufpassen und Maniok anpflanzen. Umgeben von Bergen. Die Hütte eine Ruine, nur ein Zimmer das trocken ist in dem sie zu dritt hausen. Für drei Monate auf engstem Raum bevor sie wieder in ihr Dorf kommen. Dabei könnte man so viel aus diesem Ort rausholen, zwei sind arbeitslose Zimmerer. Es wäre ein Einfaches die restlichen Räume wieder herzustellen und das Dach dicht zu machen. Hundert Meter weiter ein klarer Bach von dem man Wasser ableiten könnte oder eine Latrine graben. Aber eine echte Herzlichkeit die die drei ausstrahlen, obwohl ich ihnen zu Beginn bestimmt Gespensterhaft vorkam. Wie oft trifft man mitten in der Dunkelheit im Urwald einen Weisen mit vollbeladenem MTB und Stirnlampe? Zu meinen Ehren wird wieder eine „Ratte“ geschlachtet und Fufu gestampft. Ich gebe ihnen als Gastgeschenk eine Packung Kaugummi was sie Mega freut, dafür wollen die wiederum im Gegenzug einen Joint mit mir rauchen. Brrr, die Ratte schmeckt noch grausamer als gestern, ich würge nur mit Mühen ein paar bissen runter, behaupte obwohl ich hungrig bin, ich hätte gerade gegessen.

Mein Magen knurrt die Nacht über, am Morgen kommen sie mit einer riesigen Staude Bananen zum Frühstück an.

Hilfe was ist das? Ich schau an mir runter lauter rote Pusteln, ich sehe aus wie ein Streuselkuchen. Moskitostiche sind es eher nicht, wir hatten am qualmendem Lagerfeuer gekocht und gegessen, ich in meinem Innenzelt geschlafen.

Pocken? Ein Ausschlag, Allergie??? Mir gehen tausend Möglichkeiten durch den Kopf, fühle mich nicht schlecht und es juckt auch nicht. Es sieht nur übelst aus. Bis mittags werden die Flecken immer größer und mehr. Ich kurbel viele viele kleine Pässe hoch und mit Vollgas runter. Ein letzter Pass - vor mir eine Ebene. Zu meinen Füßen liegen die Ausläufer des Volte Stausees. Runter ins Flachland. Ein riesiges dicht besiedeltes Gebiet beginnt. Kpong, bei mir als kleiner Ort eingetragen, erstreckt sich über fast zehn Kilometer in der Ebene. Ich renne in die nächste vernünftig aussehende Apotheke und frage nach ob man mir mit meinen Roten Flecken helfen kann. Der grinst mich an und bestätigt meine Vermutung dass es am Rattenfleisch gelegen haben kann. Viele fangen die Tierchen mit Gift – um sie dann zu essen??? Eine These die ich jetzt oft höre und das deshalb nur die ärmere Bevölkerung diese Tierchen essen würde.

Na Super, einen Tag Pocken, wegen vergiftetem Rattenfleischs das ich gegessen hatte. Aber ja, das gehört zum Experiment Afrika dazu.

Bevor ich nach Accra radel treffe ich Vida. Eine begeisterte Radsportlerin aus Ghana die als Frau alleine mit dem Rad durch Ghana geradelt ist. Sie fördert junge Mädchen, probiert ihnen Fahrradfahren beizubringen. Zudem hat sie Kontaktadressen von den Werkstätten die die Bamboobikes herstellen. Fahrradrahmen aus Bambus.

Sie ist eine von den Menschen die mit einfachsten Mitteln wirklich was innovatives, und frischen Schwung, ins Land bringen. Vor ihrer Haustür knapp hundert Fahrräder zum Basteln, verkaufen und Ausleihen. In ihrem kleinem Büro, in dem ich schlafe, und in der Küche noch mehr Räder die sich stapeln. Sie setzt sich vor allem für Frauen und Mädchen ein, möchte ihnen eine Chance geben Radfahren zu lernen. Sie betont auch dass sie ebenfalls den Jugendlichen zeigt einen Platten zu reparieren und kleinere Reparaturen am Rad durchzuführen. Wir reden die halbe Nacht über ihre Projekte und meine Unternehmungen.

Am nächsten Morgen sehe ich sie nicht mehr. Um eine Veranstaltung in Accra zu besuchen, musste sie schon vor fünf Uhr morgens los.

Für mich sind das zwei Tage mit Biki rein nach Accra. Zurück nach Kpong über diese tolle Hängebrücke, die über den Volta See führt. In Europe nichts gigantisches, aber in diesem Bereich von Afrika ist ein solche Stahlkonstrukt eine Besonderheit. Ab hier beginnt der eigentliche Stausee Richtung Norden. Südwärts wird der See ein breiter Fluss, der dann in den Atlantik fließt. Bis nachmittags folge ich einer großen Bundesstraße, rechts von mir die Bergkette aus der ich gekommen bin, zu Linken nun der Volta Flusslauf und eine fruchtbare Ebene.

Hinter Kpong hört das dicht besiedelte Gebiet auf. Riesige Plantagen und Felder, nur noch abgelegene kleine Dörfer an der Bundesstraße. Hier wird richtig im großen Stil Anbau betrieben so wie ich es bis hierher noch nicht in Afrika gesehen habe. Ich gönne mir gerade einen Limonadenstopp, lautes Geschrei aus der gegenüberliegenden Schule. Kinder die aus den Klassensälen rennen. Eine eineinhalb Meter lange, armstarke Schlange hatte den Weg ins Klassenzimmer gefunden. Irgendjemand greift zum Stock und erschlägt sie, aber es dauert noch lange bis der Unterricht wieder weitergeht. Meines Erachtens eh viel zu heiß zum lernen. Ich bin fast dankbar für den Gegenwind zur Abkühlung.
Abends biege ich von der Hauptstrecke ab um nicht auf einer „Autobahn“ nach Accra einzutrudeln.

Ein großer Ort Aburi, keine zehn Kilometer von der Bundesstraße, direkt vor mir, oben in den Bergen.

Aber aus den paar Kilometern werden schnell zwei anstrengende Stunden. Obwohl es die direkteste Verbindung zu dem Ort ist, ist kein Fahrzeug auf der Piste. Es geht in die Berge, eine ausgewaschene Schotterpiste. Ich schiebe mehr als das ich radele. Nicht weil ich zu schwach wäre aber meine Kette ist komplett hinüber. Ich kann nur noch leicht rein treten. O.K. hier herrscht eine Steigung von 15% und das mit Geröllsteinen dazwischen. Ich hoffe dass ab Aburi die Straße wieder besser wird. Ein einziger LKW den ich am Abend sehe. Der hängt mitten in einer Steigung. Selbst für mich ist es schwierig vorbeizukommen. Keine Ahnung was die machen sollte ein anderer LKW oder Pkw kommen. Klar, ankommen wird er, nur das mit dem Vorbeikommen dürfe unmöglich sein. Zu fünft schrauben die in aller Ruhe und Dunkelheit am Getriebe rum. Ich brauch noch eine halbe Stunde bis ich oben im Ort bin.

Völlig platt und durchgeschwitzt komme ich in Dunkelheit in Aburi an. Alleine für die Aussicht über die Ebene hat sich der Kampf hier hoch gelohnt. Von hier oben sieht Ghana richtig dicht und Besiedelt aus. Unten in der Ebene lauter Orte Dörfer mit Straßenlaternen. Dazu der frische kühle Bergwind, er trocknet mein völlig nassgeschwitztes T-Shirt. Das hilft leider nicht gegen den Gestank der von mir ausgeht. Ja wenn ich mich selber riechen kann dann ist es Zeit für eine Dusche, zumal ich morgen nicht vollkommen stinkend nach Accra rein radeln will. Ich suche und finde ein günstiges Hotelzimmer. Auch wenn ich etwas über den Preis diskutieren muss. Alles ist verhandelbar, so etwas wie festen Preis gibt es kaum in Afrika. Aber ich erkläre ihm entweder er verdient etwas Geld mit mir oder eben nicht. Zum zweiten Mal habe Biki in der Hand um weiterzuradeln, dann gehen sie doch auf mein Angebot ein. So komme ich immerhin zu einer Dusche, aber meine Klamotten müffeln trotzdem

Morgens ist es ein leichtes, als runter nach Accra. Auf dem Bergrücken, Schotterpisten runter, erreiche ich den Stadtrand. Großraum Accra, von da an ein Gewusel vom Feinsten, kaputte Straßen an denen sogar für mich Stopp and Go angesagt ist. Eine einzige Sandstaubwolke, die Augen brennen. Ich Atme den Smog, Stau und Gestank. Ich steuer ein Hostel an das ich mir als günstig raus geschrieben hatte. Von Reisenden als nett bewertet und mit der Möglichkeit für drei Euro sogar das Zelt im Gelände aufzuschlagen. Im hinteren Teil einer Seitenstraße finde ich die Herberge. Verträumt mit Innenhof und einer total lieben „Gastmutter“. Von allen liebevoll Nanny getauft.

Ja und wen treffe ich an? JB, John Baptist, Nanny sagt mir schon gleich bei der Ankunft das noch ein Radler hier schläft und ich erkenne sein Rad. Von den tausend Bleiben die es hier gibt lande ich da wo JB steckt, ohne uns abgesprochen zu haben. Ich rufe ihn freundlich aber seine Freude hält sich in Bescheidenheit. Dabei war es er der mir nur per SMS mitteilte das er eine andere Route eingeschlagen hatte.

JB ist schon einige Tage hier und wartet auf sein nigerianisches Visa. Erst zwei Tage später kommt er mit der Nachricht dass er kein Visa bekommt. Seiner Aussage nach bräuchte er ein Schreiben der französischen Botschaft, aber diese würde ihn nicht für eine Reise durch Nigeria unterstützen weil es zu gefährlich sei. Man hat ihn der Botschaft verwiesen. So radelt er ohne Visa weiter nach Togo.

Das Hostel, Ein Ort an dem man unter Reisenden ist. Janine, eine nettes deutsches, sehr naives Mädchen. Mit ihr besuche ich die Markthallen und laufe durch Accra. Ein hübsches junges Girl das gerade erst angefangen hat Medizin in Hamburg zu studieren. Seit letztem Jahr einen ghanaischen Polizisten zum Freund hat, den sie jetzt besucht. Wie so viele deutsche Mädels, die ich in Accra kennenlerne, jede zweite die einige Zeit in Ghana alleine verbringt, hat einen ghanaischen Freund an der Backe. Ich muss erst mal wieder irgendwo Ankommen. Seit Monrovia über einen Monat jeden Tag Action.
Wieder so viel erlebt was verarbeitet werden will, Urwald, Schotter und Schlammpisten, Menschen. Kein Tag Ruhepause abgesehen von den vier Tagen mit Malaria in Burmi. Unglaublich, Monrovia kommt mir inzwischen sooo weit in der Vergangenheit vor. Ich kontaktiere eine Bekannte die gerade erst vor einem Monat den Job als Lehrerin in der Swiss German School hier in Accra begonnen hat. Ariane antwortet sofort so das ich nach zwei Tagen Camping auf dem Hoteldach eine feste Bleibe in Accra beziehe. Ariane kannte ich vorher nur kurz vom sehen. Von Hanne, einer gemeinsamen Freundin hatte ich erfahren dass Ariane von Gießen nach Accra zieht, um gleich für vier Jahre als Schulleiterin hier zu arbeiten. Genau zur richtigen Zeit, so wartet bei Ariane auch schon ein nettes Carepaket für mich. Fast wie Weihnachten und Ostern Zusammen. Ersatzteile für Biki, mit dem ich im wahrsten Sinne des Wortes auf dem letzten Zahn nach Accra gerollt bin. Bilder, Speicherkarten und kleine Nettigkeiten.

Sie wohnt ganz in der Nähe der Schule und ist geradezu vereinnahmt von ihrem neuen Job. Aber was erwartet man wenn man die Stellung als Schulleiter in einem Drittweltland übernimmt? Soo vieles das änderst arbeitet, funktioniert oder eben gar nicht funktioniert. Aber Ariane hat nach diesen sechs Wochen die Sache schon ganz gut im Griff.

 

22. September, Tag der Wahlen in Deutschland, Public Viewing in der German Swiss School. Nachmittags sitzt die deutsche Gemeinschaft in der Aula und verfolgt im Livestream die Ergebnisse. Darunter natürlich auch ein Vertreter der deutschen Botschaft. Thoma Wimmer, ich sprechen ihn an und hake nach ob er mir nicht ein Empfehlungsschreiben für Nigeria mitgeben kann. Wirklich nett er setzt sich wirklich für mich ein. Ich bekomme, drei Tage später, ein Unterstützungsschreiben von der deutschen Botschaft in Accra für meine Afrika Reise. Eine direkte Empfehlung für Nigeria kann auch er mir nicht geben, weil das Auswärtige Amt von Deutschland vor Reisen nach Nigeria warnt. Aber das ist schon einmal viel wert.

Abends sitze ich oft mit Ariane auf der Veranda bei einem Glas Wein. Sie hat eine traumhafte Wohnung gefunden. Eine kleine Oase mitten im Hubel und Trubel Accras. Keine hundert Meter über ihr Afrika von der bunten gedrängten chaotischen Seite. Dicht an dicht Wohnen in Blechhütten mit spannenden Märkten. Selbst auf der Hauptstraße kein durchkommen. Für hundert Meter ein Stunde stehen im Stau. Ariane wohnt in einem tollem, im Kolonialstil errichtetem Holzhaus mit Blick auf einen grünen und dicht zugewachsenen Garten. Natürlich geschützt von einer fetten Mauer und Stacheldraht oben drauf.

Und das mit der Ruhe in Afrika ist eh so eine Sache. Jeder macht was er will. Da kommt’s schon vor das der Nachbar mitten in der Nacht die Boxen voll aufdreht.

Oder kurzerhand die Straße mit Boxentürmen versperrt wird und eine Hochzeit vor deine Haustür gefeiert wird. Jeder Afrikaner tanzt für sein Leben gern.

Schon die Kids lernen lustige Moves. Ich bin schon das zweite Wochenende bei Ariane. Am Sonntag früh findet ein Marathonlauf statt. Ariane hat ihre Schulkids am Start, die die zehn Kilometer rennen. Ich springe als Fotograf ein, radle die Strecke ab und mache ein paar Bilder. Schon nach zwei Wochen kennt man so einige Gesichter, und wird erkannt. Wie so oft entpuppt sich die Welt als kleines Dorf. Erst am Montag kann ich meinen Visa Antrag mit allen Papieren die ich habe bei der nigerianischen Botschaft abgeben. Das Empfehlungsschreiben der deutschen Botschaft, ein Dokument das ich für eine Nigerianische NGO tätig bin, und eine Hotelreservierung. Zudem muss ich erst einmal achtundneunzig US Dollar überweisen und wofür? Das ich nach zwei Tagen trotzdem leer ausgehe – kein Visa. Zudem habe ich meine erlaubte Aufenthaltsdauer hier in Ghana überschritten. Das wäre mir schnuppe gewesen wenn ich mein Visum für Nigeria bekommen hätte. So habe ich nichts und rechne mit Ärger bei der Ausreise Ghanas weil mein Visum überschritten ist. Ja, ich stelle mich sogar schon darauf ein mit dem Flugzeug weiterzureisen sollte ich kein nigerianisches Visum bekommen. Aber noch besteht eine kleine Chance aufs Visa in Togo oder Benin.

Tags darauf bin ich sehr viel erfolgreicher, innerhalb eines Tages bekomme ich das Togo und Benin Visum. Zwar für zehn Euro Express Gebühren, ich muss zusehen schnell an die Grenze zu kommen, um mein Visum nicht völlig zu überziehen.

Ja, und nach zwei Wochen Accra ist an der Zeit wieder in die Puschen zu kommen.

Es ist Freitagvormittag der vierte Oktober. An der German Swiss School verabschiede ich mich von Ariane. Wir hatten eine spannende Zeit miteinander verbracht, schon mutig einfach mal so für vier Jahre die Schulleitung in einem so fremden Land zu übernehmen, und vieles hinter sich zu lassen.

Ja da ist der Unterschied zu meiner letzten Reise: Immer wieder Orte in Afrika, spannenden Menschen bei denen ich mal eine länger Zeit verbringe. Damit einen kleinen Blick hinter die Kulissen bekommen. Die Wochen bei Ulrike in Dakar, bei Martin in Freetown, einen Monat bei Lisa in Monrovia und jetzt wieder 14 Tage hier bei Ariane in Accra. Jeder der einen wohl nicht ganz alltäglichen Weg in West Afrika eingeschlagen hat. Dazwischen der Urwald, Regenzeit und der Kampf mit Bürokratien. Diese Reise ist weitaus mehr als nur Radfahren geworden.

Raus aus Accra an der Küste entlang. Ja nachdem ich die zuvor Wochen lang nur durchs Hinterland geradelt war, ein anderes Bild. Erst noch nach und durch Tema, Accras Hafenviertel, entlang von Containern Lagerstätten und ewigen LKW Schlangen, die darauf warten be- und entladen zu werden.

Dahinter hört die Stadt und die dicht besiedelten Gebiete schlagartig auf, eine Ebene - nicht mal großartig zum Anbau genutzt - ab und zu Sandhügel oder eine unfertige Bauruine. Um vier Uhr holt mich ein Regenschauer ein, schon seit zwei Stunden hatte ich die schwarze Wolkenfront vor mir, viel früher habe ich mit dem Schauer gerechnet. Ich finde Unterschlupf in einem Rohbau mit Blechdach.

Es wird nicht mehr hell, es pisst bis tief in die Nacht. Ich schlage mein Innenzelt hier zwischen dem Bauschutt auf.

Weiter, die Bundesstraße Richtung Togo. Es geht über den Flusslauf der oben aus dem Volta See kommt. Dahinter verlasse ich die Hauptstraße. Rein in die Mangroven an den Küstenstreifen. Diesen Abend finde ich eine verträumte Lehmhütte mit Strohdach, gut versteckt drei Hundert Meter ab der Piste. Ein Platz mitten in den Mangroven. Dazu dieser tolle Sonnenuntergang, das lässt den Regen und das Unwetter von gestern schnell vergessen. Ein märchenhafter Ort, wenn, ja wenn da nicht die Moskitos wären. Selbst die Minuten in denen ich meinen Kram ins Innenzelt lege, zig Stiche und zwanzig Moskitos im Zelt. Kein Problem; im Zelt sind sie schnell erschlagen, nur hatten die Mistviecher schon zugestochen. Blutspuren an der Innenzeltwand.

Der letzte Tag in Ghana ein Traum an Landschaft. Nach Wochen des tiefsten Grüns, sandfarbene Töne. Tomatenernte so weit das Auge reicht. Noch ein Stück durch die Mangroven und dann direkt am Küstenstreifen entlang. Ein Fischerort an den anderen gereiht, dazwischen Tomatenfelder. Alle sind entweder auf dem Feld, gehen oder kommen aus der Kirche. Laute Musik aus den Bars – eine entspannte Stimmung.

 

Ein Binnensee zur linken, rechts der Atlantik, die Landzunge zwischen den zwei Gewässern ist kein Kilometer breit.
Das sind die Momente an denen sogar ich denke ich bin zu schnell mit Biki. Hier gibt es soo viel zu sehen, zu Erleben das die paar Stunden in denen ich durch gleite nicht ausreichen.

Aber ich will mein Visa nicht mehr als eine Woche überziehen. Es ist Sonntagnachmittag, vor der Grenze beginnt das Gewusel. Wie ein Aal, schlängel ich mich durch zum Grenzposten. Unproblematischer als ich es mir ausgerechnet habe bekomme ich meinen Ausreisestempel. Für die Strafgebühr von 50.000 Cedi, fünfzehn Euro, und ein paar Fragen später ist alles gut. Genau jetzt setzt wieder ein Unwetter ein. Im Regenschauer auf die Togolesische Seite. Die stellen sich etwas stur. Nur auf Französisch und mit zig Fragen die nicht wirklich viel zur Sache tun bekomme ich meinen Einreisestempel. Dabei stell ich fest das die Jungs der Botschaft von Benin mir ein falsches Datum eingetragen haben. Anstelle des fünften haben die den fünfzehnten eingetragen.

Ich mogel mich durch die Zollkontrolle zwischen den Autos und denen die sich mit ihren Koffern in eine Schlange stellen, schlüpfe durch eine Schranke. Ein gewagtes Spiel, wenn sie mich erwischen könnten sie verärgert sein und mich wieder richtig durchchecken, alles auseinander nehmen. Aber auf der anderen Seite wird es dunkel und ich muss noch eine Bleibe in Togo finden.

Gleich hinter dieser Schranke beginnt Lomé, die Hauptstadt Togos. Ich finde ein gemütliches Hostel mit netten Gästen. The Galeone, jetzt bleibt mir einige Zeit, mein beniner Visa startet erst in Zehn Tagen und die Grenze ist gerade mal fünfzig Kilometer entfernt.

 

Ich treffe lustige Portugiesen die mit ihrem Landcruiser auch Overland unterwegs sind. Die haben auch noch keine Visa für Nigeria und wollen das in Benin beantragen. Die ersten Overlander seit Nouakchott die ich treffe. Hier im Hostel, erste Backpacker und sogar „echte“ Touristen die ich seit Dakar treffe. Lomé ist ein entspannter Ort, die ruhigste Stadt die ich bis jetzt in Afrika vorfinde, kaum zu glauben wie entspannt es hier zugeht. Man vermisst schon fast was.

Auf der nigerianischen Botschaft werde ich zwar abgewiesen aber auch die Sekretärin meint ich solle es in Benin nochmal versuchen. Das gibt Hoffnung, ähnliche Kommentare gab’s schon in Monrovia vom Botschafter, um uns loszuwerden. Langweilig wird es mir nicht, der Strand vor der Tür mein Biki das immer noch etwas der Pflege bedarf und immer wieder schräge Personen die man hier im Galeone trifft. Ja auch die Rucksacktouries die hier enden sind nicht mit denen zu vergleichen die man sonst so kennt. Die Meisten sind zum dritten vierten Mal in Afrika unterwegs. Ein Autoschieber mit deutschem Reisepass aus dem Libanon der hier mit seinem Bruder Autos vermarktet, das Hostel geführt von einem Schweizer der ausgewandert ist, ein Sozialarbeiter der für etliche NGOs arbeitet, jeder der dich etwas unterstützt, hilft und dir von seinem Afrika erzählt.

Hunderte tausende Geschichten Storys, Erlebnisse von Wüstendurchquerungen, Tierbegegnungen, Voodoo Sessions, Spinnenbissen, zu Überfällen, Krankheiten oder eingepfercht in einem Bus zu zwanzigst, für Stunden zu hocken, nur um ein paar Kilometer ins Hinterland zu gelangen.

Ich genieße die Freiheit mit Biki, he sogar in der Zeit mit dem Franzosen fühlte ich mich etwas eingeschränkt. Ja ich brauche meinen Freiraum. Gespannt ob ich das Visa für Nigeria nun in Benin, bekomme oder nicht, gespannt wie meine Geschichte weitergeht.

So beende ich diesen Blog wieder in einer dieser Landeshauptstädte, die ich bis vor kurzem noch nicht einmal namentlich kannte, Lomé in Togo.

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